Der Münsterturm passt ins „Wessenberg“

Guido Kaspers umgedrehte fotografierte schöne neue Welt

guido detail klein_DSC4440Konstanz (wak) Guido Kasper könnte die Welt so abbilden wie sie aussieht. Kasper ist aber nicht nur Fotograf, sondern auch Künstler. Vielleicht hat er sich deswegen darauf spezialisiert, die Welt anders zu zeigen: Bei ihm erscheint sie großformatig, in die Breite gegangen, auf den Kopf gestellt, manipuliert und ein bisschen verrückt. Gern fotografiert Guido Kasper auch Bauwerke – Wolkenkratzer in Chicago, barocke Schlösser, demnächst vielleicht das städtische Museum in Überlingen oder das Konstanzer Münster draußen vor der Tür.

Ausstellungsraum Wessenberg Café

Wer sich Kaspers Fotokunst nähern möchte, könnte sich mit ihm zum Beispiel im Konstanzer Wessenberg-Café verabreden. Nicht des Espressos wegen hat der Fotograf das Wessenberg-Café als idealen Ort für eine Begegnung mit seiner Kunst vorgeschlagen. Guido Kasper wickelt sich aus seiner Winterjacke und zeigt auf die Theke. Die Kneipe ist sein Ausstellungsraum und die Theke im Wessenberg die Wand, auf der er seine Fotokunst präsentiert. Der Münsterturm ist der Gegenstand, mit dem er sich beschäftigt hat. Kasper redet von der Perspektive, von Linien, von draußen und drinnen und vom Schnittpunkt.

Kunst hinter Barhockern

Zu sagen, der Fotograf Guido Kasper hätte das Konstanzer Münster fotografiert, wäre wohl eher verkehrt oder zumindest nicht hinreichend richtig. Kasper suchte sich den gotischen Turm als Motiv aus und hat ihn – für das Auge sieht es wenigstens so aus – extrem zusammen gezoomt, bis er schließlich ins Wessenberg an die Theke passte. So ist es gekommen, dass hinter den Barhockern tatsächlich mehr als nur eine riesige graue Fläche zu sehen ist, auf der sich Linien abheben und Konturen sichtbar werden.

Turmspitze nähert sich dem Kneipenboden

Dass sich dort aber Fotokunst verbirgt, erschließt sich dem Betrachter nicht zwingend. Deswegen ist es – weniger für den Wirt des Wessenberg umso mehr aber für den Fotokünstler – gut, dass am frühen Abend die Barhocker noch nicht besetzt sind und der Blick auf Guido Kaspers großformatiges Foto frei ist. Es misst exakt elf Meter. Nein, Kasper hat den Turm nicht etwa quer gelegt, damit er besser ins Wessenberg gepasst hätte. Das Foto mit der Turmspitze, die knapp vor dem Kneipenboden endet, ist kein Hoch-, sondern ein extremes Querformat. Der Münsterturm ist auf seinem Foto senkrecht abgebildet, steht nur auf dem Kopf und ist – flapsig gesagt – dabei etwas aus der Form geraten.

Manipulierte Ansichten

In der schönen neuen Welt der digitalen Bilder, in der Kameras von selbst auslösen, wenn das zu fotografierende Objekt gerade lacht, ist fotografieren fast keine Kunst mehr. Kaspers Fotos sind es dagegen schon. Er redet von der Auseinanderentwicklung zweier Objekte. Der Fotokünstler erzählt von der Umwandlung der Vertikalen in die Horizontale. Er sagt, er manipuliere. Wer seine perspektivische Darstellung verstehen will, soll aber einfach schauen. Es gibt keine richtige oder falsche Betrachtungsweise. Der subjektive Blick zählt. Kasper will seine Bilder nicht erklären. Krücken verteilt er – wie die meisten Künstler – nur ungern. Dann aber redet er doch noch ein bisschen über die Zeit und unseren, wie er es formuliert, „unverhältnismäßig beschleunigten Lebensrhythmus“. Es geht um Komplexität und ums Splitten. Er schaut wieder auf den auf den Kopf gestellten in die Breite gegangenen Münsterturm. „Passt zu unserem veränderten Seinsempfinden“, sagt Kasper.

Kasper kommt an Wendepunkt

Vielleicht ist der Fotokünstler ein Vertreter einer ganz neuen Stilrichtung in der Fotografie im 21. Jahrhundert. Wie der von Pablo Picasso und Georges Braque begründete Kubismus Anfang des 20. Jahrhunderts ein Wendepunkt in der Malerei war und den Anfang der abstrakten Malerei und der künstlerischen Abstraktion bildete, so ist auch Guido Kasper ist mit seiner abstrakten Fotografie an einem Wendepunkt angelangt. Wer Kaspers Fotos verstehen will, sollte sich im Konstanzer Café Wessenberg einfach einmal auf einen Barhocker setzen und schräg nach unten schauen.

guido klein_DSC4348

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.