Freier Eintritt ins Rosartenmuseum und in Ausstellung „Welt im Topf“ am Samstag

Nachgefragt bei Tobias Engelsing: Über das Museum im Zeitalter des Web 2.0

Konstanz (wak) Wenn das Konstanzer Rosgartenmuseum am Samstag, 24. Juli, von 11 bis 17 Uhr seine Türen für Besucher weit aufsperrt und sie zu einem kostenlosen Besuch des Museums und der Sonderausstellung „Welt im Topf“ beim Kulturzentrum am Münster einlädt, macht das Museum ein noch niedrigschwelligeres Angebot als sonst. Am Samstag im Juli möchte Tobias Engelsing, Leiter der Städtischen Museen in Konstanz und promovierter Historiker, besonders viele Menschen für einen Besuch im Museum begeistern.

Wozu wir Museen brauchen

„Wozu brauchen wir ein Museum?“, fragen wir den Museumschef. Im Zeitalter des Web 2.0 sind doch eigentlich Informationen über jedes Thema ständig und überall abrufbar. Engelsing beantwortet die Frage mit Gegenfragen: „Wer bewahrt die Relikte vergangener Zeiten?“, „Wer restauriert Altarbilder aus Kirchen am Bodensee?“, „Wer erhält den Schlitten Napoleon III.?“, „Wer sorgt dafür, dass Menschen in 150 Jahren noch alltägliche Objekte anschauen und sehen können wie der Alltag der Menschen im 20. oder 21. Jahrhundert ausgesehen hat?“ Engelsing sagt: „Museen sind Orte, an denen Kunst und Alltagsgegenstände einer Zeit bewahrt, erhalten und erforscht werden.“

Museen sind emotionale Orte

Vielleicht, sagt er, könne man eine Barockkommode ins Internet stellen. Im Internet aber kann niemand Gegenstände anfassen oder riechen. Engelsing behauptet, dass die besondere Aura und Faszination der Originale nicht zu ersetzen sei. Er redet von einer abgeleiteten Faszination im Internet. Dem Museumschef fallen faszinierte Kinder ein, die bei einem Museumsbesuch einen Mammutstoßzahn bestaunen. Er weiß wie gebannt Kinder schauen, wenn die Museumspädagogin ein Kurzschwert oder ein Noppenglas zeigt. Das gemeinsame Erleben sei wichtig. „Museen sind emotionale Orte.“ Die Menschen dürfen nicht verlernen, richtig zu schauen, Bilder nicht nur anzuschauen, sondern sie auch zu lesen. „Die Geheimnisse unserer Kultur entschlüsseln.“ Engelsing sagt es so: Nirgendwo erleben Menschen so unmittelbar wie reich die europäische Geistes- und Kunstgeschichte und wie dramatisch die politische Geschichte ist. Ein französischer Stahlhelm mit einem Loch löst mehr aus als ein langer Text.

Über unsere Identität

Ein Museum hat viel mit unserem Leben heute zu tun. „Warum gibt es so viele Jugendstilvillen?“, fragt Engelsing. „Wir leben in Relikten.“ Wer in Konstanz, Überlingen oder Meersburg wohne,  sei von tausend Jahren Geschichte umgeben. Nur die Friedrichshafener haben bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg einen Großteil ihrer Kulissen verloren. Vielleicht könnte man sagen, dass Museen die Geschichte von Heimat erzählen. „Heimat ist der Ort, an dem ich angenommen bin, ob ich Müller, Canestrini oder Özdemir heiße“, sagt Engelsing. Alles ist im Fluss, auch Mentalitäten und Identitäten. Ein Lächeln huscht über Engelsings Gesicht. „Die Konstanzer um 1790 fühlten sich als Österreicher“, sagt er. Um 1890 waren sie Bürger des Großherzogtums und des Deutschen Kaiserreichs. „1990 fühlten sie sich als Bürger der Euregio Bodensee“, so der Historiker weiter. Trotzdem singen sie an der Fasnacht noch das Badner Lied. In 50 Jahren wird wieder alles anders sein. Erzählen wird die Geschichte dann noch immer das Museum.

Das Museumsfest

Noch mehr Lust auf diesen einzigartigen Ort Museum, der mit Ausstellungsgegenständen, mit einem Kaffeeservice aus feinem Porzellan, einem ausgestopften Waldrapp, dem Gebetsbuch eines jüdischen Mädchens aus Konstanz oder dem mächtigen Ledermantel eines Gestapo-Mannes Geschichten erzählt, soll ein erster kostenloser Museumsbesuch machen. Im Mittelpunkt stehen am Samstag die Sonderausstellung „Welt im Topf“, noch einmal die Ausstellung „Sommer ‘39 – Alltagsleben am Anfang der Katastrophe“ und der neue Bildersaal zum 19. Jahrhundert.

