Der hemmungslosen Vermarktung des Bodensee Ufers Einhalt gebieten

Architekten laden zur Seefahrt und schauen auch auf verlorenes Paradies

Friedrichshafen/Überlingen (sig) Eine Seefahrt die ist lustig, heißt es im Lied, manchmal ist sie auch informativ. Die am Samstag war es. Die Gruppe Bodenseekreis der Architektenkammer hatte die Idee, mit Kollegen und Gästen an Bord die Bodenseeregion vom Schiff aus zu beleuchten. Nach sechs! Stunden waren alle 150 Passagiere begeistert – nicht nur des Wetters wegen.

Schick am See zu wohnen

„Wie baut man in dieser Landschaft, hat man ein Recht auf Seesicht?“, fragte Landschaftsarchitekt Helmut Hornstein. Er erinnerte an die Zeit, als sich die Landwirte am Stammtisch auf die Schenkel klopften, weil wieder einmal einer noch Geld dafür zahlen wollte, um eine ihrer sauren Seeuferwiesen zu übernehmen. Diese Zeiten sind vorbei. Mit der Industriealisierung sind Seesichtlagen teurer geworden. Inzwischen ist es „schick“, eine Zweitwohnung am See zu haben, ist die Sehnsucht nach dem weiten Blick über den See zum Statussymbol geworden.

Krebsgeschwür in Uhldingen

Hornstein lobte die früh gebauten Villen zwischen Lindau und Überlingen mit ihrer Gartenkultur, die das Landschaftsbild keineswegs zerstörten. Das habe sich geändert. In Uhldingen gebe es ein „schlimmes (Bebauungs)-Krebsgeschwür“ im Osten der Gemeinde, Ausuferungen beklagt er in Überlingen. Dabei sei die Art Demokratisierung in den 50er Jahren vielen Gemeinden gut bekommen. Aus kleinen Provinznestern seien weltoffene Kommunen geworden, was der Region geholfen habe, allerdings habe es gute und weniger gute Lösungen gegeben.

Verlust der Gartenkultur

Der Landschaftsarchitekt unterteilte die Lagen ironisch in „Teil-Seesicht“ (nur die zweitbeste Lösung), in die Winter-Seesicht“ (da haben die Bäume kein Laub), den „Seeblick“ und „unverbaubaren Seeblick“, der besten Lösung. Seine Erfahrung mit betuchten Investoren: „Je teurer das Grundstück, je weniger hat der Architekt zu sagen, da dominiert der Rechtsanwalt“. Hornstein kritisierte „die völlig gesichtslosen Gebäude mit vielen Fenstern ohne Blick“, und erlebt, je näher sie rangehen“, je schlimmer wird die Geschichte“. Im Vergleich zu den Anfängen gäbe es die vielgerühmte Gartenkultur „in diesen gesichtslosen Siedlungen“ am Bodensee nicht mehr. Es handle sich lediglich noch um „aneinandergeratene ausgemostete Häuser“. Gut gestaltete Siedlungen fehlten vollkommen.

Primat der Ökologie ein Muss

Dabei müsste in der Seeuferlinie (der ersten Linie hinter dem Wasser) die Ökologie ein absolutes Primat haben. Nur noch öffentliche Bauten, stellt er sich dort vor, private Bauten müssten tabu sein. Heute haben wenige Private das Privileg Seesicht zu genießen, geißelte er die hemmungslose Vermarktung des Ufers, der Einhalt geboten werden müsse. Die Gemeinden müssten die Grenzen ihrer Identität erkennen. Heute diktierten Bauträger die Verdichtung, nicht die Architekten, forderte er Restriktionen für die Bebauung des Seeufers und eine öffentliche Diskussion über Architektur und Siedlungsentwicklung am Bodensee.

Mehr Zusammenarbeit der Kommunen verlangt

Eine engere Zusammenarbeit der Kommunen am See, empfahl der frühere Leiter des Friedrichshafener Stadtplanungsamtes, Professor Eugen Rabold. Er monierte die fehlende B 31 neu und forderte den Einsatz des Katamarans auch nach Lindau und Bregenz.

