„Der Kongress der Zukunft“: Bodenseeraum will Impulse geben

Micelab_PauseRorschach/Bregenz/Konstanz/Friedrichshafen. Wie sieht „der Kongress der Zukunft“ aus, ist eine Frage mit der sich Kongressveranstalter auch am Bodensee beschäftigen. Sie machten sich in Rorschach auf die Suche nach neuen Formaten und Kongressen, die zeitgleich virtuell und real stattfinden. Der Bodenseeraum entwickle sich zum Impulszentrum, so die Botschaft. Fest steht zumindest: Kongresse mit einem Vortragenden und vielen Zuhörern sind out.

Forschungsprojekt sucht neue Ansätze

Neue Ansätze für die Gestaltung von Kongressen zu finden: Dies ist das Ziel des Forschungsprojekts „mice lab“ des Netzwerks BodenseeMeeting. Im Juni trafen sich erstmals zehn Experten aus unterschiedlichen Disziplinen, um zu ergründen, wie Teilnehmer Kongresse mitgestalten, ihr Wissen optimal austauschen und sich besser vernetzen können. Am dritten Tag folgte ein Austausch mit Branchenvertretern. Die Ergebnisse sind auf der Webseite www.bodenseemeeting.com veröffentlicht worden. Das Interreg-Projekt „mice lab“ soll nächstes Jahr wieder stattfinden.

 Mehr als tausend Kongresse jedes Jahr am Bodensee

Im Bodenseeraum finden jedes Jahr weit über tausend mehrtägige Kongresse und Großveranstaltungen in zahlreichen Veranstaltungszentren statt. „Das Festspielhaus Bregenz ist eines davon. Wir alle wollen auf diesem Gebiet langfristig wettbewerbsfähig bleiben und den Teilnehmern solcher Veranstaltungen einen möglichst großen Nutzen bieten“, sagt Festspielhaus-Direktor Gerhard Stübe, der auch Sprecher der Interessensplattform BodenseeMeeting ist. „Wir haben das Forschungsprojekt mice lab gestartet, um die Anforderungen an Kongresse der Zukunft zu erarbeiten.“ Das BodenseeMeeting ist ein länderübergreifendes Netzwerk von Vertreter aus der Kongressbranche, dem Tourismus und der Wirtschaft. Es beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit der Vermarktung und Weiterentwicklung der Bodenseeregion als Tagungs- und Kongresslandschaft.

Einzigartiges Forschungsprojekt

Mit dem „mice lab – Der Kongress der Zukunft“ (MICE: Meeting, Incentive, Congress, Event) hat das Netzwerk Ende Juni ein einzigartiges Forschungsprojekt gestartet, das vom Interreg IV-Programm „Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein“ mit Fördermitteln der Europäischen Union und von der Schweiz unterstützt wird. Zehn Experten trafen bei dreitägigen Workshops in Rorschach zusammen, um herauszufinden, welche Bedürfnisse Kongresse künftig erfüllen sollten. „Beim Kongress der Zukunft geht es nicht mehr nur um reinen Wissenstransfer. Die wichtigsten Faktoren sind Begegnung und Vernetzung“, bringt es Stübe auf den Punkt.

Spannender Diskurs

Die geladene Expertenrunde versprach einen spannenden Austausch: Dabei waren etwa die Theaterdramaturgin und Intendantin des Kunstfestivals „Steirischer Herbst“ Veronica Kaup-Hasler, der Therapeut und Schwertmeister Günther Maag-Röckemann, der bekannte deutsche Soziologe Gerhard Schulze, der Spezialist im Bereich Digitale Teilhabe Andreas Gebhard oder die Kongressdramaturgin Tina Gadow. Nach zweieinhalb Tagen in Klausur teilten die Experten ihre Erkenntnisse am letzten Nachmittag mit Branchenvertretern aus dem Bodenseeraum im Rahmen von Kurzvorträgen und vertiefenden Workshops.

