Geisterdebatte über Konstanzer Flugplatz

Flugplatz-Gegner möchten Verkehrslandeplatz an der B 33 umnutzen

Konstanz (wak) Der Konstanzer Flugplatz ist eine Immobilie, die Begehrlichkeiten weckt. Konstanzer Kommunalpolitiker haben in ihren Träumen das Flughafengelände, auf dem Flugzeuge mit bis zu zwölf Personen starten und landen können, längst neu überplant. Das Häuflein Flugbegeisterter in Konstanz leistet Widerstand. Weshalb sollten sie auch damit einverstanden sein, einen der ältesten Flugplätze Deutschlands ohne Not zu aufzugeben und das Gelände umzunutzen. 2012 läuft der Pachtvertrag aus. Nach der Sommerpause fällt eine Entscheidung.

Keine Nachfrage nach Reservefläche Flugplatz

Wer den städtischen Pressesprecher Walter Rügert nach dem Flugplatz fragt, bekommt kein stichhaltiges Argument zu hören, das für die Schließung des Verkehrslandeplatzes sprechen würde. Vielmehr ist es so: Der Stadt entstehen durch den Flugplatz keinerlei Kosten. Im Gegenteil, die Stadt erhält jährlich eine Pacht im vierstelligen Bereich. Ein Geldscheißer ist der Flugplatz nicht, aber er hängt auch nicht etwa am städtischen Tropf. Im Stadtentwicklungsplan 2020 kommt der Flugplatz als „Optionsfläche“ vor. Das Areal ist einer „höherwertigen Gebwerbenutzung“ vorbehalten. Nachfrage nach einer solchen Fläche gibt es in Konstanz momentan aber nicht. „Kurzfristig besteht in diesem Segment kein Druck“, sagt der Pressesprecher der Stadt. Walter Rügert hatte sich eigens noch einmal beim städtischen Wirtschaftsförderer rückversichert, bevor er die Auskunft gab.

Pachtvertrag läuft 2012 aus

Träger und Betreiber des Flugplatzes ist die Flughafengesellschaft Konstanz GmbH. Die Gesellschaft gehört zum größten Teil der Stadt. Die restlichen Anteile halten Private. Die GmbH hat das Gelände von der Stadt gepachtet. Der Pachtvertrag läuft 2012 aus. Im Herbst müsste der Vertrag verlängert werden. Der Gemeinderat wird darüber beraten. Besiegelt wäre das Schicksal des Flugplatzes, wenn der Pharmakonzern Nycomed in Konstanz noch expandieren wollte. Davon kann aber keine Rede mehr sein. In der Immobilie nahe des Flugplatzes, in die eigentlich der potente Gewerbesteuerzahler einziehen wollte, residiert jetzt das Finanzamt, was an sich schon ein Treppenwitz ist.

Kein Linienflugbetrieb in Konstanz

Auf dem Verkehrslandeplatz Konstanz findet denn auch weiterhin ungestört Motor-, Ultraleicht- und Segelflugbetrieb statt. Linienverkehr gibt es nicht. Statt dessen starten und landen Linienmaschinen in Zürich und Friedrichshafen. Die Konstanzer Landebahn ist mit ihren knapp 800 Metern zu kurz. Auf dem Flugplatz ansässige Unternehmen und Vereine sind heute die KONAIR Flugbetriebs-GmbH, Ultraleichtflug Konstanz GmbH, Segelfluggruppe Konstanz e. V. und der Club der Flieger.

Multifunktionales Flugplatzgelände

Wer Berndt Stadelhofer, den Inhaber der Ultraleicht-Flugschule, fragt, bekommt erst Recht kein stichhaltiges Argument zu hören, weshalb der Flugplatz aufgegeben werden sollte. Stadelhofer sagt für Gewerbeansiedlungen nutzbar wäre sowieso nur etwa ein Drittel des Geländes. Die Grenze verlaufe auf einer gedachten Linie zwischen Nycomed und der Kläranlage. Der Baugrund sei schlecht und das Wollmatinger Ried auf der anderen Straßenseite ist FFH-Gebiet. Der Flugplatz ist der Puffer zwischen den Industrieansiedlungen und dem Ried. Der Flugplatz sei ökologisch wertvoll und für Störche und Reiher sei er Teil ihres Lebensraums, schwärmt  Stadelhofer. Bei Rock am See und beim Seenachtsfest ist die Piste Park- und Campingplatz.

