Dichter Martin Walser entdeckte „Fabrikle“ am See

Vor 25 Jahren begann die Geschichte des Sommertheaters am Bodensee

Konstanz/Meersburg/Überlingen (wak) Das Sommertheater des Konstanzer Stadttheaters feiert in diesem heißen Sommer Geburtstag. Seit einem viertel Jahrhundert spielen Konstanzer Schauspieler im Juli und August vier Wochen lang auf der anderen Seeseite. Erste Spielstätte war eine ehemalige Fabrik in Meersburg. Vor acht Jahren zogen die Konstanzer in eine ehemalige Kirche nach Überlingen um, die früher einmal Waffenlager war. Das „Fabrikle“ fürs Theater entdeckt hatte der Dichter Martin Walser.

Walsers und Hochhuths Spaziergang

Es war einmal am Bodensee. Es war einmal vor 25 Jahren. Die Dichter Martin Walser und Rolf Hochhuth machten einen Spaziergang an der Meersburger Promenade. Die beiden Schriftsteller träumten ihren Traum von einem eigenen Theater. Als der Dichter Martin Wasler das „Fabrikle“ zwischen See und Reben entdeckte, war das Sommertheater geboren. Die Spielstätte war gefunden. Martin Walser sprach bei der Stadt Meersburg und beim Konstanzer Stadttheater vor. Die Konstanzer wussten am Anfang nicht so Recht, was sie zu der Idee sagen sollten. Zum Stadttheater noch ein zweites Theater war dem Konstanzer Theater damals fast zu viel. Doch die damaligen Akteure, Martin Walser, Guntram Brummer, früherer Leiter des Überlinger Kulturamts, der Meersburger Bürgermeister Rudolf Landwehr, Theaterintendant Hans Ammann und Chefdramaturg Uli Khoun, heute Intendant des Deutschen Theaters Berlin, rauften sich zusammen.

Ein Autorentheater für Martin Walser

Am Anfang wäre so vieles vorstellbar gewesen. Ammann schwärmte davon, wie Schauspieler eine alte Fabrikhalle, in der einst 150 Webstühle ratterten, in Besitz nehmen würden. Ein Autorentheater hätte es werden können, für das Martin Walser Stücke geschrieben hätte. Seit 1977 stand die ehemalige Textilfabrik leer, die Raum für so viele Fantasien ließ. Schon vor einem viertel Jahrhundert wollte sie die Stadt Meersburg abreißen lassen und in der Premium Lage Platz am See für ein neues Hotel schaffen. Statt dessen wurde aber erst einmal ein paar Jahre sommerliches Theater gespielt. Die Konstanzer Schauspieler begeisterten ihr Publikum auf der anderen Seite des Sees. Und viele Konstanzer reisten von da an an sommerlichen Abenden mit der Fähre zum Theater nach Meersburg.

Theater-Uopien und Realitäten

Im Juli und August verwandelte sich Walsers „Fabrikle“ in eine Theaterspielstätte. Mit Turrinis „Der tollste Tag“ machte das Theater den Anfang. „Dann die Beobachtung, dass in der Novelle vom Fliehenden Pferd ein Kammerspiel schon vorgezeichnet ist“, schrieb Ulrich Khuon, bis Anfang der 90-er Jahre Intendant in Konstanz war. „Es ist die Verwirklichung einer kleinen Theater-Utopie“ erklärte später Rainer Mennicken, Khuons Nachfolger am Konstanzer Theater. Die Realität aber holte das Theater ein. Die Meersburger ließen die Fabrik abreißen. Das angeblich geplante 4-Sterne-plus-Hotel ist, zwar bis heute nicht gebaut. Wo einst in der Hämmerle-Fabrik Weber arbeiteten und später Theater gespielt wurde, parken seither Autos mit Blick auf den See. Das Theater aber drohte aufgrund der politischen Entscheidungobdachlos zu werden.

Sommertheater kehrte heim zu Walser

Sommertheaterfreunde bemühten sich um eine Alternative. Es klappte. Das Meersburger Sommertheater zog in die ehemalige Kapuzinerkirche nach Überlingen um, wo die Schauspieler in diesem heißen Sommer schon zum achten Mal auf der Bühne stehen. Die Schauspieler zogen aus der Fabrik in die Kirche um, die früher einmal Waffenlager war. Eine Fußnote wert wäre die Feststellung, dass das Theater jetzt an den Wohnort Martin Walsers heimgekehrt ist, der in Nussdorf wohnt. Das Ensemble mag die Atmosphäre in der Kirche. Dort gaben die Konstanzer „Romeo und Julia“, im vergangenen Jahr „Don Camillo und Peppone“ und in diesem Sommer darf ein Inspektor kommen. Auf Ammann, Khuon und Menicken folgte Theaterintendantin Dagmar Schlingmann, die nach dem Verlust der Meersburger Spielstätte mit dem Theater nach Überlingen gezogen ist. Auch Schlingmann ist nicht mehr da. Der Intendant des Konstanzer Theaters heißt im 25. Jahr Sommertheater Christoph Nix, der in diesem Sommer aber nicht in Übersee, sondern in Afrika spielt. „Ich wünsche mir, dass in Meersburg noch lange Zeit Reden gehalten werden, zum 10., 20. und 30. Jahr Sommertheater“, hatte sich Ammann einmal gewünscht. Ganz hat sich sein Wunsch nicht erfüllt, aber Reden werden noch immer gehalten, wenn auch nicht in Meersburg, sopndern in Überlingen. Die Hämmerle-Fabrik ist nur noch Erinnerung, das Sommertheater lebt.Happy Birthday Sommertheater.

Fotos: wak

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