Heute vor zehn Jahren um 23.35 Uhr stießen zwei Flugzeuge über Überlingen zusammen

Gedenkfeier in der Nacht zum Montag – 2002 starben 71 Menschen bei Flugzeugzusammenstoß über dem Bodensee

Überlingen. Schwüle, grauer Himmel und weit und breit keine Trümmer mehr. Heute vor zehn Jahren, am 1. Juli 2002, um 23.35 Uhr und 32 Sekunden stießen am Himmel bei Überlingen zwei Flugzeuge zusammen. 71 Menschen starben. Das Flugzeugunglück hat damals das Leben von vielen Beteiligten und Unbeteiligten nicht nur in Überlingen und in Baschkortostan verändert. Heute gedenken Deutsche und Baschkiren noch einmal der Opfer.

Flugzeugunglück heute vor zehn Jahren

Heute am Sonntag, 1. Juli, jährt sich der Tag des Flugzeugunglücks von Überlingen zum zehnten Mal. Damals starben bei dem Flugzeugzusammenstoß 71 Menschen, unter ihnen 49 Kinder und Jugendliche aus Baschkirien, die mit einem Passagierflugzeug auf einem Ferienflug von Ufa nach Spanien waren. Zu Tode kamen auch die Besatzung der Tupolew der Bashkirian Airlines und zwei DHL-Piloten, die damals im Cockpit der Frachtmaschine gesessen hatten.  Ein Familienvater aus einer russischen Teilrepublik, der 2002 zusammen mit anderen Angehörigen an den Unglücksort am Bodensee gereist war, um Abschied von seiner Familie zu nehmen und der seine Frau und seinen beiden Kinder in der Nacht verloren hatte, tötete 2004 in Zürich-Kloten den Fluglotsen der Skuiyguide, der in der Unglücksnacht Dienst hatte.

Der vermeidbare Flugunfall

Das Unglück wäre vermeidbar gewesen, wenn Zürich bei der Skyguide an diesem Abend nicht Wartungsarbeiten stattgefunden hätten, die Telefonanlage in Zürich noch ausgefallen wäre, die Piloten in den beiden Maschinen, als sie auf Kollisionskurs gerieten, den Anweisungen des Bordcomputers gefolgt wären und wenn sich der Lotse nicht mehr eingemischt hätte. Menschliches Versagen war wohl ausschlaggebend. Später folgten jahrelange Rechtsstreits um Schuldfragen und Schadenersatzleistungen. Zwei Filme, ein dokumentarischer und ein fiktionaler, arbeiteten das Unglück auf oder sich am Stoff ab. Das Unglück hätte – aus Überlinger Sicht – aber auch noch viel verheerendere Folgen haben können, wenn die Maschinen über der Stadt Überlingen abgestürzt wären. Sie sind es aber glücklicherweise nicht – weshalb die Überlinger bei ihren Schwedenprozessionen seither nicht mehr nur daran erinnern können, dass die Stadt im 30-jährigen Krieg verschont geblieben ist.

Trümmer verfehlten besiedeltes Gebiet

Die Trümmer der verunglückten Maschinen und die Toten lagen am Morgen danach in einer Apfelplantage und in einem Weizenfeld. Die Wrackteile, die nach dem Zusammenprall brennend vom Himmel gefallen waren, waren weit verstreut und einige fielen nur wenige hundert Meter von der Siedlungsgrenze und von einem Kinderheim entfernt auf den Boden. Den Einsatzkräften, den Journalisten und Fotografen, die im Überlinger Badgarten ihre Wohnmobile parkten und mobilen Studios aufgebauten, bot sich am 2. Juli 2002 ein surreales Bild. Der 2. Juli war ein strahlend schöner Sommertag mit blauem Himmel. Mitten auf einem Feld lag – nur mit Absperrband umgrenzt – das Heckteil der baschkirischen Maschine.

Stadt unter Schock

Überlingen stand im Juli 2002 regelrecht unter Schock. Im Rathaus der Stadt lag ein Kondolenzbuch aus, in das sich viele eintrugen, die Menschen legten an öffentlichen Plätze Blumen nieder, Notfallseelsorger sprachen mit dem Helfern und Überlingen richtete mit Beteiligung des Landes eine zentrale Trauerfeier im Kursaal aus. Zuvor hatten die Menschen bereits an Trauermärschen teilgenommen und Fundorte der Toten – auch auf einer Wiese bei Owingen-besucht und den Verunglückten gedacht. Während rund um Überlingen das sommerliche Leben mit seiner Leichtigkeit und Unbeschwertheit gerade so weiter ging, als ob sich das Flugzeugunglück in Thailand oder in Südamerika ereignet hätte, war die Betroffenheit in Überlingen zum Greifen. Die Menschen begegneten sich damals anders als sonst und sie gingen sorgsam miteinander um. Im Januar 2003 reiste dann eine Delegation aus Einsatzkräften und Helfern von Friedrichshafen aus nach Baschkirien. Die Baschkiren hatten die Deutschen eingeladen, weil sie dankbar dafür waren, dass die Deutschen alle Opfer identifiziert hatten und sie einzeln in Särgen nach Hause geschickt hatten. Die Deutschen besuchten damals auch den Friedhof in Ufa, wo die meisten Opfer bestattet sind. Die Gräber sind angeordnet wie die Sitze im Flugzeug.

Heute Nacht Gedenken an 72 Opfer

Heute reisen 155 Gäste aus mehreren russischen Teilrepubliken, Weißrussland und Baschkortostan anlässlich des Jahrestags nach Überlingen. Darunter ist auch eine Regierungsdelegation unter Leitung des stellvertretenden Ministerpräsidenten der Republik Baschkortostan, Fidus Yamaltdinov, sowie eine Angehörigendelegation. Angehörige werden während ihres Aufenthalts auch noch einmal die Fundorte ihrer 2002 verunglückten Familienangehörigen aufsuchen. Die Stadt Überlingen plant heute Abend, 1. Juli, eine Gedenkveranstaltung am Absturzort bei Brachenreuthe. Mitglieder des Freundeskreises „Brücke nach Ufa“ wollen an der Gedenkstätte 72 Namen von Opfern, darunter auch den des 2004 getöteten Züricher Fluglotsen, verlesen. Sprechen wird an der Absturzstelle auch Oberbürgermeisterin Sabine Becker, die as Flugzeugunglück in 11.500 Metern Höhe über dem Bodensee nur aus Berichten kennt.

Foto: Archivbild wak

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