Gott segne dieses Druckhaus

Südkurier Medienhaus bittet um göttliche Hilfe

engel DPP_4555Konstanz (wak) Weit scheint es gekommen mit der Zeitungslandschaft. Die Not ist groß. Das Südkurier Medienhaus bittet kurz vor Weihnachten gar um göttliche Hilfe und Schutz für seine neue Druckerei. Das hochmoderne Druckzentrum im Konstanzer Industriegebiet Oberlohn nimmt das Unternehmen gerade in Betrieb. Für den kommenden Freitag, 11. Dezember, hat der Südkurier aus besagtem Anlass zu einer „Segensfeier“ geladen. Ein bisschen befremdet reagierte der eine oder andere Ehrengast aber auf das von Geschäftsführer Rainer Wiesner verfasste Schreiben mit dem Betreff „Einladung zur Segensfeier“.

Göttlicher Beistand in der Zeitungskrise

Ausgerechnet in Zeiten der Zeitungskrise und fallender Auflagen all überall hat das Südkurier Medienhaus in Konstanz eine neue Druckerei errichtet. Dafür, dass das Haus seine Druckerzeugnisse künftig in modernster Technologie, die Zeitungen komplett in bunt und den Südkurier in praktischerem kleinerem Format liefern kann, hat es satte 30 Millionen Euro in die Hand genommen. Die wollen auch in Zeiten der Krise wieder herein gewirtschaftet werden. Da braucht es wohl schon ein bisschen göttlichen Beistand.

Redaktionen müssen sparen

Noch im November 2008 hatte das Medienhaus frohgemut den Grundstein für „eine sichere Zukunft“ gelegt. So heißt es auf der Homepage des Unternehmens im Internet. Die Zeiten waren damals scheinbar bessere. Geschäftsführer Rainer Wiesner frohlockte bei der Grundsteinlegung: Das Medienhaus habe sich „prächtig entwickelt“. Doch mittlerweile hat die Krise der Branche wohl auch einen der Großen in der Region Bodensee, Südschwarzwald und Hochrhein getroffen. Angeblich soll der Verlag einen rigiden Sparkurs fahren. Ein paar hundert tausend Euro sollten – wie dornroeschen.nu und andere Medien berichteten – beim Südkurier allein im redaktionellen Bereich eingespart werden, um das Unternehmen angesichts sinkender Erträge und steigender Kosten flott zu halten.

Medienhaus bittet um Bewahrung

O du fröhliche, O du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit, mag sich Geschäftsführer Rainer Wiesner in einem sentimentalen Moment gedacht haben, als er sich anlässlich der Inbetriebnahme der Druckerei, dafür entschieden hat, um göttliche Hilfe und um göttlichen Schutz für die 30 Millionen Euro Investition zu bitten und zur „Segensfeier“ einzuladen. Der Begriff „Segen“ kommt übrigens vom lateinischen „signare“ und bedeutet „mit dem Zeichen des Kreuzes versehen“. Segnen meint eine wohlmeinende Gebetsformel, die Personen oder Sachen Anteil an göttlicher Kraft oder Gnade geben möchte. In Zeiten der Zeitungskrise, in der immer mehr Verlage auch in Deutschland unter dem Diktat des Sparens stehen, dürfte auch beim Medienhaus Südkurier das Bedürfnis nach Schutz und Bewahrung gewachsen sein. Eine ökumenische Segensfeier mit anschließendem kleinem vorweihnachtlichen Imbiss erscheint am Freitag nicht verkehrt.

Ermahnung zur Gottesfurcht

Für Heim und Haus um den göttlichen Segen zu bitten – wenn auch nicht unbedingt für das Heim einer Zeitungsdruckerei – hat eine lange Tradition. Haussegen sind Teil der christlichen Volkstradition. Segenssprüche stellen Häuser, den gesamten Besitz und die Bewohner unter den Schutz Gottes. Der Haussegen sollte das Haus und seine Bewohner beschützen aber auch zur Gottesfurcht ermahnen. Im Falle des Südkuriers dürfte die Ermahnung zur Gottesfurcht hauptsächlich den Managern des Medienhauses gelten, die ansonsten eher unbarmherzig auf Quartalszahlen schauen.