Austausch von Wissen und Kontakten

Die klassische Kongress-Situation „Wissender trifft auf viele Unwissende“ müsse aufgebrochen werden, darin waren sich alle einig. Der Trend führe weg von wenigen Vortragenden mit Reihenbestuhlung hin zum Moderator für ein breites Publikum, das selbst viel beizutragen hat und mitgestalten will. Stübe sieht darin ein Paradigmenwechsel. „Plant man heutzutage keine große Beteiligung der Teilnehmer an Kongressen ein, gehört man zum Auslaufmodell“, warnt der erfahrende Festspielhaus-Direktor.

Strukturen geben Orientierung

Eine große Herausforderung ist es demnach, neue Formate zu entwickeln. Stichwort war hier der „chaordische“ Kongress, eine Kombination aus Chaos und Ordnung bzw. aus freien Gestaltungsräumen und klaren Strukturen. Veronica Kaup-Hasler, Dramaturgin und Intendantin des Kunstfestivals „Steirischer Herbst“ betonte, dass „Veranstalter, Organisatoren, Kongresshausbetreiber, Techniker, Caterer und andere Beteiligte gemeinsam einen Kongress gestalten und die Bedürfnisse der Teilnehmer berücksichtigen müssen.“ Sie sollen gemeinsam Gastgeber sein und eine einladende Atmosphäre für gute Begegnungen schaffen.

 Zunehmende Digitalisierung

Nicht zuletzt war auch die zunehmende Digitalisierung ein zentrales Thema. Andreas Gebhard, Spezialist auf dem Gebiet der digitalen Teilhabe, wies auf mögliche künftige Entwicklungen hin, die die Kongresskultur beeinflussen könnten. „Ich gehe davon aus, dass Hybridkongresse zur Normalität werden“, ist Gebhard überzeugt. Dies sind Kongresse, die analog innerhalb einer Location stattfinden und gleichzeitig außerhalb der Location über die virtuellen Medien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Kritisch betrachtet Gebhard die Monopolisierung des Wissens durch wenige Unternehmen wie etwa Google. „Das Wissen verdoppelt sich derzeit alle 18 Monate und wird dies künftig noch schneller tun. Die zunehmende Privatisierung ist meiner Ansicht nach eine bedenkliche Entwicklung und könnte uns vor große Herausforderungen stellen.“

Über das Netzwerk BodenseeMeeting

Das Netzwerk BodenseeMeeting ist eine länderübergreifende Vermarktungs- und Interessensgemeinschaft mit Vertretern aus der Kongressbranche, der Wirtschaft und des Tourismus. Seit mittlerweile zwanzig Jahren beschäftigen sich die Mitglieder mit der Weiterentwicklung der Kongress- und Tagungslandschaft im Bodenseeraum. In der Region Bodensee finden jedes Jahr über tausend nächtigungswirksame Veranstaltungen statt. Dabei spannt sich der Bogen von internationalen Kongressen im Bereich Medizin und Verbandskongressen über große Firmenveranstaltungen bis hin zur jährlich stattfindenden Nobelpreisträger-Tagung. Die Mitglieder des Netzwerks BodenseeMeeting stammen aus den Bodensee-Anrainerstaaten Österreich, Deutschland und Schweiz sowie aus Liechtenstein. Aktuell sind dies: Festspielhaus Bregenz, Säntis-Schwebebahn, Kultur- & Congress-Centrum Graf-Zeppelin-Haus, Tourist-Information Konstanz, Lindau Tourismus und Kongresse, Insel Mainau, Meersburg Tourismus, Milchwerk Radolfzell, SAL – Saal am Lindenplatz, Singen Congress, St. Gallen-Bodensee Convention, Überlingen am Bodensee, Würth Haus Rorschach.

Infos unter www.bodenseemeeting.com

Ein Kommentar to “„Der Kongress der Zukunft“: Bodenseeraum will Impulse geben”

  1. Matthias Holzmann
    30. Juli 2013 at 15:12 #

    Ein sehr interessanter Artikel. Kongresse werden sich sicherlich in Zukunft ändern. Wir arbeiten an der Mosel an einem Projekt in diese Richtung.

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