Dozenten fühlen sich von Volkshochschule vor den Kopf gestoßen

Entlassung von Reinhard Zahn nur ein Puzzle-Teil – Veränderungen zum Nachteil der Dozenten

Bei Programmvorstellung Aufbruchstimmung an vhs signalisiertKonstanz. Sie ist die größte Weiterbildungseinrichtung der Region: Mit über 3.000 Veranstaltungen im Jahr ist die Volkshochschule Konstanz-Singen e.V. nach eigenen Angaben die Nummer eins. Die Arbeitsbedingungen von Dozenten haben sich trotz des Erfolgs immer weiter verschlechtert. Aufgrund der Kündigung von Reinhard Zahn, dem neuen Leiters der Konstanzer VHS-Hauptstelle, sind viele Dozenten erneut enttäuscht worden und fühlen sich verunsichert. Sie hatten bis zum Rauswurf von Zahn auf einen Neuanfang gehofft.

Vorstand bat zu Einzelgesprächen

Hart treffen die Dozenten mehrere Neuerungen, die Nikola Ferling, Vorstandvorsitzende, und ihre Stellvertreterin Dorothee Jacobs-Krahnen
 in den vergangenen Monaten umgesetzt haben. In Einzelgesprächen sind Dozenten, die teilweise seit Jahrzehnten Kurse an der VHS leiten und bisher nach eigenen Angaben den überwiegenden Teil ihres Einkommens bei der VHS verdient haben, über die neue, harte Gangart des Vorstands informiert worden.

Berufliche Existenzen spielen keine Rolle

Diese Gruppe von etwa 20 Dozenten, die bisher den größten Teil ihres Einkommens mit Kursen an der VHS verdiente, ist aufgefordert worden, sich dringend weitere Standbeine zu suchen. Die etwa 20 Dozentinnen hätten ein „Überpensum“, das auf ein „vertretbares Maß heruntergeschraubt“ werden müsse, um eine „Scheinselbständigkeit zu vermeiden“, heißt es in einem Gesprächsprotokoll über eine Sitzung vom Mai diesen Jahres, an der neben Dozentenvertretern auch die Vorstandsvorsitzende der VHS, Nikola Ferling, ihre Stellvertreterin Dorothee Jacobs-Krahnen und Günther Lieby, Verbindungsmann zwischen dem Vorstand und dem Landratsamt, teilgenommen haben.

„Vorladung“ Betroffener

Wörtlich heißt es in dem Protokoll: „Die Betroffenen würden zu einem Gespräch vorgeladen werden, wo ihnen nahegelegt werden wird, sie sollten sich ein mehr oder weniger gleichwertiges zweites oder drittes Standbein suchen.“

Das Gespenst der Scheinselbstständigkeit

Die VHS scheint getrieben von der Angst vor der Scheinselbständigkeit von Dozenten: Eine Scheinselbständigkeit liegt vor, wenn eine erwerbstätige Person als selbstständiger Unternehmer auftritt, obwohl sie von der Art ihrer Tätigkeit her zu den abhängig Beschäftigten, also den Arbeitnehmern, zählt. In diesem Fall wäre das Unternehmen, also die Volkshochschule Konstanz-Singen, dann kein Auftraggeber mehr, sondern ein Arbeitgeber.

Sozialversicherungsbeiträgen sind Damokles-Schwert

Für die VHS würde das einen beträchtlichen Unterschied machen: Denn Scheinselbstständige sind in Wirklichkeit und sozialversicherungsrechtlich gesehen, Arbeitnehmer. Die Konsequenz: Für sie müssten in diesem Fall Beiträge zur Sozialversicherung (Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung) entrichtet werden. Der Arbeitgeber kann sogar rückwirkend für bis zu 30 Jahre – bei vorsätzlicher Hinterziehung – zur Zahlung des Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteils verpflichtet werden. Das wäre eine Menge Geld für eine VHS, die in der Vergangenheit mit ihrem Budget anscheinend gerade so über die Runden gekommen ist. Der Etat der Volkshochschule, die auch mit öffentlichem Geld finanziert wird, liegt bei rund drei Millionen Euro. Mit diesem Budget komme die Bildungseinrichtung angeblich nun aber nicht mehr aus.