Eine Druckerei ist sehr profan

Am Rande sei noch angemerkt, dass das weltliche Medienhaus, das seit 1992 zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört, bei der Inbetriebnahme der Druckerei auf den Begriff der „Weihe“ verzichtet, der in Zusammenhang mit einer Druckerei auch höchst unpassend gewesen wäre. „Weihe“ nämlich bedeutet, dass der oder das Geweihte nicht mehr für den normalen, profanen „Gebrauch“ bestimmt wäre, sondern für einen anderen religiösen. Die „Segnung“ dagegen möchte bewirken, dass der „normale, profane Gebrauch des betreffenden Gegenstands“ (hier einer Druckerei) unter dem Segen Gottes steht. 60 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschafte das Medienhaus Südkurier mit dem Zeitungsvertrieb, sagte Wiesner übrigens noch vor einem Jahr. Und meistens geht es in den Zeitungen ja um sehr Profanes, will sagen: Gewöhnliches, Alltägliches oder um Gehaltloses. Eine Segensfeier im Medienhaus nördlich der Reichenaustraße in Konstanz dürfte somit am Freitag aus mehreren Gründen durchaus angemessen sein. Los geht’s ab 10.30 Uhr – aber selbstverständlich nur für geladene Gäste.

2 Kommentare to “Gott segne dieses Druckhaus”

  1. s.greiner
    8. Dezember 2009 at 16:37 #

    Göttlichen Beistand braucht der Südkurier auch. Gehöre ich auch zu denjenigen, welche das Abo gekündigt haben. Wenn in einer Zeitung nichts interessantes mehr steht – ist sie überflüssig – und für meinen Biomüll zu teuer. Dazu nehme ich gerne die kostenlosen Wochenblätter – z.B. die Seewoche. In der steht auch nichts mehr wissenswertes drin! Wie ich bei „Wir über uns“ entnehme, haben Sie dort gearbeitet. Ich denke Sie werden schon Ihre Gründe gehabt haben, dort nicht mehr zu arbeiten und Ihre eigene Zeitung zu machen.
    Ich werde jetzt öfter bei Ihnen rein schauen, weil mir der Stil Ihrer Feder gut gefällt!Ruhig mal kein Blatt vor den Mund nehmen und ein wenig Sarkasmus mit hinein packen! Mir hat`s gefallen!

  2. kistler
    9. Dezember 2009 at 16:29 #

    Als interessierte Leserin besuche ich diverse Lese-Portale – u.a. den Südkurier. Heute hatte ich ein Erlebnis, was an Frechheit und Arroganz nicht zu überbieten ist: Auf einen Artikel – Überlinger Ausgabe – Stadtwerke wollen Glasfaserkabel verlegen – schrieb ich meinen Kommentar. Darin reklamierte ich, dass der Südkurier dieses Thema doch sehr spät seinen Lesern zugängig macht, da dies schon in Ihrer Onlinezeitung – ich verwies auf Ihre Website – vor zwei bzw. einer Woche zu lesen war! Mein Kommentar war nur kurz im Südkurier zu lesen, wurde jedoch komplett heraus genommen. Jetzt steht dort – ich habe es extra heraus kopiert:

    Stadtwerke wollen Glasfaserkabel verlegen
    von kistler (1 Beiträge) 09.12.2009 10:47

    Der Kommtar wurde von der Redaktion gelöscht.

    Vielleicht meinte der Löscher: Kommentar! Aber das spricht ja alles für diese Zeitung: Mitarbeiter die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und demokratische Meinungsfreiheit ist offensichtlich auch ein Fremdwort für sie. Wenn ich dann das Gesamtpaket anschaue, ist sogar der göttliche Beistand richtig von Nöten!!! Amen.

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