gazette.ich

Ich bin ein Sommerkind. Geboren im heißen Juli, voll Sehnsucht nach dem flirrenden, hellen Licht und glücklich an lässigen Tagen wie diesen. Ich liebe die Leichtigkeit des Sommers, die kleinen, so ernsthaft geführten Debatten im Strandbad am Konstanzer Seerhein über so wichtige Fragen wie, ob der Affe bei Tarzan Chita hieß oder Judy. Judy natürlich – Chita war der in Daktari.

Ich liebe es, im schattigen Innenhof der Buchhandlung – ein lauschiges Plätzchen – an Sommertagen zu sitzen, ein Stück Johannisbeerkuchen zu essen und ein Gespräch über den Tod Frank Schirrmachers und Texte, die er geschrieben, und Debatten, die er angestoßen hat, zu führen.

Auf dem Rückweg nehme ich von den Salafisten einen Koran „Der edle Qur’an Die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache“ mit – nicht, weil ich womöglich konvertieren wollte, nur da ich noch nie einen besaß.

Dann noch Fußball, dieses manchmal öde Hin- und Hergeschiebe des Balles in einem Stadion in Brasilien, wo es plötzlich nicht mehr um Favelas geht, sondern allenfalls noch um Kaiser Franz‘ miserable Englischkenntnisse und ich gebannt, wie gefesselt vor dem Fernseher sitze, und zuschaue. Ich halte mich kurz in der Twitter-Fankurve auf, tausche mich aus und klicke bei Facebook großzügig ein paar Mal Gefällt-mir an.

Was Daktari und die Fußball-WM mit einem lokalen Blog zu tun haben, mag sich nun der geneigte Leser fragen? Sehr viel, behaupte ich. Es ist ja nicht so, das das lokale Leben bei so viel Ablenkung komplett zum Erliegen gekommen wäre.

An unbeschwerten Tagen, sortiere ich, während ich auf dem Fahrrad an Feldern voll Lollo Rosso, Wiesen oder der Konstanzer Strandbar vorbei radle, im Kopf Nachrichten nach ihrer Wichtigkeit. Am Freitag errichte mich schon früh das Gerücht, dass Klaus-Peter Kossmehl, seit 1998 CDU-Stadtrat in Konstanz, zu den Freien Wählern wechseln wollte. Später sah ich, dass ich auch Mails bekommen hatte, damit ich so schnell sein könnte wie die Tagesmonopolzeitung. Das war sehr nett von den Absendern. Deswegen danke.

Später gelangte die Nachricht vom wechselwilligen Fliesenlegermeister Klaus-Peter Kossmehl in die sozialen Medien. Die neu gewählte Gemeinderätin Christine Finke, die fürs Junge Forum Konstanz (JFK) in den Rat einziehen wird, war etwas ungläubig, irritiert und stellte sich – das ist eine Mutmaßung – wohl die Frage, ob einer das denn darf oder ob er damit nicht seine Wähler betrügt. 

Ich habe es dann, also das mit dem Schreiben aber gelassen und keine Nachricht auf das Bog gesetzt, weil ich gar nicht so Recht wusste, was ich hätte schreiben wollen. Die Fakten sind klar: Klaus-Peter Kossmehl hat auf der Liste der CDU kandidiert und ein Mandat errungen. Das behält er, auch wenn er nicht mehr mit der CDU tanzen will, und nimmt es nun mit zu den Freien Wählern.

Es ist ja nicht etwa so, dass im Gemeinderat ständig Kampfabstimmungen stattfinden oder Freie Wähler und CDU diametral entgegengesetzte politische Ziele verfolgen würden. Auch ist Klaus-Peter Kossmehl keiner, der in den Sitzungen bei Debatten durch mitreißende, rhetorisch herausragende Redebeiträge aufgefallen wäre.

Wetten, dass es gar nicht weiter auffallen wird, dass er jetzt die Fraktion gewechselt hat?

Die einzig erwähnenswerte – und je nach Standpunkt erfreuliche – Konsequenz ist die, dass nun die Freie Grüne Liste im Konstanzer Gemeinderat wieder stärkste Fraktion wird und der Zugewinn der CDU geschmolzen ist wie das gecrashte Eis in einem Glas Pitú, wobei wir leider fast schon wieder in Brasilien wären.

Von Interesse ist noch die Motivation des ex-CDU-Stadtrats. Hätte er seine Fraktion verlassen, weil er eine wichtige Entscheidung – wie zum Beispiel früher ein Alkoholverbot – nicht hätte mittragen können, hätten wir ihm Respekt gezollt. Das sind eindeutig zu viele „hätte“. Wenn er aber nur gewechselt haben sollte, weil er gern diesem oder jenem Aufsichts- oder Verwaltungsrat angehört hätte, was ihm die CDU verwehrt haben könnte, wären es recht niedrige Beweggründe.

In der vergangenen Woche teilte die CDU noch mit: „Auf ihrer Sitzung hat die CDU-Fraktion des Gemeinderats der Stadt Konstanz einstimmig ihren bisherigen Fraktionsvorsitzenden, Stadtrat Roger Tscheulin, im Amt bestätigt. Gewählt wurden außerdem ebenfalls einstimmig Stadtrat Wolfgang Müller-Fehrenbach und Stadtrat Andreas Ellegast als stellvertretende Fraktionsvorsitzende. ,Die CDU-Fraktion wird auch weiterhin für verantwortungsvolle und nachhaltige Stadtpolitik stehen und ein offenes Ohr für alle Bürger haben‘, so der Fraktionsvorsitzende nach seiner Wiederwahl.“ (Zitat-Ende). Soweit noch Friede-Freude-Eierkuchen.

Die Aufsichts -und Verwaltungsratsmitgliedschaften sind vor allem finanziell interessant, ja lukrativ. Während die Aufwandsentschädigung für einen Stadtrat eher überschaubar ist, kann sich ein gewiefter Stadtrat mit anderen Pöstchen ein Mehrfaches dieses Betrags in die eigene Tasche stecken. Ansprüche erheben da auch gern Senioren-Kommunalpolitiker oder eben langjährige Räte, die wissen, wie’s geht und die es in der Hierarchie schon weiter nach oben geschafft haben.

Kommunalpolitik ist ein weites Feld. Eine spannende offene Frage dürfte es auch sein, wer Fraktionsvorsitzender der SPD-Fraktion im Konstanzer Gemeinderat wird. Auch in der SPD hat das Gezerre mutmaßlich schon begonnen. Hoffentlich büxt den Sozialdemokraten nicht auch noch einer aus.

Diese Sommer könnte am Bodensee – in- und outdoor – ein heißer werden, womit ich aber auch so langsam schon zum Ende kommen möchte. Nur noch das Allerletzte: Ich eifere großen Zeitungen nach. Manche Medien setzen gern Tweets ab, die lauten „Was heute wichtig wird„. Mit fallen gleich drei wichtige Themen und Fragen ein: Erstens wie warm ist das Badewasser des Seerheins im Rheinstrandbad nach den Sturmböen, die den See durcheinander wirbelten, zweitens wäre heute nicht ein guter Tag fürs Public Viewing mit „Hopp Schwiiz!“ und drittens (ach, das ist jetzt zu privat). Das erledige ich lieber später via WhatsApp.

Waltraud Kässer

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Ein Kommentar to “gazette.ich”

  1. dk
    16. Juni 2014 at 11:28 #

    Das Thema „Sommerhitze“ dürfte mit Abstand das wichtigste Thema sein.

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