Welt im Topf live im Museumsgarten

Beim Museumsfest verbindet das Rosgartenmuseum vor allem in Sachen Bodensee-Küche Historisches mit dem Heute. Während die Ausstellung „Die Welt im Topf“ beim Münster anhand von vielen Utensilien die Geschichte der Bodenseeküche vermittelt, erzählen im Innenhof des Rosgartenmuseums sechs Köche die Geschichte weiter. Mit dabei sind Manfred Hölzl, Klaus Neidhart, Michael Noll, Jürgen Veeser, Mauritio Canestrini und Hubert Neidhart. Bei Klaus Neidhart gibt es Flechenfilet in einem Weckglas und Jürgen Veeser serviert Maultaschen, die keine Erfindung der Badener oder Schwaben sind, sondern „exportierte“ Ravioli oder russische Teigtaschen, Pelmeni. Hubert Neidharts Kaiserschmarrn ist eine Verneigung vor der Epoche, in der Konstanz österreichisch war.

Termin: Samstag, den 24. Juli 2010

Zeit: 11 Uhr bis 17 Uhr

Ort: Rosgartenmuseum Konstanz, Rosgartenstraße

Ganzer Tag: Freier Eintritt im Rosgartenmuseum und in der

Sonderausstellung „Die Welt im Topf“ im Kulturzentrum am Münster

Das Programm:

Kulinarische Köstlichkeiten:

Die „Konzil-Köche“, eine renommierte Gastronomen-Vereinigung, werden im Innenhof feine Bodensee-Spezialitäten anbieten. Unter anderem kochen die Top-Gastronomen Klaus und Hubert Neidhart aus Moos (Haus „Gottfried“ und „Grüner Baum“), Michael Noll vom „Blauen Affen“, Ludwigshafen, Maurizio Canestrini vom „Pinocchio“ Konstanz, Jürgen Veeser, „Zum Adler“ in Wahlwies, und Manfred Hölzl, „Konzil“ Konstanz, für die Gäste!

Dazu werden traditionelle regionale Getränke gereicht: Konstanzer Spitalwein, Ruppaners Bio-Schimmele, Apfelweine der Mosterei Möhl, Arbon, Säfte und Wasser der Ottilienquelle Randegg.

Führungen & Angebote:

Heiteres vom See – Kleine Morgenlesung im Zunftsaal: 11 Uhr

(Tobias Engelsing, Susi Wirth & Jessica Rust, Stadttheater Konstanz)

Sonderführung durch Welt im Topf

(Dr. Gudrun Schnekenburger / Kerstin Rock)

10 Uhr und 15 Uhr

Konstanzer Zukunftsprojekte (Führung zur Stadtgeschichte im RM)

(David Bruder)

13.30 Uhr

Ausstellung „Konstanzer Köpfe“

(Kerstin Rock)

14.30 Uhr

Der Leinersaal und die prähistorischen Sammlungen des Museums

(Peter Wollkopf)

15.30 Uhr

Der neu eingerichtete Bildersaal zur Kunst des 19 Jh.

(Rosa-Maria Pittà-Settelmeyer)

16 Uhr

Die NS-Zeit in Konstanz (erweiterte Ausstellung Sommer’39)

Dr. Schnekenburger/ Dr. Engelsing

16.30 Uhr

Angebot für Kinder

Feine Nudeln machen mit Groß und Klein

(Katharina Kirr)

(11 Uhr, 14 Uhr)

Kleiner Flohmarkt

Anitquarische Bücher, Historika, Restbestände zu günstigen Preisen!

Der Erlös kommt dem Förderverein des Museums zu.

Im Museumsshop:

„Konstanzer Metzgerle“ – Die neue Trüffel-Leberpastete nach traditionellen Rezepten von Otto Müller (200 gr. 3,95 €)

Typische Gewürzmischungen zur Bodensee-Küche in schönen Alu-Dosen von Gewürz-Aschenbrenner Radolfzell

„Die Welt im Topf – Kleine Kulturgeschichte der Bodenseeküche“, das unterhaltsame, reich illustrierte Begleitbuch, 224 Seiten mit extra Rezeptbeilage, 19.90 €.

Alle Infos gibt’s auch im Internet.

Fotos: Rosgartenmuseum Konstanz

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