Die neue Kultur des Teilens von Wissen

Frankfurter Buchcamp, Konstanzer Barcamp, Weisheit der Vielen, Speed-Dating und Web 2.0

Konstanz (red) An ersten Samstag und Sonntag im Juni verwandelt sich die HTWG in Konstanz in ein Barcamp. Vom 4. bis 6. Juni findet an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung das erste Konstanzer Barcamp mit jeweils knapp 250 Teilnehmern statt. Für die Teilnehmer ist es kostenlos. Vor wenigen Wochen gab es in Frankfurt das erste Buchcamp Deutschlands. Als lokaler Medienpartner des Barcamps haben wir in den vergangenen Wochen gelernt: Mit Camping und Würstchen grillen haben die Camps nichts zu tun, sondern vielmehr mit dem Austausch von Wissen und mit Kontakten. In Frankfurt mit dabei war auch Bernd Sonneck von der UVK Verlagsgesellschaft in Konstanz.

Herr Sonneck, zuerst ein Blick zurück: Veranstaltet wurde das Frankfurter Buchcamp vom Forum Zukunft des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Kooperation mit dem Mediencampus Frankfurt. Ein Buchcamp ist, wenn wir es richtig verstanden haben, ein Barcamp, das sich mit dem Thema „Buch“ beschäftigt. Wie funktioniert ein Bar- oder Buchcamp?

Ein Barcamp ist eine „partizipative Unkonferenz“, ein selbst bestimmtes Treffen ähnlich interessierter Menschen. Das Buchcamp 2010 in Frankfurt war ein Barcamp, auf dem 120 Leute der Buchbranche über das Thema „Wie sieht die Zukunft des Buches aus?“ diskutierten. Funktioniert hat das sehr sehr gut! Viele der TeilnehmerInnen kannten sich aus anderen Zusammenhängen, manchmal nur über Twitter oder Facebook. Mit dem Aufruf im Vorfeld, direkt bei der Online-Anmeldung, Diskussionsthemen zu formulieren, entstanden die Sessions. Die Idee zum Buchcamp dürfte nach meiner Einschätzung auf der letzten Frankfurter Buchmesse entstanden sein, als eine Vielzahl neuer mobiler Endgeräte wie Pilze aus dem Boden schossen und klar wurde, dass ein Ruck durch die Branche geht.

In Sessions sprachen die Teilnehmer in Frankfurt über Buchpreisbindung in Zeiten des eBooks, über nicht existierende Buchpreisbindungen in anderen Ländern und auch darüber, was ein Buch ist angesichts der voraussichtlich animierten Inhalte von eBooks. Es war Ihr aller erstes Buch- oder Barcamp. Würden Sie wieder an einem teilnehmen – und warum?

Ja, ich werde am 7./8. Mai 2011 wieder teilnehmen, der Termin wurde direkt auf dem Buchcamp vereinbart. Mich hat die unglaubliche Dynamik der Diskussionen begeistert, die Leidenschaft der Leute für ihren Beruf, ihre Offenheit und Herzlichkeit. Hat natürlich sehr viel mit unseren Erfahrungen im Web 2.0 zu tun, im Austausch in Sozialen Netzwerken. Leben und Arbeiten wird einen großen Demokratisierungs-Schub erfahren, mit weit reichenden Folgen für Politik und Medien übrigens, nicht an allem ist die dumme Konjunktur schuld, es ist auch die enorme technologische Entwicklung und der tiefe Wunsch der Menschen, ernst genommen zu werden. Für langatmige Fensterreden ist dabei kein Platz, zugleich bringt jede/r unglaublich viel Wissen ein. Einige der Frankfurter Sessions wurden übrigens live per Internet-TV gesendet, wir haben uns zugleich per Twitter ausgetauscht.

Insgesamt 16 Sessions à 45 Minuten zu unterschiedlichen Themen hat es gegeben. 120 Teilnehmer waren da. Wie viele waren alte Hasen und wie viele waren zum ersten Mal dabei?

Naja, ich tippe mal, die meisten waren so zwischen 30 und 45 Jahre alt, sie haben sich jedenfalls nicht daran gestört, dass ein paar noch etwas ältere Hasen wie ich dabei waren. Die meisten dürften zum ersten Mal auf einem Barcamp gewesen sein. Dass irgendwer schon alles wusste, war nicht der Fall, die Neugier auf das, was die anderen machen, wie weit sie in ihren Unternehmen sind, war spürbar groß. Es war leider nur ein aktiver Buchhändler da, der Rest kam aus Verlagen, Agenturen, und viele Autoren waren dabei! Die Medienindustrie gehört halt auch zur Avantgarde einer Revolution, die unser bisheriges Verständnis dessen, wie Wirtschaft funktioniert, doch ziemlich umkrempelt. Kommunikation und Marketing in Sozialen Netzwerken ist was anderes als das übliche Beschmeißen des Publikums mit gedruckten Büchern und Zeitungen, mit Papiermailings oder Anzeigenwerbung.

Sie sagten, ein Buchcamp erinnere Sie ein bisschen an Speed-Dating. Wie meinen Sie das?

