Der Fall des Konstanzer Alt-OB Helmle – Helmles Fall

Alt-OB Helmle wegen NS-Zeit weiter im Zwielicht – Gemeinderat entscheidet über Entzug der Ehrenbürgerwürde im Mai

Konstanz. Kann der frühere Konstanzer Oberbürgermeister Bruno Helmle Ehrenbürger seiner Stadt bleiben – ja oder nein? In der Gemeinderatssitzung am 5. Mai wird der Konstanzer Gemeinderat über den Fall Helmle und darüber, wie tief Helmle fällt, entscheiden. Nach einer ersten Aussprache im Ratssaal schien bereits klar, dass Helmle nicht Ehrenbürger bleiben kann. Auch die veröffentlichte Meinung vermittelte dieses Bild. Bei der öffentlichen Debatte im Konzil gab es aber auch andere Stimmen. Zu Wort meldeten sich auch Fürsprecher, unter ihnen ein früherer Schwiegersohn Helmles und Zeitzeugen, die Helmle persönlich kannten. Während die einen vor Verharmlosung warnten, sprachen andere von Selbstgerechtigkeit.

Wissenschaftler befragt

Die Historiker Lothar Burchardt und Jürgen Klöckler und der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel trugen noch einmal wesentliche Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit vor und beantworteten Fragen der Bürger. Einige aus den Reihen der Zuhörer wollten Stellung zu dem von den drei Wissenschaftlern vorgelegten Gutachten über Bruno Helmle und dessen Rolle in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nehmen.

Volk von Mitläufern

Das Schlusswort sprach vor etwa 150 Zuhörerinnern und Zuhörern nach fast zwei Stunden Oberbürgermeister Horst Frank. Er sagte: „Wir werden eine Antwort geben müssen.“ Frank sprach von Verantwortung und von der heutigen Generation, den Nachgeborenen. Er fragte: „Wie werten wir Helmle?“ Der OB stellte noch einmal die Frage, die am Abend immer wieder im Raum stand: „Wie hätten wir uns verhalten, und was bedeutet das heute für die Gesellschaft?“

Früherer Uni-Sprecher meldete sich

Wolfram Vogel, bis 1996 Sprecher der Universität Konstanz, war der erste, der sich zu Wort meldete. Er sagte, er habe Helmle gut gekannt. Als Helmle Ehrensenator wurde, schrieb Vogel die Laudatio. Er habe den Alt-OB, der zusammen mit Kurt Georg Kiesinger Konstanzer Ehrenbürger wurde, damals auch gefragt, was er in der Nazi-Zeit gemacht habe. Helmle habe ihm geantwortet, er sei nie ein Nazi gewesen. Er habe gemacht, was „man machen musste“, um „dabei zu bleiben“.

Geschönte Vita normal

Vogel charakterisierte Helmle als „ehrgeizig“ und „eitel“. Als Helmle im Ruhestand war, habe der Alt-OB in die Universität „hinein gedrängt“. Manfred Timmermann habe Helmle, der unbedingt Honorar-Professor werden wollte, gesagt, Voraussetzung sei, dass Helmle ein Buch schreibe. Darauf hin habe Helmle begonnen, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Vogels Urteil: „Helmle hat seine Vita geschönt wie jeder andere auch.“ Es gebe einen Helmle in der NS-Zeit und einen in der Nachkriegszeit. Die Frage sei, was mehr Gewicht habe.

NSDAP-Austritt durch Nichtbezahlen

Ans Mikofon trat auch ein ehemaliger Schwiegersohn Helmles, der1943 geboren ist. Er sagte Helmle sei ein „Pazifist“ gewesen. Ein Austritt aus der NSDAP sei damals fast unmöglich gewesen. Helmle habe bewusst ab 1940 keine Beiträge mehr an die Partei bezahlt. Der frühere Ehemann von Helmles Tochter verglich Helmle gar mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der seine Gesinnung ebenfalls verändert habe. Weiter sagte der frühere Schwiegersohn Helmles, Helmle habe sich persönlich für Juden und Widerstandskämpfer eingesetzt. Der Physiker zitierte eine Quelle – Historiker Klöckler sagte später aber, dass solche Quellen nicht aussagekräftig seien. Als 1966 der Gründungsvertrag der Universität unterzeichnet worden sei, so der frühere Schwiegersohn, habe dieser Termin nicht zufällig im Hotel Panorama von Sigmund Nissenbaum, eines Konstanzers jüdischen Glaubens, und in dessen Anwesenheit stattgefunden.