Dozenten fühlten sich wie Delinquenten

Ein Dozent, der glaubt, möglicherweise als „Scheinselbstständiger“ an der VHS unterrichtet zu haben, hat offenbar geklagt. Die in der Sitzung vom Mai angekündigten sogenannten Einzelgespräche mit Dozenten haben mittlerweile stattgefunden. Die „selbständigen Auftragnehmer“, so der VHS-Jargon, fühlten sich teilweise wie Delinquenten. „Jacobs-Krahnen begann das Gespräch mit dem Satz: Sie wissen, worum es geht“, erinnert sich eine Betroffene. Die Dozenten wurden in diesen Gesprächen von Ferling und Jacobs-Krahnen offenbar mit „Indizien“ wie gezahlten Honoraren konfrontiert, die auf eine „Scheinselbständigkeit“ hindeuten könnten. Auch die Regelmäßigkeit von Honorarzahlungen haben Ferling und Jacobs-Krahnen offenbar als problematisch angesehen. Das Ergebnis dieser Gespräche sah so aus: Entweder, die Betroffenen suchen sich selbst neue Standbeine, oder die VHS werde das „Auftragsvolumen“ deutlich verringern. Dies bestätigte so auch eine weitere Dozentin im Gespräch mit See-Online. Die Namen aller zitierten Dozenten liegen See-Online vor.

Monatelang keine Zahlung

Um regelmäßige Zahlungen zu vermeiden, erhalten Dozenten anscheinend auch keine Abschlagszahlungen mehr. Bisher gab es während des Semesters, das von Oktober bis Februar dauert, Teilzahlungen. Jetzt bekommen sie nur noch eine Zahlung am Ende des Semesters. Teilzahlungen seien üblich gewesen, sagen Dozenten, die nicht monatelang auf Geld verzichten können. Trotzdem soll es solche Zahlungen nun nur noch in „absoluten Härtefällen“ geben. So steht es in einem Gesprächsprotokoll. Gestrichen worden sind auch Fahrtkosten in die Außenstellen. Angeblich seien sie jetzt in einem leicht erhöhten Honorar enthalten.

Reinhard Zahn mit Verständnis für Dozenten

Die Erhöhung sieht so aus: Sprachlehrer sollen anscheinend für jede Stunde (45 Minuten) statt 17,90 Euro neu 19,40 Euro bekommen. Allerdings solle die Mindestteilnehmerzahl pro Kurs von acht auf zehn erhöht werden. Damit werde aber die Wahrscheinlich größer, dass Kurse gar nicht mehr stattfinden. So sagen es Dozenten. Sie hätten dann keine Einnahmen. Reinhard Zahn habe dies erkannt und wollte angeblich, wie Dozenten meinen, Honorarerhöhungen durchsetzen. Einige Dozenten hätten sich sogar gewünscht, dass der als kompetent, als nicht machtgierig und auch als nicht intrigant geltende Hauptstellenleiter in den Vorstand aufrücken würde. Vor allem loben Dozenten aber das Fachwissen des erfahrenen, ehemaligen VHS-Leiters aus Weil am Rhein. So habe er zum Beispiel erkannt, dass, um berufliche Fortbildungskurse anbieten zu können, bessere Rechner angeschafft werden müssten, auf denen die aktuelle Software laufe.

Mitarbeiter üben Kritik am Vorstand

So viel Kompetenz trauen die Mitarbeiter offenbar ihrem Vorstand nicht zu. Auch das Misstrauen gegenüber dem Vorstand ist groß und die Unruhe nach dem Rauswurf von Zahn immens. Vor allem die stellvertretende Vorstandvorsitzende, Jacobs-Krahnen, soll nach Aussagen von mehreren Volkshochschul-Mitarbeitern offenbar das Vertrauen der Dozenten verspielt haben. „Von einer Grünen, die für die Freie Grüne Liste im Konstanzer Gemeinderat ist, hätten wir ein anderes Verhalten erwartet“, so eine Aussage. Dozenten behaupten zum Beispiel allerdings auch, dass anscheinend trotz der Gespräche und der Scheinselbständigkeitsproblematik die Kurszahlen doch nicht ganz so dramatisch reduziert worden seien, wie befürchtet, weil sonst das Programmangebot hätte „zusammengestrichen“ werden müssen. Das glauben zumindest Dozenten – sie denken offenbar, dass langjährige Mitarbeiter nicht ohne weiteres austauschbar sind. Bei vielen Kursen sei aber statt dem Namen des Kursleiters erst einmal N.N. gestanden.

