Herr Gassner, worum geht's bei den „Sessions“ am Seerhein?

Nachgefragt beim Initiator des ersten Konstanzer Barcamps

Konstanz – Am ersten Juniwochenende, vom 4. bis 6. Juni, treffen sich nicht nur Nerds an der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung zum ersten Barcamp in Konstanz. Es ist das zweite am Bodensee. Das erste fand vor zwei Jahren an der Zeppelin University in Friedrichshafen statt. Prominentester Teilnehmer ist Robert Basic, einer der bekanntesten Blogger Deutschlands. Etwa 200 Teilnehmer haben sich bereits angemeldet. Lokaler Medienpartner ist See-Online.

Herr Gassner, Sie sind der „Erfinder“, man könnte auch sagen Initiator des Barcamps in Konstanz. Warum machen Sie das? An wie vielen Barcamps haben Sie schon teilgenommen und was hat Sie begeistert?

Nur Initiator, erfunden wurde es zwei Mal einmal von Tim O’Reilly, dem Verleger, der nur seine Freunde eingeladen hat zum FooCamp (Friends Of O’Reilly Camp), und einmal von den Leuten, die beim zweiten Mal nicht zu seinem FooCamp eingeladen wurden, die haben dann ihr eigenes Ding gemacht, ein Barcamp. Seitdem verbreitet sich dieses Format global und es gab insgesamt schon mehrere hundert Camps. Auch in Deutschland ist in der ‚Saison‘ fast jedes Wochenende eins irgendwo. Ich war inzwischen schon bei über 25 Barcamps. Was mich fasziniert ist die hohe Qualität an Infos, die man bekommt, dass man die Leute, die man sonst nur aus dem Internet‘ kennt, da auch mal trifft und dass man alles, was erst in einem oder zwei Jahren zum Trend wird dort zum ersten Mal hört.

Noch mal für Anfänger: Wir wissen, dass es ums Web 2.0 gehen soll. Jeder Teilnehmer stellt sich am Morgen kurz mit drei Tags vor, sagt was ihn interessiert und welche Session er anbieten möchte? Ist das soweit richtig? Wie werden Sie sich vorstellen?

Genau richtig. Wenn man mal erlebt hat, wie sich 300 Leute im Sekundentakt vorstellen, dann wird einem klar, was für ein geballtes Knowhow bei einem solchen Event zusammenkommt. Meine Vorstellung variiert, aktuell würde sie wohl lauten: ,Oliver Gassner, Stuttgart und Bodensee-Hegau, Social Web Erklärbär und Selbstmanagement-Ninja‘.

Wer ist die Zielgruppe? Muss ich ein Nerd sein oder Informatik studiert haben, um mitmachen zu können?

Weder noch. Sicher wird es einige Vorträge geben, bei denen man weder den Titel noch den Inhalt versteht, wenn man nicht Programmierer ist. Die spannendsten Vorträge sind aber oft die, die entweder Anfängern etwas erklären oder bei denen jemand von was ganz anderem erzählt. Vom Leben im OP-Saal oder davon, wie eine Fernsehproduktion abläuft. Die Themen sind vollkommen frei. Alles was Interessenten findet, hat seinen Platz. Nur wenn man sich seine E-Mails ausdrucken lässt, dürfte der Erkenntnisgewinn eingeschränkt sein, das meiste wird sich noch im großen Feld der Netzkultur bewegen.

Um welche Themen könnte es gehen? Reden die Teilnehmer nur über Technisches oder auch über politische Netz-Themen? Machen Sie doch einmal ein paar Beispiele.

Im Wiki haben Leute unter anderem folgende Vorschläge gemacht:

Towards a new kind of web page: SVG support in HTML5

Using Ushahidi for reporting about the World crises (humanitarian, environmental, economic, etc.)

Decentralize the web: how can we help? About Diaspora and other attempts

Polyphasic Sleeping – Wie man mit zwei Stunden schlaf lebt. – Boris Noll

Linux as a viable alternative for the business desktop. Yes, you can.

