Guten Morgen Bodensee!

Von Waltraud Kässer

Wer heute Morgen mit dem Fahrrad fährt, bekommt kalte Finger. Das macht aber nichts. Sollte sich der Hochnebel auflösen, scheint die Sonne. Bis dahin möchten wir in jedem Fall unbedingt noch ein bisschen im Nebel stochern.

Mitteilen möchten wir Ihnen heute Morgen zum Beispiel, dass es auch im dritten Quartal für die deutschen Tageszeitungen schon wieder nicht gut ausgesehen hat. Alle etwa 50 regionalen und überregionalen Titel mit mehr als 100.000 Käufern verloren an Auflage, zum Teil sogar heftig. Das berichtete das Medienmagazin Meedia.

Wir überlegen kurz: Brauchen wir eigentlich noch Tageszeitungen? Spätestens seit der Stuttgart 21 Demonstration vom 30. September, als die Polizei Wasserwerfer einsetzte, wissen wir, dass es nicht die Tageszeitungen sind, die als erste Nachrichten verbreiten und informieren. Doch wir fragen uns auch bang, wo sich die Menschen heute denn dann überhaupt informieren. Oder informieren sie sich etwa gar nicht mehr?

Wir hätten da in Zeiten, in denen direkte Demokratie im Trend liegt und iPhones und Smartphones fast so verbreitet wie Zahnbürsten sind, eine vage Idee: Lange bevor die Tageszeitungen an jenem letzten Septembertag begreifen konnten, was sich in Stuttgart ereignete, wussten die Mikroblogger Bescheid. Mit Kurznachrichten, die höchstens 140 Zeichen hatten, informierten die Twitter in Echtzeit.

Wer spät in der Nacht noch live zugucken wollte, wie die ersten Bäume fielen, konnte sich die Bilder auf fluegel.tv anschauen. Der Livestream zeigte, was viele Tageszeitungen wegen ihres Redaktionsschlusses und frühen Andrucks noch nicht einmal am nächsten Tag berichten konnten.

Geprüft sind Nachrichten, die getweetet oder gedentet werden, aber auf gar keinen Fall und stimmen müssen sie auch nicht. Manchmal sind Tweets sogar höchst tendenziös. So gesehen braucht die Welt wohl noch immer Tageszeitungen, die abwägen, einordnen, über Hintergründe informieren und kommentieren. Korrekter wäre es aber wahrscheinlich, das Wort Tageszeitung einfach durch professionellen Journalismus zu ersetzen.

Und nun zurück ins richtige Leben: Dass es in Überlingen in diesem Jahr keinen Weihnachtsmarkt geben wird, haben wir bereits berichtet. Das ist schade. Die Lokalzeitung hat den Wegfall übrigens mit Hilfe einer Karikatur lustig kommentiert. Zu sehen war mutmaßlich die Oberbürgermeisterin, der schon die kleine Hantel Weihnachtsmarkt zu schwer war, weshalb sie lieber die große, die da Landesgartenschau heißt, wuppen will. Am kommenden Wochenende begibt sich der Überlinger Gemeinderat übrigens in Klausur. Gehen wird es da auch um das Großprojekt, das selbstvertsändlich keine Blümchenschau ist. Wir sagen: Bitte oben bleiben Frau Becker. Mal sehen, wie viele Gewichte die Räte so stemmen.

Das Allerletzte. Gestern sagte ein Freund, dass man mit Worten kein Geld mehr verdienen könne. Wow, in unserer kleinen Welt denken wir da natürlich sofort an Texte. Offenbar ist der Satz aber auch richtig, wenn es um das gesprochene Wort geht. Dass Meinhard Schmidt-Degenhard demnächst schillernde und prominente Gäste zum Streit-Gespräch über den Kampf der Geschlechter auf die Bühne des Konstanzer Stadttheaters bitten kann, hat ebenfalls mit Verzicht zu tun und damit, dass einige mit Worte nicht unbedingt Geld verdienen müssen. Persönlichkeiten wie  Publizist Alfred Grosser, Susanne Fröhlich, Henning Scherf aus der Senioren-WG, Christina von Braun, Autorin Gaby Hauptmann und Roger Willemsen werden auf der Stadttheaterbühne debattieren. Möglich sei das selbstverständlich nur, weil alle Beteiligten bereit sind, auf hohe Gagen zu verzichten. Das haben wir gestern am Theater erfahren.