Noch keine Stellungnahme des VHS-Vorstands

Eine Stellungnahme des VHS-Vorstands, namentlich von Nikola Ferling, der Vorstandvorsitzenden, und ihrer Stellvertreterin Dorothee Jacobs-Krahnen
, über die Hintergründe der Kündigung von Reinhard Zahn liegt  nicht vor. Der Vorstand teilte nur mit:  „Die vhs Konstanz-Singen e.V. bestätigt, dass das Arbeitsverhältnis mit Herrn Zahn in der Probezeit beendet wird. Innerhalb der 6-monatigen Probezeit kann das Arbeitsverhältnis von beiden Seiten ohne Nennung von Gründen beendet werden. Die vhs fühlt sich weiterhin an die Absprache mit Herrn Zahn und seiner Rechtsvertretung gebunden, nicht mit Details an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Bereits in der vergangenen Woche hatten die Gesellschafter, namentlich Landrat Frank Hämmerle und der Konstanzer Bürgermeister Claus Boldt, erklärt, sich nicht öffentlich zu Vorkommnissen an der VHS, zur Entlassung von Reinhard Zahn und den Hintergründen äußern zu wollen. Eine weiter gehende Stellungnahme von Nikola Ferling und Dorothee Jacobs-Krahnen
 stellt See-Online online, sobald die der Redaktion vorliegt.

Hier geht es zu einem Interview mit Helmut Lehner, das das Blog Seemoz veröffentlicht hat.

Foto: wak/Vorstellung des Programmhefts im Januar 2011, vorn Dorothee Jacobs-Krahnen, dahinter  Helmut Lehner, inzwischen im Ruhestand, Nikola Ferling und Landrat Frank Hämmerle.

2 Kommentare to “Dozenten fühlen sich von Volkshochschule vor den Kopf gestoßen”

  1. anonym (Name der Redaktion bekannt)
    8. November 2011 at 14:07 #

    Ich bedanke mich herzlich für Ihre eindeutigen Worte nach den neuen Turbulenzen an der „Kreis-VHS“.

    Tatsächlich kam auch für mich und alle anderen Dozentenkollegen die Kündigung des neuen Hauptstellenleiters in Konstanz innerhalb der Probezeit völlig unerwartet. Ich hatte gehofft, die Schlagzeilen würden langsam ein Ende nehmen, daher bin ich schockiert, dass die VHS sich selbst wohl derzeit „an die Wand fährt“.

    Zweifelsohne haben sich die Umstände seit spätestens dem Antritt der ehemaligen Direktion, vor den Umstrukturierungen der Satzung, die in sich schon eine neue Provokation darstellen, drastisch verschlechtert. Die zugehörigen Bürgermeister zur jetzigen Mitgliederversammlung haben schon im Laufe des Jahres nahezu eine Jagd auf Dozenten veranstaltet, denen man vorwarf, keine ausreichende und nachweisliche Qualifikation für ihre Tätigkeit mitzubringen. Ich gehörte unter anderem zu einem dieser wohl etwa 20 Dozenten, die von der VHS Post erhielten – im Stil von „Einem der Bürgermeister ist aufgefallen, dass Sie gar nicht zertifiziert oder kein abgeschlossenes Studium haben“. Man fragt sich, woher ein Bürgermeister das wissen will – und ob das die Aufgabe eines Bürgermeisters sich, sich mit der Prüfung von Dozenten auseinanderzusetzen. Eigentlich sollten diese eine Gemeinde leiten. Man muss schon sagen, dass das ein harter Angriff war, einer Rufschädigung nahekommend. Nicht nur, dass ich mehrere Zertifikate nachweisen konnte – was zu einem kleinlauten Rückrudern der VHS geführt hat. Gleichermaßen steht nirgends geschrieben, dass Dozenten einen Studienabschluss haben müssten. Die VHS meinte hier im Nachhinein nur, man habe sich falsch ausgedrückt – natürlich sein kein Hochschulabschluss notwendig, um als Dozent tätig zu sein.

    Dass sich darüber hinaus eine Politik innerhalb der VHS fortgesetzt hat, die unliebsame und den neu gesetzten Anforderungen an Wirtschaftlichkeit und Modernisierung nicht entsprechende Mitarbeiter zum Gehen gezwungen hat, muss man nahezu als Selbstzerfleischung des Hauses sehen. Klar ist: Die Organisationsstrukturen haben sich erheblich verschlechtert. Vorträge wurden wegen angeblicher Krankheit von Dozenten abgesagt, obwohl der Dozent gar nicht krank war – sowohl Dozent und Zuhörer standen unglaubwürdig vor dem Hinweisplakat „fällt wegen Krankheit aus“. Dozenten kommen in die VHS und bekommen keinen Raum für ihre Veranstaltung, obwohl dieser schon auf den Verträgen festgehalten wird. Und die Abendkasse soll neuerdings kassieren, Räume herrichten, Dozenten begrüßen, Kopien anfertigen… gleichzeitig. Nicht verwunderlich, dass da Vieles schief läuft.