Usability Testing on a „low budget“

Hadoop – Working with big data

Facebook Marketing / Facebook Privacy

Geocaching – The sport where you are the search engine

Suchmaschinen Optimierung von Websites

Funding Journalism – die spendenfinanzierte Zukunft der Medien

Seriengründer – mit jedem Start Up wird es einfacher…

Wie man sieht ist manches auf Englisch, das liegt daran, dass  wir das Camp als internationalen Event anlegen und auch Leute aus allen Teilen der Schweiz und Frankreichs einladen. Immer wenn jemand im Raum ist, der nicht Deutsch spricht, ist der Vortrag auf Englisch und die Orgasprache ist Englisch.

Das Teilen von Wissen ist eine großartige Sache. Worin unterscheidet sich ein Barcamp von einem Workshop, den jeder bei einem Dienstleister buchen kann? Welche Philosophie steckt dahinter?

Nun, es geht, wie ich sage, um eine ,Wikipedia auf zwei Beinen‘ (oder auf 400). D.h. es geht um das freie Teilen von Wissen. Es sollen Hürden jeglicher Art abgebaut werden um aus Information Wissen und Fähigkeiten zu machen. ,Information wants to be free.‘  Also frei zugänglich und kostenlos. Die Idee ist, dass wir mit diesem Wissen die Welt etwas besser machen können. Auch die vor dem Bildschirm. Wenn ein Kunde kommt und ein Thema vertiefen will muss man natürlich schon sehen, wer die Brötchen bezahlt.

Nur, damit wir es noch mal klar stellen: Jeder Teilnehmer bringt sein Netbook oder iPad mit und kann online gehen. Sponsoren bezahlen den Internetzugang, Getränke oder, was sonst noch gebraucht wird. Die Teilnahme am Barcamp ist kostenlos. Es gibt ein Orga-Team, das ziemlich viel zu tun hat. Verdienen Sie Geld mit dem Barcamp?

Nein. Ich berühre keinen Euro des Geldes, das von den Sponsoren kommt. Und von anderswo kommt keines. Jeder Sponsor rechnet direkt mit dem Lieferanten ab. Ich investiere meine Arbeitszeit in das Barcamp Bodensee als Dankeschön für die anderen Barcamps, die ich besucht habe. Man stelle sich vor, dass jeder, der zehn Barcamps besucht hat auch eines organisiert, vor seiner Haustür. Natürlich hat man als Organisator auch etwas davon. Man lernt viele Leute kennen und wird etwas bekannter. Da ich im August von Stuttgart an den See ’nach Hause‘ komme, ist das für mich auch etwas wert.

Haben wir etwas Wichtiges vergessen?

Dass es noch fast 50 freie Plätze gibt und dass wir ein Festzelt (Kapazität 150 bis 200 Personen) und 40 Bierbänke mit 80 Sitzbänken suchen und noch Sponsoren brauchen könnten. Und dass ich mit Patric Schmid (Uni Konstanz), Peter Eich (Bodensee-Radweg GmbH) und Ute Hauth (miradlo) und all den anderen ein super Team in Konstanz habe, ohne dass ich das – schon gar nicht aus der Diszanz – stemmen könnte.

Vielen Dank fürs Gespräch und dann bis zum 4.,5. und 6. Juni beim ersten Konstanzer Barcamp an einer der schönsten Locations der Stadt direkt am Seerhein. (Die Fragen stellte Waltraud Kässer.)

Die Anmeldung erfolgt online unter: http://barcampbodensee.mixxt.eu. Das erste Barcamp überhaupt fand vor fünf Jahren in Palo Alto (Kalifornien) statt.

Zur Person:

Oliver Gassner: geboren im Hegau, zur Schule in Singen, Deutsch und Englisch studiert in Konstanz und Minnesota, lange Jahre Herausgeber der Konstanzer Literaturzeitschrift „Wandler“.

Alter: 45

Beruf: Selbstmanagement- und Kommunikations-Berater (Schwerpunkte: Social Web, Weblogs, XING, Twitter, Facebook u.a.)  bei Stuttgart und ab August 2010 im Hegau und am See.

Internetseite: http://blog.oliver-gassner.de

Fotos: Thorsten Jochim/http://www.thorstenjochim.com

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