Freier Regisseur Konstantin Tsakalidis zettelt Konstanzer „Kulturinfarkt“-Debatte an

Freie und öffentlich geförderte Kultur streiten um städtische Zuschüsse – Feuersommer und Hässliches in Konstanz

Konstanz. Der Sommer 2012 wird ein Feuersommer werden. Regisseur Konstantin Tsakalidis führt seine Choreographie „Feuersommer“ am Freitag, 29. Juni, um 20 Uhr auf der Freilichtbühne im Konstanzer Stadtgarten auf. Zeitgleich lädt das Stadttheater zum Openair beim Münster. Die Premiere des Stückes „Der Glöckner von Notre Dame“ in einer Inszenierung von Theaterintendant Christoph Nix gilt als das Ereignis des Theatersommers. Hundert Statisten und Kleindarsteller werden ihre Auftritte haben. Der freie Regisseur Konstantin Tsakalidis nutzt die sommerliche Tage, um zu zündeln.

„Kulturinfarkt“ in Konstanz

Konstantin Tsakalidis kritisiert, dass die freie Szene im Vergleich zur öffentlich geförderten mit einem Bruchteil städtischer Zuschüsse auskommen müsse und zoomt die „Kulturinfarkt“-Debatte auf lokale Konstanzer Ebene herunter. Der Zeitpunkt drei Wochen vor der Oberbürgermeisterwahl scheint gut gewählt. Konstantin Tsakalidis fordert unerschrocken den Theaterintendanten Christoph Nix, Museumschef Tobias Engelsing und Orchesterintendant Florian Riem sowie die OB-Kandidaten heraus. Der Regisseur beginnt die Debatte stellvertretend für die gesamte freie Kunst- und Kulturszene in der Stadt.

Halbes Theater, halbes Musuem, halbes Orchester

Am Anfang stand die Debatte über die Streitschrift „Der Kulturinfarkt“ . Die Autoren Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Armin Klein und Stephan Opitz verfassten eine Streitschrift, in der sie die These vertreten, die Hälfte der Kultureinrichtungen könnte geschlossen werden. Die Republik diskutiert seither darüber, wie viel Kultur sie sich leisten möchte. Wie viel Kultur braucht das Land, fragte im März denn auch das Magazin „Der Spiegel“. Theater-, Museums- und Konzertbesucher, die Nutzer der öffentlich hochsubventionierten Hochkultur, stellen sich seither vor, dass unser Theater und unsere Museen geschlossen und die Südwestdeutsche Philharmonie abgeschafft werden könnten. Das Subventionssystem stehe vor dem Kollaps, zitierte der „Spiegel“ die sogenannten Experten, Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Armin Klein und Stephan Opitz.

Wider die Bevorzugung der Hochkultur

Regisseur Konstantin Tsakalidis brachte im vergangenen Spätsommer im Kulturzentrum beim Konstanzer Münster die Produktion „Riders on the Storm“ auf die Bühne. Er findet es nicht zielführend, dass das Geld vor allem in die öffentlich geförderte Hochkultur fließt. Tsakalidis spielte und inszenierte unter anderem auch schon am Stadttheater Konstanz, am Staatsschauspiel Dresden und am Theater Junge Generation in Dresden. Seit 1992 entwickelt Tsakalidis Choreografien für zeitgenössischen Tanz, Theater, Musicals, Film und Fernsehen. Heute sagt er: „Alle freien Gruppen zusammen erhalten etwa ein Prozent des Haushaltes des Stadttheaters.“ Das sei zu wenig.

Freier Zugang für Freie zu Bühnen

In einem Beitrag zur „Kulturinfarkt“-Debatte verglich Konstantin Tsakalidis die öffentlich geförderte Kultur mit der Höhlenmalerei. Sinngemäß schrieb er, wer an einer einmal entwickelten Förderstruktur festhalte, sei gleichzusetzen mit jemandem, der über 50.000 Jahre lang die Höhlenmalerei fördere und nicht sehen wolle, was sich außerhalb der Höhle entwickle. Er monierte, dass sich die freie Szene die Mieten der Spiegelhalle oder der Werkstatt nicht leisten könne und forderte auch gleich noch freien Zugang zu den Bühnen.

Christoph Nix wünscht sogar mehr öffentliche Förderung

Der Konstanzer Theaterintendant Christoph Nix beklagte erst in diesem Frühjahr hingegen, dass das Konstanzer Theater das von Stadt und Land am schlechtesten geförderte Theater in Baden-Württemberg sei und verlangte eine höhere Förderquote vom Land. Selbst die Tribüne für die Aufführungen von „Der Glöckner von Notre Dame“ muss das Theater für 40.000 Euro anmieten. Der Intendant hatte gehofft, dass die Stadt sie anschaffen würde. Wegen der Sanierung des Bühnenturms musste das große Haus früher als sonst schließen und die Sommerpause wird länger dauern. Einnahmen werden dem Theater fehlen. So gesehen trifft die Debatte das Theater zur Unzeit.

