Friedrichshafener Schüler boxen sich in ein besseres Leben

Ehrenamtliche engagieren sich vorbildlich für Jugendliche – Projekt „Gewaltfrei durchboxen“

Friedrichshafen (sig) „Gerade bei schwierigen Kindern kann man sehen, dass diese Art von Aggressionsbewältigung der richtige Weg ist, ihnen zu zeigen, dass Gewalt keine Lösung ist“. Die Lehrerin lässt ihrer Begeisterung über das Engagement Häfler Ehrenamtlicher freien Lauf.

Gegen Gewaltbereitschaft von Jugendlichen

Harald Beck, Michel Hofmann und Reinhard Erne haben über die VfB-Boxabteilung und mit Sponsoren-Unterstützung vor drei Jahren ein Projekt gegen die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen ins Leben gerufen, das immer mehr Zustimmung findet. Ziel der ehemaligen aktiven Boxer (Harald Beck war Süddeutscher Vizemeister) ist es, gewaltbereiten Jugendlichen durch Training und dem dadurch verbundenen hohen Maß an Körperbeherrschung, Disziplin und Respekt, eine neue, gewaltfreie Perspektive zu bieten. Dafür opfern sie Freizeit – und manchen privaten Euro.

VfB Boxer schaffen’s besser in den Beruf

Im Sportbereich sollen die jungen Leute ausgepowert werden, an ihre Grenzen gehen, lernen, mit Aggressionen umzugehen, verlangt Beck. Auch der Boxer darf im Ring nicht „durchdrehen“, wenn er unfair angegangen werde. Doch nicht nur durch Sport sollen die jungen Leute aufgefangen werden. Im Stuhlkreis werden Probleme angesprochen, wird nach Lösungen gesucht. Die Hilfen betreffen die Vorbereitungen auf den Schulabschluss, die Suche nach einem Praktikumsplatz oder den Übergang ins Berufsleben. Der langjährige Umgang mit Jugendlichen, die beim VfB boxen, hat den Initiatoren gezeigt, dass durch Training und dem dahinter stehenden Team- und Gemeinschaftsgedanken die Gewaltbereitschaft nahezu gegen Null tendiert.

Projekt an Brennpunktschule

Begonnen hat alles vor drei Jahren, als ein Lehrer der Pestalozzischule Harald Beck mit seinen Jugendlichen beim Training beobachtete und von deren Disziplin angetan war. Das konnte er von seiner Klasse nicht behaupten. Ob der Trainer denn auch einmal mit seinen Problemkindern ein Training absolvieren würden, fragte er? Das tat der und brachte gleich zwei Kollegen mit: Reinhard Erne und Michel Hofmann, beide ehemals Boxer und in der VfB-Boxabteilung als Vorstandsmitglied beziehungsweise Trainer und Organisator aktiv. Das Projekt „Gewaltfrei durchboxen“ war geboren und entwickelte sich. Schulleiter Josef Brugger zeigte sich offen für das Thema in seiner Schule, die als Brennpunktschule gilt.

Aggressionsabbau und Selbstvertrauen

Daniela Hasselbach, Lehrerin der Klasse 8 und oft beim Training dabei, hat längst den Aggressionsabbau bei einigen ihrer 14- bis 16jährigen vormals Problem-Schüler beobachtet. Zurückhaltende Kinder erhalten Selbstvertrauen. Schüler, die vorher nie miteinander redeten, tun das plötzlich, stellt sie fest. Eltern finden die Veränderungen „super“, haben seither weniger Stress mit ihren Sprösslingen auch zuhause. Weshalb sich inzwischen Eltern melden, um zu bitten, ihr Kind ins Training aufzunehmen.

Ehrenamtliches Trainer-Team

Sozialarbeiter Florian Nägele, der das Projekt seit diesem Jahr von der Stadt aus begleitet und den pädagogischen Aspekt mit einfließen lässt, findet es „sensationell“ und „unglaublich“, was von dem ehrenamtlichen Trainer-Team aufgebaut wurde. Jeder, der mitbekomme, was hier geleistet werde, sei begeistert, sagt er. Hier würden Leute erreicht, an die man sonst nie rankomme, lobt er die Arbeit, die für Friedrichshafen enorm viel bedeute. Eine andere Lehrerin bestätigt, „die Kids sind ruhiger und kontrollierter geworden“.

Engagement für die Gesellschaft

Harald Beck, beruflich bei ZF, kümmert sich zwischen Früh- und Spätschicht einmal die Woche um die Jugendlichen, macht wie seine Kollegen alles umsonst. „Das ist unser Engagement für die Gesellschaft“, sagt er. Was dem Trainerteam hilft sind allein die Sponsoren, die wie jetzt Sport Schmid zehn Kanus zur Verfügung stellte, in denen die Schüler die Schussen von Kehlen aus flussabwärts bis nach Langenargen paddeln durften. Oder Intersport im Bodenseecenter, wo nie eine Gegenleistung verlangt wird, wenn Beck wieder einmal etwa für seine Mädels und Jungs braucht.

Projekt braucht eine eigene Adresse

Ein großes Problem ist allerdings, in Friedrichshafen einen Raum zu finden, in dem mit den Schülern trainiert und gearbeitet werden kann. Momentan ist man – dank Ralf Langohr vom Schul- und Sportamt – notdürftig im Keller der „Molke“ untergebracht, doch hat man keinen eigenen Schlüssel und in den Ferien ist das Haus geschlossen. Das Projekt bräuchte eine richtige Adresse, wo man mit den acht bis zehn Schülern nicht nur freitagmittags, sondern auch einmal an zusätzlichen Tagen planen und trainieren könnte. Harald Beck denkt etwa daran, vielleicht im alten Turnerheim bis zu dessen geklärter Weiternutzung einziehen zu können? Er und sein Team wie die Schüler hoffen immer noch, dass die Stadt sie bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützt. Auch, aber nicht nur, weil die ehrenamtliche Arbeit des Trainerteams den städtischen Etat ungemein entlastet.

Foto: sig/Durchboxen im Leben. Vor dem Einstieg in die von Sport Schmid zur Verfügung gestellten Kanus paddelten die Schüler des Projekts „Gewaltfrei durchboxen“ ab Kehlen die Schussen flussabwärts bis nach Langenargen. Ganz rechts teamleiter Harald Beck, daneben Thomas Baumhauer von Sport Schmid, in der Mitte (mit schwarzem T-Shirt) Trainer Michel Hofmann, Zweite von links Lehrerin Daniela Haseelbach von der Petsalozzischule.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.