Guten Morgen Bodensee!

Von Waltraud Kässer

Sprechen wir heute Morgen noch einmal kurz über den Bücherflohmarkt auf dem Konstanzer Münsterplatz, den CSD am See, Google+ und die Diskussionskultur im Netz.

Ein bisschen geschockt waren wir, als uns eine Standbetreiberin beim Bücherflohmarkt auf dem Münsterplatz sagte, sie verkaufe die alten Bücher, weil sie in Zukunft nur noch E-Books lesen wolle. Wir fragten uns bang, stirbt jetzt das gedruckte Buch? Legen sich die Menschen in Zukunft nur noch mit einem E-Book-Reader oder dem iPad ins Strandbad? Ein Buchhändler versuchte, zu beruhigen. Gedruckte Bücher werde es immer geben, sagte er an seinem Stand. Wir glauben es auch, denn wir, die wir beruflich den ganzen Tag auf Bildschirme starren und Nachrichten nur noch online lesen, möchten schöne Bücher nicht missen.

Eine entspannte, lässige Stimmung herrschte, am Samstag beim Fest der Schwulen und Lesben im Stadtgarten. Nach der CSD Parade feierten da Teilnehmer und andere ein schönes Sommer-Open-Air. Ein Kostümierter steckte uns die rote Schleife der Aids-Hilfe ans T-Shirt. Wir haben auch ein paar Freunde getroffen – alle Heteros. Das Bier schmeckte wie bei anderen Festen auch und das Showprogramm in der Konzertmuschel war kostenlos. An Autos und Kinderwägen flatterten Regebogenfähnchen, sogar Hunde trugen Halstücher am Samstag in Regenbogenfarben und im Konstanzer Trichter kreuzten Schiffe und Yachten. Es war ein rundum schöner Sommernachmittag und das ganze Fest eine einzige Demonstration für Toleranz und Solidarität – in diesem Fall mit sexuellen Minderheiten. Müssen wir die Welt überhaupt noch in Homos und Heteros einteilen oder sollten nicht einfach alle diesselben Rechte haben?

Ein bisschen irritiert verfolgen wir eine Debatte um Realnamen bei Google+. Es ist nämlich so, dass sich Nutzer bei Google+ mit ihren echte Namen registrieren müssen und Pseudonyme angeblich nicht erlaubt sind. Wer gegen diese Regel versroße und sich mit einem fiktiven Namen anmeldet, müsse damit rechnen, dass Google das Profil löscht. Zumindest haben wir Blogbeiträge so verstanden.

Die Empörung ist deswegen gewaltig. Am Freitag hat sich zum Beispiel auch Blogger Sascha Lobo bei Google+ geäußert. Er stellte fest: „Wichtiger ist aber, dass es möglich sein muss, sich in sozialen Netzwerken unter Pseudonym zu bewegen, und zwar explizit unter einem Pseudonym, das nichts mit der echten Personalausweis-Identität zu tun hat.“

Muss es das wirklich? Beängstigend ist es natürlich, wie viele Daten Google über uns sammelt. Trotzen benutzen wir Google Chrome, Google Mail und haben uns auch bei Google+ angemeldet – wir haben es freiwillig getan.

Whistleblowing dürfte ausgeschlossen sein, wenn Leute identifizierbar sind. Die Frage ist aber auch, ob Soziale Netzwerke Whistleblowing-Plattformen sind? Auch in Ländern, in denen Menschen für ihre Freiheitsrechte kämpfen und keine politischen Teilhaberechte haben, gehen sie ein hohes Risiko ein, wenn sie unter ihren echten Namen kommunizieren. Doch auch, wenn sie es nicht tun, sind sie womöglich identifizierbar. Trotzdem sollten sie das Recht auf einen anonymen Account haben.

In Europa ist die Situation aber eine andere. Der Diskussionskultur würde es gut tun, wenn Leute ihre Maske abnehmen würden. Manchmal könnte der Eindruck entstehen, viele von uns seien multiple Persönlichkeiten, bei denen die eine ganz unabhängig von der anderen schreibt, bloggt und zwitschert. Oder, um es mit Freud zu sagen, im Web 2.0 kommuniziert im Schutz der Anonymität oft nur das „Es“ und das „Über-Ich“ ist sozusagen ausgeschaltet. Wollen wir das so?

