Guten Morgen Bodensee!

Von Waltraud Kässer

Zündstoff birgt das Gutachten über den früheren Konstanzer Oberbürgermeister Bruno Helmle. Gestern haben es drei Wissenschaftler vorgestellt. Dass wir mit Nachrichten über die NS-Vergangenheit eines Alt-OB’s und noch einmal einer Anmerkung zu Neonazis beim Konstanzer Fastnachtsumzug ins Wochenende starten, hätten wir uns vor drei oder vier Tagen kaum vorstellen können.

Das Erschreckende ist, dass Helmle trotz seiner NS-Verstrickungen bis 1980 Konstanzer Oberbürgermeister blieb. Er hat die Öffentlichkeit, so sagten es die Wissenschaftler, über seine NS-Vergangenheit getäuscht.

Erschreckend ist auch, dass Helmle mit der Irreführung der Öffentlichkeit solange weitermachen konnte. Er täuschte nicht nur in den 50-er und 60-er Jahren, sondern dreieinhalb Jahrzehnte lang. Ob er so Ehrenbürger der Stadt Konstanz und Ehrensenator der Universität Konstanz bleiben kann, ist fraglich. Die Entscheidung über die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde trifft der Konstanzer Gemeinderat. Eine Rolle spielen wird dabei auch, was die Menschen in der Stadt über Helmle denken und wie sie sein Verhalten werten. Die Universität kann ihm den Titel des Ehrensenatosr entziehen. Beides ist sehr wahrscheinlich.

In der einen Waagschale liegt seit gestern die Forschungsarbeit. Die Wissenschaftler, die sie vorlegten, machen keinen Hehl daraus, dass Helmle den nationalsozialistischen Unrechtsstaat durch seine Arbeit in der Finanzverwaltung mit am Laufen hielt, dass er ein Rädchen wie auch andere gewesen ist, ohne die die arbeitsteilige Judenverfolgung nicht möglich gewesen wäre. In der anderen Waagschale liegen noch immer die Verdienste Helmles als Oberbürgermeister. In seine Amtszeit fiel zum Beispiel die Gründung der Universität. Sie sind aber im Vergleich zu den Verfehlungen ein Federgewicht.

Erschreckend ist auch, dass die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft selbst 2012 noch nicht vollständig aufgearbeitet ist.

Noch einmal müssen wir heute auch auf die Teilnahme von Neonazis am Konstanzer Fastnachtsumzug zu sprechen kommen. Die Neonazis marschierten im Umzug mit und missbrauchten den Zug für ihren Auftritt. Erstaunlich ist es, dass es die Vereinigten Konstanzer Narrengesellschaften nicht für nötig oder angebracht hielten, den Auftritt der Neonazis wenigstens zu bedauern oder sich ausdrücklich zu distanzieren. Gestern, als Deutschland der Opfer des Terrors Neonazis gedachte, wäre ein guter Tag für solch eine Erklärung gewesen.

Die Frage ist nun, wie viel Aufmerksamkeit verdienen die Neonazis? Journalisten stehen, gerade wenn es um Neonazis geht, vor der Frage, Aktivitäten totschweigen oder darüber berichten, womit Aktionen von Neonazis womöglich aufgewertet werden. Vermutlich hätte ohne die Berichterstattung kaum jemand den Auftritt der Rechten beim Konstanzer Fastnachtsumzug als solchen wahrgenommen. Trotzdem wären die Rechten aber auf der Straße gewesen und hätten ihren Auftritt im Web als Erfolg kommuniziert. Totschweigen geht in diesem Fall nicht mehr.

Kommen Sie gut durch den Freitag!

3 Kommentare to “Guten Morgen Bodensee!”

  1. hans paul lichtwald
    24. Februar 2012 at 10:55 #

    Das ist genau die entscheidende Frage, Frau Kässer. Man muss ihnen entgegentreten, denn wie sie sich selbst im Internet feiern, ist geradezu wahnsinnig. Die Impressumsfrage wurde gestern in meinem Umfeld heftig diskutiert. Wenn ich dies richtig sehe, bleiben am Ende altbekannte NPD-Namen wie Schützinger für den Gesamtverbund der angeblich so freien Kräfte übrig. Da kann sich die NPD bei einem Verbotsantrag auch nicht mehr herausreden.
    Schockiert hat mich der Film von der Wintersonnwendfeier inmitten einer Burgruine in der Region. Der Text war eindeutig. Dunkelbraun.

  2. dk
    24. Februar 2012 at 11:53 #

    … die Wissenschaftler, über seine NS-Vergangenheit getäuscht …

    Es gibt auch Meinungen über ein kollektives Verdrängen von Geschichte und Lebensläufen, was eher mit intensiver Beanspruchung durch den Wirtschaftsaufschwung und den „kalten Krieg“ erklärt wurde.

    Der Spruch „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ muss in diesen Jahr(zehnt)en erfunden worden sein.
    Oder aber: wo kein Ankläger ist, gibt es auch keine Angeklagten. Die Wissenschaft ist nur ein gesellschaftlicher Teilbereich der Allgemeinheit und des Zeitgeistes.

    Gegenwärtig sind viele Menschen nicht mehr durch einen Wirtschaftsaufschwung oder „kalten Krieg“ zeitlich überbeansprucht.

  3. dk
    25. Februar 2012 at 15:02 #

    … Frage, Aktivitäten totschweigen oder darüber berichten …

    Sehr schwer zu beantworten, wenn man keine Ahnung von Medien, Journalismus und Politik hat und das bruchstückhafte Teilwissen der Schulbildung auch nicht (mehr) aktuell erscheint.

    Eine andere Frage stellte sich heute mittag beim Jogging nach über 2,5 Std. beim Rückweg ca. 300 m vor dem Parkplatz. Am Waldweg waren in ca. 20 m Entfernung 2 kleine Tierchen in Katzengrösse, die sich mit Laub beschäftigten. Ohne Brille wurden zuerst 2 Hasen vermutet, so dass man neugierig stehen blieb und sich pfeifend zu erkennen gab. Es hat sich nicht viel verändert, aber bei einem Augenkontakt wurden die fehlenden Langohren bemerkt, so dass man kleine Wildschweine erkennen konnte. Die Umkehr mit Umweg zum Auto hätte über 30 min gedauert, so dass man sich dem Problem stellen musste. Man hat gewartet, ob sich etwas verändert, z.B. ein Elternteil herbei eilt, was dann extreme Vorsicht bedeutet hätte. Nun ging man langsam vorwärts und die Kleinen rannten ins Gestrüpp, bis man sie nach 50 m aus den Augen verlor: es waren wirklich „Waisenkinder“. Grosse Wildschweine sollen scheu sein, aber auch nicht immer und in jeder Situation. Die Geschichte spielte sich nahe der betonierten Schiesstände eines Schützenvereines statt, der vor 2 Stunden noch kräftig geübt hatte und sich nun ins Wochenende begeben hatte.
    Fazit: wenn Wildschweine irgendwann bei einer Jagd plötzlich neugierig auf eine Flinte zulaufen sollten, haben Jogger etwas falsch gemacht. Schlechte Bedingungen für eine Sportart. Wildschweine sind somit eine tolle (fast unpolitische) Freizeit-Beschäftigung.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.