Guten Morgen Bodensee!

Kolummne – Aus der Flachwasserzone

Am Sonntagabend, als gerade die Lindenstraße über den Fernseher flimmerte, gab es ganz großes Kino in Konstanz. Die große Mehrheit der Konstanzer sagte Nein zu einem Konzert- und Kongresshaus auf Klein-Venedig. Das war eine Ohrfeige auch für den OB. Die Wahlbeteiligung beim Bürgerentscheid lag bei 52 Prozent. Dieser Ausgang ist eine Sensation…

Eine Niederlage ist der Ausgang des Bürgerentscheids nicht nur für die Unterstützer aus der Bürgerschaft, sondern auch für die gedruckte Lokalzeitung. Bis zuletzt hatten sich Leser über die ihrer Meinung nach einseitige Berichterstattung geärgert. Der Ausgang des Bürgerentscheids hat am Sonntag nicht nur gezeigt, dass die Konstanzer kein Konzert- und Kongresshaus auf Klein-Venedig wollen. (Sie wollten es schon beim ersten Bürgerentscheid 2003 nicht.) Er hat auch gezeigt, dass der Einfluss des lokalen Printmediums schwindet. Die stramm hinter den Befürwortern stehende Konstanzer Lokalredaktion schaffte es nicht, die Stimmung zugunsten eines Konzerthauses zu drehen. Nie zuvor spielte möglicherweise das Internet eine so große Rolle. Vor allem die Gegner hatten ihren Widerstand getwittert und ihre Argumente in einem eigenen Blog veröffentlicht. Was die Tageszeitung nicht veröffentlichte, war erst Recht in privaten Blogs und Onlinezeitungen zu lesen.

Insgesamt waren beim Bürgerentscheid 60.757 Konstanzer wahlberechtigt. Gegen 18.15 Uhr am Sonntagabend, als der erste Wahlbezirk ausgezählt war, deutete sich der Absturz der Konzerthausbefüworter bereits an. Der rote Balken, der für nein stand, war mehr als doppelt so lang als der grüne, der für ja stand. Und das sollte sich den ganzen Abend nicht mehr ändern. Nur in einem Wahllokal, in der Rosenau, war die Zahl der Befürworter eines Konzert- und Kongresshauses höher als die der Nein-Sager. Eine knappe Stunde, nachdem der erste Bezirk ausgezählt war, stand das Endergebnis fest: 20.800 Wahlberechtigte (65,7 Prozent) hatten nein angekreuzt – 10.876 (34,3 Prozent) ja. Die Wahlbeteiligung lag bei 52 Prozent. Das war eine höherer Wahlbeteiligung als bei den Kommunalwahl im Juni vergangenen Jahres und als beim zweiten Wahlgang bei der OB-Wahl, als Oberbürgermeister Frank zum zweiten Mal gewählt wurde. Das Quorum von 25 Prozent wurde von den Gegnern erreicht – es lag bei 15.189 Stimmen.

Das Interesse am Ausgang des Bürgerentscheids war offenbar so groß, dass der Server der Stadt zusammenbrach, mutmaßlich weil er die Anzahl der Klicks nicht verkraftet hatte. Diese Information machte jedenfalls am Sonntagabend noch die Runde. Klar war: Die Materialschlacht der Befürworter lief ins Leere. Auch journalistisch aufbereitete Hochglanzinformationen, Fernsehwerbespots, Gala-Menü und goldener Container brachten keinen Meinungsumschwung. Sie schreckten die Wahlberechtigten offenbar ab. Die Kampagne wirkte insgesamt zu professionell, der Einsatz war zu hoch und die gedruckte Tageszeitung, die längst nicht alle Haushalte erreicht, provozierte auch noch, so sieht es aus, zu einer „Nein-jetzt-erst-Recht-nicht-Haltung“. Der Rest der Welt und der Nachrichten lag dieses Mal – vielleicht zum ersten Mal – ja nur einen Link entfernt.

Den Kopf in den Sand zu stecken braucht angesichts dieses Bürgerentscheids niemand. Im Gegenteil: Denn erstens: Demokratie funktioniert doch noch. Zweitens: Zu viel Heimlichtuerei war ein Fehler und bleibt der falsche Weg, wenn ein Oberbürgermeister und ein Gemeinderat, die Menschen mitnehmen wollen. Drittens: Nach dem Bürgerentscheid ist der Weg frei, neu zu denken. Weil die Nein-Sager, nicht wie von manchem Ja-Sager unterstellt, Kulturbanausen sind, fängt das Nachdenken über ein Konzerthaus für Konstanz neu an. Auch viele, die am Sonntag noch nein sagten, glauben, dass die Philharmonie eine geeignete Spielstätte braucht. Die könnte es auch für zehn oder 15 Millionen Euro geben. Es sollte aber bitte eine robuste ausreichend große Halle sein, in der auch einmal Guggenmusiken oder die Toten Hosen spielen können. Die Idee, eine Bürgerstiftung zu gründen, hat Charme. Wenn die Befürworter des jetzt abgelehnten KKH schon einen mutmaßlich sechsstelligen Betrag für Wahlwerbung aufbringen konnten, dürfte es auch möglich sein, Geld für eine Konzerthalle zu sammeln. Schade nur, dass Konstanz zuletzt mehr als eine Millionen Euro für das nun abgelehnte Projekt in den Sand gesetzt hat. Dafür hätte die Stadt ein paar schöne Zeltfestivals auf Klein Venedig sponsern können.

Kommen Sie gut durch die Woche!

Waltraud Kässer

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