Helmles Verdienst die Universität

Helga Jauss-Meyer sagte, sie sei Stadträtin gewesen, als Helmle die Ehrenbürgerwürde zuerkannt wurde. Sie sagte, Helmles Verdienst sei es gewesen, sofort erkannt zu haben, was eine Universität für Konstanz bedeuten würde. Andere hätten das nicht gesehen. Sie selbst sei am Kriegsende 18 Jahre alt gewesen. Die Sozialdemokratin Helga Jauss-Meyer sagte: „Helmle hat sich benommen wie ein Großteil der Bevölkerung.“ Dass so viele mitmachten, sei die Voraussetzung dafür gewesen, dass die Nazis so lange regieren konnten.

Lehrer Venedey verweigerte sich

Dieter Seewald, früherer Politikredakteur, hielt dagegen: „Es gab auch Leute, die es anders gemacht haben.“ Als an seinem  Gymnasium die Nazifahne gehisst worden sei, habe sein Lehrer Venedey gesagt, „ohne mich“.

„Fliegergeschädigter“ in Mannheim

Die Frage tauchte auf, wofür Helmle die Ehrenbürgerwürde zuerkannt bekam, für seine Verdienste als Konstanzer Oberbürgermeister oder für sein ganzes Leben? Lässt sich das eine vom anderen trennen? Was war mit den Persilscheinen? Wie oft hat Helmle getäuscht, um sich reinzuwaschen, und wie oft hat er sich aus unangenehmen Situationen herausgewunden? Er sei kein Nazi gewesen – man möge ihn an seinen Taten messen, meinten einige. Es ging auch noch einmal um die persönliche Schuld Helmles und darum, dass Helmle persönlich von der Judenverfolgung profitierte, als er als „Fliegergeschädigter“ in Mannheim – unabhängig von seiner Gesinnung – beschlagnahmtes „Judengut“ erwarb. Rechtlich war das damals in Ordnung – moralisch war es verwerflich.

Helmle der Täuscher

Der Historiker Gert Zang fragte danach, was Helmle während des Krieges gemacht hat. Helmle war nicht bei der Wehrmacht, zuerst galt er als „unabkömmlich“, später legte er ein Attest vor und war ein dreiviertel Jahr lang krank. Klöckler sagte, Helmle habe nach dem Krieg geäußert, dass er Soldat war. Nicht weg diskutieren lässt sich, dass Helmle in diesem und in mehreren anderen Fällen nicht die Wahrheit gesagt hat, dass er einiges beschönigte, in Konstanz nur maschinengeschriebene, unbeglaubigte Zeugnisse vorlegte, die in einem Fall nicht mit dem Original übereinstimmten, und dass er die Menschen bis in die 90-er Jahre täuschte.

Der Fall Helmle

Politikwissenschaftler Seibel stellte klar, dass im Konzil kein Tribunal veranstaltet werden sollte. Er sagte, gestellt werde die Historiker-Frage „Was ist gewesen?“. Er stellte klar, dass in der NS-Zeit nicht nur Nazis für Verbrechen verantwortlich waren, sondern alle, die mit machten und mit halfen. Seibel sagte: „So ein Fall ist Helmle, er hat mitgemacht, in einer Form, die so nicht nötig gewesen wäre.“ Später sagte er noch, was Helmle getan habe, sei „moralisch verwerflich“ gewesen. Mit Selbstgerechtigkeit habe solch eine Aussage nichts zu tun.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.