    An diesem Wochenende ist die Empörung unter den Dozentenkollegen hoch. Manche haben nach Bekanntwerden der Kündigung des neuen Hauptstellenleiters mitgeteilt, dass sie selbst keine Dozentenverpflichtungen an der VHS mehr eingehen werden. Gleichermaßen werden wir als Dozenten mittlerweile schon belächelt, in solch einer Einrichtung tätig zu sein und werden offen auf die Vorgänge angesprochen, über die auch wir nur mutmaßen können. Glücklicherweise hat sich die Dozentenvertreten rasch geäußert und positioniert. Nach dem Erreichen von Honoraranpassungen und einem scheinbar leichten Aufwärtstrend setzt sich nun das Schicksal der VHS fort. Das ist mehr als schade – denn immerhin sollte sie ein Haus sein, das den Bürgerinnen und Bürgern offen steht. Manch einer traut sich aber nun kaum noch in die „Höhle des/der Löwen“…

    Es wäre schön, wenn Sie kontinuierlich an der Weiterentwicklung dranbleiben würden – für die Öffentlichkeit und für Veränderungen an der VHS Konstanz-Singen.

  2. dk
    8. November 2011 at 17:52 #

    … Die VHS meinte hier im Nachhinein nur, man habe sich falsch ausgedrückt – natürlich sein kein Hochschulabschluss notwendig, um als Dozent tätig zu sein. …

    Vielleicht wäre eine „Betriebsbesichtigung“ bei einer „richtigen Hochschule“ für Politiker empfehlenswert, um die VHS besser in die Bildungslandschaft einordnen zu können.

    Persönlich musste ich mich vor Studienkollegen/innen auch erst rechtfertigen, dass ich nicht als Dozent und Gasthörer in einer hinteren Bank sitze, sondern dass es in der Marktwirtschaft problemlos möglich sein kann, nach einigen Jahren Berufstätigkeit nochmal ein Studium durchzulaufen.

    Verwirrend war es nur deswegen, weil es auch viele junge (fast gleichaltrige) Dozenten und Professoren als „Pioniere“ nach S-Anhalt gezogen hat, um die Anfänge einer Fachhochschule mitzugestalten.

    Lustig war es, wenn ein solch junger Mathe-Professor ziemlich leger und hemdsärmlig (also ohne Anzug) erschien und energiegeladen alle Tafeln vollrechnete, sich aber kurz umdrehte, um zu fragen „gibt es noch Fragen?“, „kann ich die andere Tafel aufwischen?“ usw. oder ähnlich gut gemeinte Sprüche an die Studenten.

    Mit seinem etwas vollen Gesicht, dem dauerndem Lächeln und der zeitgemässen Brille wirkte er eher als Dorfmensch von der Magdeburger Börde, der den ganzen Tag auf seinem Traktor unterwegs ist und sich nebenbei als Mathe-Genie an der FH sein Lebensunterhalt verdient.

    Zur Regeneration der Studenten wurden üblicherweise Merksätze zur „höheren Mathematik“ diktiert; zahlreiche Kopien wurden nur für „Übungsaufgaben“ verteilt. Die erste Frage der nächsten Vorlesung war: „hat alles geklappt?“.

    Jahre später sollen „Übungs-Vorlesungen“ eingeführt worden sein, die von guten älteren Semestern in Absprache mit ihm geleitet worden sind. Im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig und einmalig.

    Ein Studienkollege hatte nachmittags auch ausserhalb der Vorlesung sehr selten Zeit, weil er seine Lehrstunden für die regionale VHS vorbereitete, was auch sehr hilfreich ist, wenn man wissenschaftlich Arbeiten schreiben und Rede-Vorträge im Studium oder Berufstätigkeit halten soll. Der Themenbereich dürfte Grundwissen für wirtschaftliches Handeln in der Marktwirtschaft gewesen sein: für Arbeitnehmer, Selbständige, usw.
    Bekannt ist, dass ihm nach etwa 1 Jahr eine gute Stellung bei der VHS für die Zeit nach dem Studium angeboten worden ist: es ging zusätzlich auch um betriebswirtschaftliche Themen und Mitwirkung beim weiteren Aufbau der VHS.
    Inzwischen wurden 3 Landkreise zu einem Landkreis zusammengelegt; die Mechanismen der Marktwirtschaft sind bekannt; seine Berufsentscheidung nach dem Diplom ist aber unbekannt: er träumte aber auch von einer westdt. Großstadt. Was seine Frau dazu meinte? Wild war der Osten nicht, aber erfrischend modern und lebendig.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.