Immer mehr Bebbauung am See

Der Bodensee ist ein Magnet – und sauber“, sagte der Leiter des Seenforschungsinstituts, Dr. Gerd Schröder, von 1,5 Millionen Einwohnern rund um den See sowie 2,2 Millionen Besucher jedes Jahr. Zu diesem Einzugsgebiet (von wegen „Schwäbisches Meer“) zählen fünf Länder und acht Kantone. Eine Grenzziehung zwischen den Staaten gibt es auf dem See nicht. Die Bebauung hat in den vergangenen 50 Jahren stark zugenommen, teils betrug das Wachstum über 80 Prozent. 224 hocheffiziente Kläranlagen kümmern sich um sauberes Wasser, in dem wieder mehr Felchen schwimmen. Nachholbedarf gibt es im Bereich des Uferbereichs und der Flachwasserzone. Nur 40 Prozent befinden sich noch in naturnahen Zustand.

Friedrichshafen im Fokus

Die Stadt Friedrichshafen hat Interesse, das heutige Werft-Areal, das an die Innenstadt und ans Wasser grenzt, einer mittel- beziehungsweise langfristigen Nutzung zuzuführen, ihm einen neuen Charakter zu geben, erläuterte Friedrichshafens Erster Bürgermeister Dr. Stefan Köhler . Die Stadt habe das Wasser als städtebauliche Chance erkannt und stehe Gewehr bei Fuß , ein stückweit die Stadt am Wasser sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln. Allerdings gibt es noch kein fertiges Konzept. Schon deshalb nicht, weil die Fläche zu über einem Drittel den Bodensee Schiffsbetrieben gehört und die erst einen neuen Werftstandort sucht. Die nächsten drei bis fünf Jahre werde hier noch nichts passieren. Für Markus Müller freilich ein idealer Zeitraum, Qualität zu erzeugen und zu untersuchen, wie die Fläche vernetzt werden kann und was mit der Eisenbahnfläche geschehen soll, die die Stadt heute teilt.

Bevölkerung wächst durch Zuzug Älterer

Dipl.Ing. Norbert Schültke vom Bodenseekreis sieht auffällige Gemeinsamkeiten zwischen der Stadtregion Stuttgart und der Bodenseeregion und machte das an einem Satelittenbild deutlich. Beide haben auf der selben Fläche die etwa gleiche Bevölkerungszahl und halte High-tech-Arbeitsplätze vor. Im Gegensatz zu anderen Regionen wachse am Bodensee die Bevölkerungszahl – allerdings durch den Zuzug ältere Menschen.

Bodensee-Manifest der Architekten

Fünf Thesen, ein Bodensee-Manifest der Architekten im Bodenseekreis, stellte Markus Müller zur Diskussion. Danach plädieren sie etwa dafür, die landschaftlichen Qualitäten stärker in städtebauliche Planungen – im Sinne von Städte bauen – einzubeziehen und für eine neue Diskussion über landschaftsgerechte Architektur am Bodensee. Die Kommunen fordern sie auf, die soziale Neuschichtung der Städte und Gemeinden nicht nur an Einzelprojekten festzumachen, sondern ihre Planungen auf konsequente bauliche und soziale Innenentwicklung und Strukturverbesserung zu konzentrieren.

Foto: sig/Nicht jede Uferbebauung ist der Hit. Die Kammergruppe Bodenseekreis der Architektenkammer Baden-Württemberg informierte und diskutierte am Samstag sechs Stunden lang auf dem Katamaran zwischen Kressbronn und Sipplingen die Uferbebauung, die Referenten von links: Landschaftsarchitekt Helmut Hornstein, Kreisdezernent für Umwelt und Technik, Norbert Schültke, Professor Eugen Rabold, ehemals Leiter des Häfler Stadtplanungsamtes, die organisierenden Architekten Markus Müller und Fritz Hack sowie der Leiter des Instituts für Seenfurschung in Langenargen, Dr. Gerd Schröder.

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