Theater recycelt nicht nur alte Stoffe

Über die Autoren von „Kulturinfarkt“ äußerte sich Nix so: „Die Autoren von ,Kulturinfarkt’ haben jahrelang wie die Maden im Speck als selbsternannte Kulturmanager von den Einrichtungen gelebt, die sie jetzt abschaffen wollen.“ Konstantin Tsakalidis Feststellung, dass öffentlich geförderte Theater immer nur dieselben Stücke rauf und runter spielen, trifft auf Christoph Nix Theater sicher nicht zu. Mit der Afrika-Spielzeit und Theaterpartnerschaften mit Afrika sorgte es für Hingucker. Viel Applaus gab es in der sich ihrem Ende zuneigenden Spielzeit auch wieder für den Jugend- und Tanzclub des Jungen Theatesr Konstanz, als tanzende, schauspielernde und sprechende Jugendliche auf der Bühne standen und das Lebensgefühl der jungen Konstanzerinnen und Konstanzer im Stück „Konstanz Identitiy“ausdrückten. „Konstanz wird laut!“, schriien die Akteure auf der Bühne. Mit der Collage setzte das junge Theater nach 9/11 im vergangenen Jahr wieder ein Ausrufezeichen.

Tobias Engelsing warnt vor Wirtschaftlichkeitsfalle

Tobias Engelsing, Leiter der Städtischen Museen, äußerte sich so: „Museen, Theater, Galerien, das sind gelebte Werte der menschlichen Zivilisation. Museen tradieren die materielle Erinnerung an das künstlerische, kulturgeschichtliche, politische und soziale Wirken des Menschen in seiner Zeit.“ Der Leiter der Städtischen sagte weiter: „Eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft, die damit begänne, das Überlebensrecht ihrer Bildungseinrichtungen nur nach den Überschüssen ihrer Bilanz zu bewerten, gäbe letztlich die fundamentalen Werte ihrer Kultur preis.“

Museen in Gefahr

Tobias Engelsing hatte in diesem Frühjahr gerade erst bemängelt, dass zum Beispiel ein Audioguide fürs Museum nicht finanzierbar sei, weil die Stadt dafür bisher kein Geld ausgeben wollte. Von einer App redete der Museumschef noch nicht einmal. Er sagte, wenn es die Museen nicht schafften, die Digital Natives, also jene Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, für das Museum zu begeistern, sei es in 20 oder 25 Jahren diese Generation, die die Museen aus Kostengründen schließen werde. Eine Ausstellung wie „Chapeau“ koste rund 60.000 Euro, eine große Ausstellung wie „Die Welt im Topf“ sogar rund 120.000 Euro. Jedes Jahr holt Engelsing allein für das Rosgartenmuseum etwa 40.000 bis 50.000 Euro an Drittmitteln – inklusive Exponat- und Kunstspenden – herein. Ohne öffentliche Förderung wäre das Museum trotz der freigiebiger Förderer und Sponsoren nicht vorstellbar.

Der Feuersommer

Gerade arbeitet Konstantin Tsakalidis an seiner Produktion „Feuersommer“ mit 200 Schülern und Laientänzern. 200 Kinder sollen das Medium Tanz im kreativen Kollektiv erleben und klassischer und moderner Musik näher kommen. Durch den Tanz werde den Kindern der Zugang zur Musik, die sie wahrscheinlich in ihrer Freizeit nicht hören würden, emotional geöffnet. „Somit schaffen wir ein kreatives und emotionales Spektrum, das sie auf verschiedenen Ebenen bereichert“, heißt es in der Vorankündigung. 12 000 Euro wollte er für das Projekt von der Stadt 2.000 Euro hat er für das kooperative Tanztheater-Projekt mit Konstanzer Schulen, der Südwestdeutschen Philharmonie und freier Szene erhalten. Konstantin Tsakalidis Kompanie, eine international besetzte Kompanie aus erstklassigen Solisten, gilt mittlerweile bereits als zu etabliert und erhält gar keine Zuschüsse mehr.  Zum Vergleich: 2011 machte die Südwestdeutsche Philharmonie überraschend ein Defizit in Höhe von 300.000 Euro. Für die freie Kulturszene wäre das viel Geld gewesen.

Freier Kulturschaffender Bücklein

Nicht nur Konstantin Tsakalidis, sondern auch andere freie Künstler schauen neidvoll auf die öffentlich geförderte Kultur. Auch der hoch gelobte und beliebte Konstanzer Musiker, Kabarettist, Entertainer, Publizist und Verleger Tobias Bücklein muss scharf rechnen. Am 22. Juni hat er die Oberbürgermeister-Kandidaten in seine Musiktalkshow eingeladen. Die ersten Karten gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Immer wieder stand das Format Bückleins aber auf der Kippe und Bücklein dürfte deshalb mehr als erleichtert gewesen sein, als Nycomed Sponsor wurde. Dann verließ Nycomed/Takeda die Stadt. 180 bis 200 Plätze gibt es im Quartierszentrum beim Klinikum, wo Bücklein seine Auftritte hat. Die teuerste Karte kostet 17 Euro. Bücklein hat gelernt, dass er mit seiner Show ein Defizit macht, wenn er nicht aufpasst. Es klingt fast absurd – die Kritik feiert den Künstler Bücklein, den Pianisten, den Sänger, den Kabarettisten und den Talker. Weil aber die Karten – anders als Theaterkarten – nicht subventioniert sind, ist das Geld immer knapp. Viel Fantasie braucht es nicht, um zu verstehen, was der Entertainer meint. „19 Prozent Mehrwertsteuer gehen sofort ab“, sagt Bücklein. Der Raum kostet, der Flügel, die Ton- und die Musikanlage auch, die Gema hält die Hand auf. Auch Flyer und Plakate kosten Geld.