Kommen Sie gut und nicht allzu selbstausbeuterisch durch den Donnerstag!

3 Kommentare to “Guten Morgen Bodensee!”

  1. besorgter Leser
    21. Oktober 2010 at 11:51 #

    Ich glaube Bürger wollen sich informieren, nur erhalten Sie heutzutage
    von den etablierten Medien keinesfalls Qualitätsjournalismus. Die von
    Frau Kässer geforderte und einseitig bei den kostenlosen Alternativen
    in Frage gestellte Überprüfung von Fakten (Behauptungen) findet doch
    heutzutage nur noch selten statt. Da wird die Wortwahl & Argumentation
    der Verantwortlichen bei spannenden Themen, wie bspw. der FINANZKRISE,
    doch gar nicht mehr in Frage gestellt und kritisch kommentiert begleitet.

    Als Beleg: http://www.nachdenkseiten.de/?p=7143 Meldungen des Spiegel
    und des Soffin.

    Die sog. Journalisten sollten sich doch endlich mal an der eigenen
    Berufsehre gepackt fühlen und den Leuten endlich gut recherchierte
    Artikel und Fakten liefern bzw. die Argumentationsketten hinterfragen.
    Findet all dies nicht statt, so macht sich der bezahlte Journalist
    überflüssig und befindet sich qualitativ oft noch nicht einmal auf dem
    Niveau eines guten, unbezahlten Bloggers. Für diese Art von
    Hofberichterstattung bin ich nicht bereit Geld zu bezahlen und Mitleid
    mit den armen Journalisten habe ich auch nicht. Nur wer als Journalist
    seine Funktion als Vertreter der „vierten Gewalt im Staate“ erfüllt,
    hat meiner Ansicht nach diese Berufsbezeichnung und sein Geld ehrlich
    verdient.

    mfg Ein besorgter und kritischer Leser

  2. Adieu, Jugendwahn
    22. Oktober 2010 at 13:54 #

    In der Mittagspause hat Phoenix-TV interessante kurze Interviews mit Experten und Videoreportagen zur Bahn-, Stadtplanungs-, Verkehrs-, Kommunikations-Politik usw. gezeigt: http://www.phoenix.de/livestream/

    Politische Bildung pur, nicht besorgniserregend, aber für Kinder ernüchternd und eine gute Begründung für GEZ-Gebühren.
    Hoffentlich bliebt Hr. Geissler den Medien als Moderator erhalten: beim Interview mit dem Kommunikations-Experten erhielt er Höchstnoten. Jetzt weiss man, was die Politik unter „nötige Erfahrungsschatz von Senioren“ für die Berufswelt versteht: einen Wein, der mit dem Alter immer besser wird.

  3. detlev
    23. Oktober 2010 at 12:14 #

    In den Jahren der Globalisierung und Euro-EInführung wurden BWL-Studenten neben der dem Grundkurs Volkswirtschaftslehre in Englisch auch noch mit der Zeitschrift „Newsweek“ versorgt.

    Mit (wirtschafts-)liberaler Grundeinstellung konnte man einen Überblick über weltweite Themen, aber auch europäischen und deutschen Fragen erhalten.
    Neben der Geographie wurden Themen vielseitig angeleuchtet; die Einstellung schimmerte immer mal wieder durch, aber Vor- und Nachteile wurden kontrovers ohne Endergebnis dargestellt.
    Das Magazin war gut und interessant lesbar; der englische Wortschatz war aber doch spürbar „jenseits dem normalen Internet-Englisch“. Man brauchte ein halbes Jahr bis sich die Lesegeschwindigkeit deutlich verringert hatte und an dt. Texte heranreichte.
    Als Ergebnis erschienen dann allerdings die dt. Experten-Runden zur Euro-Einführung sehr locker begreifbar und banal informativ.

    Zwischen 2007 und 2009 sollen die Einnahmen bei Newsweek (Washington Post) um fast 40 % zurückgegangen sein und im Herbst 2010 wurde die Zeitung für 1 USD an den 92-jährigen „audio pioneer Sidney Harman“ verkauft.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Newsweek

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