Ja, ich hab das mit dem Speed-Dating mal getwittert, als die Initiatoren die Sessions vorstellten, wobei dafür jede/r nur 30 Sekunden Zeit hatte. So was hat aber auch Klasse, das ist wirklich sexy! Da stehen Authentizität und Begeisterung im Vordergrund, man muss sich konzentrieren, Notizen machen. Anschließend geht es ans Abstimmen, wie viele Leute also sich für welche Sessions interessieren. Danach wird öffentlich, direkt vor der Twitterwall, ausgezählt, wann welche Sessions in welchen Räumen stattfinden, damit möglichst jede/r „seine“ Session besuchen kann. Das hat wunderbar funktioniert! Den Begriff Speed-Dating kenne ich ursprünglich von der Frankfurter Buchmesse, aus dem Handel mit Filmstoffen. Dabei hat man meines Wissens fünf Minuten Zeit, Investoren, Produzenten etc. davon zu überzeugen, warum ausgerechnet dieser eine Filmstoff Erfolg versprechend ist, anschließend geht es an den nächsten Tisch, zum nächsten Interessenten. Sehr speedy halt.

Was haben Sie vom Buchcamp mitgenommen?

Mitgenommen habe ich die Ermutigung, auf dem eingeschlagenen Weg weiter zu machen, KollegInnen zu ermuntern und mitzunehmen, auch wenn man sich immer wieder mal einsam vorkommt, sobald das Tweetdeck offline ist, aber solche Momente werden sehr rasch seltener. Kreative Menschen verharren halt ungern im status quo, entwickeln viel lieber neue Ideen und suchen Wege, ihr Geld nicht zu verbrennen sondern Gewinn bringend zu investieren.

Was hat das Web 2.0 in Ihrer Branche verändert?

Ganz konkret eher noch nicht so viel, manche haben das auch kritisiert, wobei wir älteren Hasen das ein bisschen gelassener sehen. Wir verändern uns doch ziemlich zügig, unsere Art des Wirtschaftens, das wirkt sich in den Unternehmen doch bereits stark aus. Klar, wo konjunkturell eher Flaute herrscht, steigt die Bereitsschaft, zu rationalisieren, in neue Ideen zu investieren, vor allem mit Nachdruck KnowHow in die Unternehmen zu holen, aufzubauen, um eigene Wege im Dschungel des Web 2.0 zu finden.

Funktioniert Marketing heute anders?

Ja und nein. Wie Journalismus nur dort überlebt, wo er seine Qualitätsstandards einhält, so wird Marketing dort Erfolg haben, wo die KundInnen, die NutzerInnen im Focus stehen. Wie immer geht es darum, Kommunikationswege einzuschlagen, auf denen Kunden zuhören, sich austauschen, wir ihnen zuhören können. Einbahnstraßen werden zu Sackgassen!

Sie haben erzählt, dass neue mobile Endgeräte gezeigt worden sind. Auf welchem Weg erreichen die Inhalte in Zukunft die Leser?

Analog und digital, gedruckt und elektronisch, wie es die LeserInnen wollen. Wir werden die Entscheidung immer ihnen überlassen. Das hat natürlich enorme Folgen für unsere bisherige Art, Inhalte zu publizieren, man denke nur an die vielfältigen Fomate für Print und Online. Das geht nur mit neuen Technologien, mit neu aufgestellten Unternehmen, mit neu qualifizierten Mitarbeitern, und ja, auch mit Autoren, die neue Fertigkeiten des Arbeitens im Web 2.0 mitbringen.

Wie gut ist Ihr Verlag aufgestellt?

Wir haben alle erkannt, was uns die Zeichen der Zeit sagen. Inhalt steht vor Form, und wir richten uns nach unseren Kunden und Märkten. Will man seinen Job gut machen, ist das mit großen Anstrengungen verbunden, aber eben auch mit großen Chancen, und mit Spaß an der Arbeit.

Wo und wie machen Sie sich fit für die neue Zeit?

Per Twitter, in spezialisierten Weblogs, weniger in gedruckten Fachzeitschriften, viel mehr als früher aber auch im direkten Austausch, auf Fortbildungen, Konferenzen, Fachtreffen, in Workshops, an denen inzwischen mehrere KollegInnen des Verlags gleichzeitig teilnehmen.

Sprechen wir noch ein bisschen über das Teilen von Wissen. Bei Barcamps wird Wissen einfach so geteilt. Was ist der Vorteil dieser neuen Art Wissen zu teilen?

Bernd: Man kann sich selbst weitaus zielgerichteter und schneller informieren und an aktuellen Diskussionen teilhaben. Und wie gesagt, es ist einfach enorm beeindruckend, auch selber zu sehen, wieviel Wissen, auch wieviel Erfahrung jede/r von uns selbst einbringen kann und mit anderen teilt. Nehmen ist unmittelbar mit Geben verbunden, das ist schon eine tolle Erfahrung zwischen Mitarbeitern ja eigentlich konkurrierender Unternehmen. Ein Wettbewerb aber, der gemeinsam Spaß macht.

Sind Sie auch beim Barcamp Bodensee dabei?

Um ehrlich zu sein hatte ich es nicht vor. Das kostbarste im Leben ist Zeit. Wer mit Leidenschaft arbeitet und Zeit für Familie und Freunde braucht, muss mit Zeit sehr sehr stark haushalten. Die großen Termine außerhalb von beidem mache ich lange im Voraus, das geht nicht anders. Für dieses Interview hatte ich tagelang keine Zeit, das tut mir Leid, ich hab das IKEA-Regal jetzt aber einfach mal liegen gelassen und mich Ihren Fragen gestellt, das war dann doch viel spannender :-D

Interessanter Link: http://make.tv/buchcamp

Weitere Links:

http://www.boersenverein.de/buchcamp

http://buchcamp.mixxt.de/networks/members/register

http://www.buchmarkt.de/content/42586-1-buchcamp-neuer-anfang-jenseits-verfestigter-strukturen.htm

http://jungeverlagsmenschen.boersenblatt.net/382849/

http://www.boersenblatt.net/382683/?t=newsletter

Die Fragen stellte Walraud Kässer.

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