Grün-rotes Land gibt mehr

Gute Nachrichten gab es in diesem Frühjahr wenigstens für den Konstanzer Kulturladen und das K9. Sie profitieren von einer höheren Förderung für soziokulturelle Zentren durch die grün-rote Landesregierung. Der neue Förderschlüssel im Haushaltsplan bedeutet, dass das Land zu jedem Euro, mit dem die Kommunen ein soziokulturelles Zentrum unterstützen, in Zukunft 50 Cent dazu gibt. Früher waren es etwa 30 Cent. Wenn Konstanz die Kulturzentren mit derselben Summe fördert wie 2011, dann führt die 2:1-Förderung dazu, dass der Kulturladen und das K9 in Konstanz jährlich je etwa 11.000 Euro mehr bekommen. Die städtische Förderung, jeder Euro, den die Stadt bezahlt, wird also noch wichtiger.

Spotlight aufs K9

Das K9 zum Beispiel lebt trotz dem Plus nicht in Saus und Braus. Am Mittwoch vergangener Woche stand in der ehemaligen Pauklskirche die 77. Splitternacht auf dem Programm. Das Format des Varietés ist beim Publikum äußerst beliebt. Akrobaten wie Jongleure und Zauberer, Tänzer und Musiker, Stimmakrobaten und Kabarettisten haben ihre Auftritte. Das Programm stellt Gerhard Detzel  zusammen. Schramm oder Hirschhausen, die früher einmal auf der Bühne des K9 standen, könnte sich das Kulturzentrum nicht mehr leisten. Der Eintritt ist günstig. Die Künstler, das Duo „Wildfang“ oder Stimmjongleurin Silvia Sauer aus Mainz, bekamen begeisterten Applaus – Honorar für ihren Auftritt bekamen sie wie alle Künstler bei der Splitternacht nicht. In der Pause reparierte der Vereinsvorsitzende Klaus Oechsle schnell noch eine Lichterkette an der Treppe. Träger des K9 Kulturzentrums ist der Verein Kommunales Kunst und Kulturzentrum K9 e.V., dessen Vorstzender Oechsle ist. Die Garderobe für die Künstler sei ein kleiner Raum oben auf er Empore, der den Namen eigentlich gar nicht verdiene. Eine Toilette für die Künstler gibt es nicht. Am besten sei es, wenn sie in Straßenkleidung auftreten – oder gleich im Kostüm anreisen, sagte Oechsle. Nach der Vorstellung wuchteten Gerhard Detzel und Klaus Oechsle zusammen mit dem Techniker den Flügel von der Bühne.

Stellvertreter Konstantin Tsakalidis

Konstantin Tsakalidis hat stellvertretend für die Szene eine Debatte angezettelt, die in den kommenden Wochen nicht versanden dürfte. In Zeiten von Oberbürgermeisterwahlkämpfen machen Interessengruppen sehr gern auf ihre Bedürfnisse aufmerksam. Ein Forum geben am Donnerstag kommender Woche auch fünf Kultur-Freundeskreise, der Theaterfreunde, desrFreundeskreis Philharmonie, der Kunstverein Konstanz, die Freunde des Rosgartenmuseums und der Förderverein der Kammeroper im Rathaushof. Sie laden am 21. Juni um 19 Uhr die Bewerberinnen und Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters oder der Oberbürgermeistern zu einer Podiumsdiskussion ins Landratsamt ein. Die städtische Spiegelhalle ist vor der OB-Wahl für politische Veranstaltungen tabu.

Die Streitschrift von Konstantin Tsakalidis findet sich unter http://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Der-Angriff-der-Freien;art372448,5539876

Ein Kommentar to “Freier Regisseur Konstantin Tsakalidis zettelt Konstanzer „Kulturinfarkt“-Debatte an”

  1. Fafnir
    11. Juni 2012 at 01:59 #

    Schluss mit der staatlichen Kunstförderung! Ich zitiere hier mal den Regisseur Klaus Lemke, der in seinem „Hamburger Manifest“ Innovation statt Subvention fordert und sich über 13 Jahre Staatskino unter Adolf und die letzten 40 Jahre staatlicher Filmförderung lustig macht.

    „Die Leute wollen keine geförderte Unterhaltung sehen. Die Engländer sind so klug, nicht mal das Theater zu fördern. Und trotzdem gibt’s das moderne Theater in New York und in Londen. Bei uns gibt’s gar nichts. Bei uns gibt’s ’ne große Fresse.“

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