Wer sich in sozialen Netzwerken zu Wort meldet, sollte auch nicht anders reden wie er es in seinem realen Leben tut und respektvoll mit anderen umgehen. Schlimm genug, die Anwürfe, die anonyme Kommentatoren manchmal verbreiten. Würden sie das auch tun, wenn sie sich nicht verstecken könnten? Oder was sollen wir von einem halten, der sich der Bulo nennt und als Portraitbild ein Gesicht hinter einer Sturmmaske hochgeladen hat? Wir haben es nur gesehen, weil ein Follower ihn retweetet hat – wir folgen solchen Accounts sonst nicht, möchten nicht lesen, was so einer schreibt, und wir hätten ihn sofort entfolgt.

Frisch entdeckt, ein sehr guter Beitrag zum Thema: http://www.nzz.ch/nachrichten/digital/google_anon_plus_1.11465212.html

Starten Sie gut in die neue Woche!

3 Kommentare to “Guten Morgen Bodensee!”

  1. Franz
    18. Juli 2011 at 07:47 #

    Zu einer Meinung muss man stehen, nur manchmal gibt es Meinungen, die in unserer Gesellschaft oder System vielleicht nicht akzeptiert oder tolleriert werden, dafür aber doch richtig sein können. Den „Bulos“ soll jede Diskussion zugägnlich sein – manchmal braucht man sie einfach.

  2. Hinterwäldler
    18. Juli 2011 at 10:05 #

    Unter dem Nick „Hinterwäldler“ kennt mich das halbe deutsche Internet. Ich habe mich stets bemüht realistische Diskussionen zu führen sowie Fachfragen nach besten Wissen zu beantworten. Daraus ist noch nie irgend einer realen Person ein Schaden entstanden. Nach „Hinterwäldler“ kann man googeln und erhält sehr schnell Treffer. Er ist einmalig und ist Teil meiner Identität. Um meinen Realnamen braucht sich niemand bemühen. Ihn gibt es mindestens 2 dutzend Mal im Internet.

    Teile des Internets, in denen ich meine bisherige Identität an den Nagel und den Realnamen ans Revers hängen muss, werden von mir nicht besucht. Dafür sprechen zwei Gründe:
    1. Dort kennt mich keiner und ich müsste mir ein zweites Image aufbauen.
    2. In einer Zeit, in welcher es möglich ist, Daten aus einem Server der Bundespolizei zu stehlen bzw. zu fälschen, muss ein Realname keinesfalls identisch mit einer Person sein.
    Mit anderen Worten: Es ist der größte Dummfug den ich jemals aus dem Internet erfahren habe!

    Nur zweifelhafte und dem regierungsamtlichen Mitteilungs(sonntags)blatt Interviews gebende Politiker erkennen in meinem Nick eine Gefahr. Sie haben die Funktion des Internets noch nicht verstanden. Google zeigt Verständnis für deren Wunsch.

    Viele Grüße aus Hinterwaldhofen

    Ps.:
    wak besitzt das gesetzliche Recht und meine ausdrückliche Erlaubnis im Gefahrenfall oder bei durch meine Person verursachte Straftaten meine eMail-Adresse an die Behörden zu übergeben.

  3. TB
    18. Juli 2011 at 14:35 #

    Da wird laut gepriesen, wie sehr das Internet die Gesellschaft verändert. Es sind meist die Internetakteure selber, die da ganze Lobgesänge ablassen. Wenn schon die Verbreitungskultur von Nachrichten und Informationen sich ändert, ändert sich doch wohl auch alles drumherum. Das eine bekommt man nicht ohne das andere. Also: Was früher der hangeschriebene Leserbrief mit Name und Adresse war, ist heute eben ein anonymer Kommentar. Daran müssen sich die Betreiber von Blogs eben gewöhnen. Jedesmal eine Debatte vom Zaun zu brechen, wie unmöglich man anonyme Kommentare findet, ist müßig. Schon im alten Rom pinselte man gerne unerkannt Unmutsäußerungen an die Tempelsäulen. Seit es den Buchdruck gibt, gibt es anonyme Flugblätter. Wenn man sieht, wie sehr Leute wegen ihrer Meinung persönlich angegriffen und von einem Internetmob verfolgt werden, muss man sich nicht wundern, daß eine Mehrzahl eben nicht mit vollem Namen erscheinen will. In einer Gesellschaft, in der Abweichler vom gedulteten Mainstream beschumpfen, bedroht und verfolgt werden, ist es das Recht jedes Einzelnen, sich vor solchen Nachteilen zu schützen. Auch das ist eine Freiheit, die das Internet möglich macht.

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