Grüner Strand in Überlingen: Einzigartiges Green Beach Jugendfestival

Zurück zum Green Beach: Bildungsdebatte am vergangenen Wochenende im Überlinger Ostbad

Überlingen. Der Strand in Überlingen ist grüner als anderswo. Dass es beim Green Beach Festival im Überlinger Ostbad Biogrillwürstchen gab, war genauso wenig Zufall wie es der Workshop über Bildungspolitik gewesen ist. Cornelia Wiethaler von der Veranstaltergemeinschaft schwärmte am Samstagnachmittag von Natur, Politik und ein bisschen Woodstock Atmosphäre am grünen Strand.

15 Bands auf der Green Beach Bühne

Selbst komponierte junge Musik gab es am Strand natürlich auch. 15 Bands präsentierte das Organisationsteam des Festivals. Ziel bei der Auswahl aus den etwa 150 Bewerbern war es, dass neben einigen bekannteren Bands wie Headliner „UMSE“ am Samstag oder Headliner „K-Rings“ am Freitag auch weniger bekannte lokale Jugend-Bands eine Chance zum Auftritt auf einer großen Bühne im Grünen hatten. Doch es ging nicht nur um Musik. Am Rande des Festivalgeländes hatten politische Jugendorganisationen der Parteien ihre Infostände aufgebaut. Nur die Junge Union fehlte: Ihre Mitglieder waren beim Landestag der Jungen Union.

Bildungsdiskussion im Backstagebereich

Etwa 40 Interessierte kamen bereits am Nachmittag, um an einem Workshop zur Bildungspolitik teilzunehmen. „Was würdet ihr am Bildungssystem verändern?“, lautete die Frage, über die Schüler, Lehrer, Mitglieder der Grünen Jugend, der Jusos, der Julis, Überlinger Gemeinderatsmitglieder und der frühere Leiter der Schule Schloss Salem, Bernhard Bueb, an Biertischen unter freiem Himmel im Backstagebereich diskutierten.

Buebs Verriss des deutschen Bildungssystems

Lehrer, Schüler und Bueb kritisierten das Bildungssystem heftig. Bueb sprach von einer „bildungspolitischen Katastrophe“. Dieselbe Zahl von Wochenstunden sei mit Einführung des G8 statt in neun Jahre nun in acht Jahre gepresst worden. „Es geht immer nur um kognitive Bildung“, so Bueb. An deutschen Schulen gebe es nur akademisches Lernen. Die Entwicklung der Persönlichkeit werde nicht gefördert. Die künstlerische oder sportliche Begabung spielen keine Rolle. Auch politisches Interesse sei nicht gefragt.

Lehrer hätten aufstehen müssen

Die deutsche Ganztagsschule sei die schlechtest mögliche und bedeute nur einen ganzen Tag Schule. Für Theater- oder Fußballspiel sei kein Raum. Bueb sagte, dass es gegen das G8 hätte einen „Lehreraufstand“ geben müssen. „Beamte wären frei“, so Bueb. Bueb sagte, die Konstanzer Gebhardsschule habe behinderte Kinder aufgenommen, obwohl es nicht vorgesehen war. Die Schule habe es einfach getan. Die Lehrer in der Runde stimmten Bueb zu. Statt pädagogische Diskussionen zu führen, brauche es seit G8 mehr Schulpsychologen. Ein Lehrer sagte, die Zeit für die persönliche Entwicklung fehle. „Es bringt nichts, die Schüler vollzustopfen.“ Doch auch die Lehrer leiden offenbar unter der Mehrbelastung.

„Glück“ und „Schule“ im Deutschen ein Widerspruch

Bueb sagte, er würde Schülern drei bis vier Stunden pro Woche zusätzlich anbieten, um Theater zu spielen, naturwissenschaftliche Experimente zu machen und im Sport Mannschaftsspiele auszutragen. Kinder aus bildungsfernen Schichten würden von einem anderen Schulkonzept profitieren. Der Schüler eines Wirtschaftsgymnasiums sagte, er habe 35 Stunden Unterricht pro Woche. Hinzu kämen Hausaufgaben und das Lernen auf Arbeiten. „Für Vereine oder Politik bleibt keine Zeit.“ Oberbürgermeisterin Sabine Becker sagte, Kinder hätten keine Lust mehr, am Wochenende etwas gemeinsam zu unternehmen, weil sie im G8 die Zeit zum Lernen nutzen wollten. Sie spreche da als Mutter. Bueb sagte, dass in Deutschland „Glück“ und „Schule“ niemals in einem Atemzug genannt würden. Ein Lehrer plädierte für kleinere Schulen und keine Bildungseinrichtungen mit 800 Schülern. Martin Hahn, Landtagskandidat von Bündnis 90/Die Grünen, sagte, beim Ausbau der Ganztagsschulen, sei die Hardware gebaut worden, die Inhalte seien wohl vergessen worden.

Politik-Sprech bei Podiumsdiskussion

Während Sprayer gerade die Baracken im Ostbad, die demnächst abgerissen werden, mit Graffiti besprühten, setzen Vertreter politischer Jugendorganisationen den Talk bei einer Podiumsdiskussion auf der Bühne fort. Ronny Schmid, Linksjugend/Solid, Natalie Wöllenstein, frühere Juso Landesvorsitzende, Ann-Kathrin Wesolowski, Mitglied des Landesvorstandes der Grünen Jugend, und Sebastian Gratz, stellv. Landesvorsitzender für Programmatik der Jungliberalen, diskutierten vor kleinem Publikum über „Pro und contra G8“, „Ganztagesschule“, „Selektion und Chancengleichheit“ und „Alternative Bildungssysteme“. Wie die Großen vertraten sie vor allem die Linie ihrer jeweiligen Partei und verfielen in typisches Politik-Sprech. Mit Organisatorin Cornelia Wiethaler war dennoch begeistert: An einem Samstagnachmittag so viele Leute zu einer Diskussion über Bildungspolitik zusammenzubringen, sei gewaltig.Das Green Beach Festival mit dem Anspruch, nicht nur Musik-, sondern auch Jugendfestival zu sein, hat die Erwartungen der Organisatoren offenbar erfüllt, auch wenn die eigentliche Party für die meisten Besucher erst nach 16 Uhr mit dem Auftritt der ersten Bands begonnen hat. Insgesamt kamen fast 2000 Jugendliche und junge Erwachsene zum grünen Strand. Finanziert worden ist das Festival über Eintrittspreise und mit Sponsorengeld.

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