Flugschule beliebt

Etwa 8000 Flugbewegungen im Jahr sind nicht die Welt. Berndt Stdelhofer spricht dafür umso lieber von den Flugschülern in Konstanz. Etwa 30 bringt er jedes Jahr das Fliegen bei. Einige von ihnen sind später Flugkapitäne, Luftfahrtingenieure oder Fluglotsen geworden. Allein die KONAIR Flugbetriebs-GmbH hat drei Mitarbeiter beschäftigt. Für die Ultraleichtflug Konstanz GmbH arbeiten sechs freiberufliche Fluglehrer.

Standortvorteil Flugplatz Konstanz

Noch viel lieber redet Stadelhofer aber von etwas anderem. Er behauptet, dass die Bedeutung des Verkehrslandeplatzes in Zukunft eher noch größer werde. Kleine Hightech Firmen, vor allem die IT-Branche, nutze den Flugplatz. Geschäftsreisende wollten nicht auf den Landeplatz verzichten. „Die Verkehrsanbindung von Konstanz ist schlecht“, sagt Stadelhofer. Der Flugplatz sei ein Standortvorteil. Stadelhofer kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er von rasanten technischen Entwicklungen spricht. Er erzählt von Satelliten gestützten Navigationssystemen und davon, dass es immer mehr Flugzeuge gebe, die nur noch eine kurze Start- und Landesbahn brauchen.

Aus der Froschperspektive sieht Welt anders aus

Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass einige Konstanzer die knatternden Flieger am Himmel stören. Andererseits machen Motorboote auch Krach und Ultraleichtflugzeuge sind sehr leise. Walter Rügert sagt, wie hoch der Erlös wäre, wenn die Stadt das Flughafengelände als Gewerbefläche vermarkten würde, lasse sich so nicht sagen. Vielleicht würde das Areal an der B 33 selbst in diesem Fall von der Stadt gar nicht verkauft, sondern nur verpachtet oder mit Interessenten Erbpachtverträge geschlossen. Doch das ist hypothetisch. Ein Investor, der händeringend Gewerbefläche sucht, ist nicht in Sicht. „Graf Zeppelin wurde in Konstanz geboren“, sagt Berndt Stadelhofer. In Friedrichshafen hatte der Graf mehr Platz für seine Zeppeline als in Konstanz. Überhaupt scheint aus der kommunalpolitischen Froschperspektive alles ganz anders auszusehen als aus der Vogelperspektive der Flieger – sogar die Graspiste des Flugplatzes. In Konstanz hat in diesem Sommer eine Geisterdebatte begonnen.

Foto: Berndt Stadelhofer

Ein Kommentar to “Geisterdebatte über Konstanzer Flugplatz”

  1. Fenedig
    24. Juni 2010 at 10:41 #

    Die Aufgabe des Flugplatzes Konstanz, dessen Anfänge bekanntlich bereits 1910 gelegt wurden, wäre ein weiterer „faux pas“ in der Zukunftsentwicklung der Stadt. Notwendig ist vielmehr ein massvoller Ausbau mit einer ganzjährig benutzbaren, befestigten Start- und Landebahn (750×24), um für die Weiterentwicklung leiserer, ökologisch und ökonomisch verbesserter Flugzeugtypen mit deutlich kürzeren Lande- und Startmöglichkeiten gerüstet zu sein. Das Potential, die Attraktivität der Stadt aus verkehrstechnischer Sicht auszubauen, ist für Konstanz („Letztes Zipfele Deutschlands“) auf allen Ebenen ein Muss – auch bei Strassen, Bahnen, Fähren, Fahrradwegen usw. Alles kommt der Stadt, dem Tourismus, dem Gewerbe, der Industrie, im Speziellen – was den Flugplatz betrifft – auch der ansässigen Flugbetriebsgesellschaft (KONAIR) und ihren Aktivitäten, den Flugsportvereinen, Rettungsdiensten, Polizei usw. zu gut. Und wenn dann noch Privatpersonen ihren Interessen am Fliegen nachgehen, ist das auch in Ordnung und sollte keine Ressentiments wecken. Für einmal können, wie es scheint, sogar Grünangehauchte der letzten Freifläche vor der Stadt – neben dem Ried – ökologisch einiges abgewinnen. Alles spricht also für weitere 100 Jahre…..

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.