Homosexuelle Frauen, wofür kämpft Ihr heute?

Nachgefragt bei zwei Konstanzer „belladonna“-Frauen – Fragen und Antworten zum Christopher Street Day

Konstanz. Der Christopher Street Day am See in Konstanz und Kreuzlingen steht unter dem Motto „Trau Dich!“. Homosexuelle kommen an diesem Tag zusammen, um zu feiern und um für ihre Rechte zu demonstrieren. Regenbogenfahnen werden flattern. Eine Karawane rollt durch die Stadt. Es wird eine bunte, von einer Motorradstaffel angeführte Parade mit Umzugswagen und eine Kundgebung auf der Konstanzer Marktstätte geben. Wir fragten einmal bei Julika Funk und Astrid Hochadel vom Verein „belladonna“ nach. Die Frauen- und Lesbenkneipe „belladonna“ gibt es seit drei Jahrzehnten. Heute ist sie im Neuwerk zu finden.

See-Online: Glauben Sie, dass alle Konstanzer mit dem Begriff Christopher Street Day oder gar CSD etwas anfangen können? Auf welche Begebenheit geht der Name zurück?

JF: Viele kennen nur die Abkürzung und wissen gar nicht wofür sie steht. Der Name geht zurück auf den ersten Aufstand von Schwulen und Lesben in der Christopher Street in New York am 28. Juni 1969 gegen eine diskriminierende und gewalttägige Behandlung durch die Polizei. Leider nehmen aber viele heute den CSD nur noch als zweite Loveparade mit einer etwas anderen Note oder als Volksfest mit karnevaleskem Anstrich wahr.

AH: Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass Bekannte mit der Abkürzung CSD nichts anfangen können, aber bei „Christopher Street Day“ wissen worum es geht.

See-Online: Ist die Parade eher eine große rollende Party oder eher eine politische Demonstration?

JF: Es ist beides: In den USA heißt die Parade auch nur noch Pride, also Stolz und nicht mehr CSD. Mit der Parade wollen wir demonstrieren, dass es uns gibt und dass wir unseren eigenen Lebensstil mit Stolz leben. Daher auch die Party-Stimmung: Schwule und Lesben, vor allzu langer Zeit noch verfemt, gehen raus und feiern sich selbst und sie lassen eine interessierte Öffentlichkeit mitfeiern. Außerdem ist es aber eine politische Demonstration: Schon der Akt des massenhaften Outings hat immer noch eine politische Dimension, solange die Gleichstellung von Homosexuellen und die Akzeptanz noch nicht voll erreicht sind. Und es gibt jedes Jahr einen aktuellen politischen Forderungskatalog, der auch vom LSVD und übergreifenden Organisationen gestützt wird.

AH: Ich finde es auch wichtig, dass es so lange eine Demonstration bleibt, solange wir nicht die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare haben. Aber mit dem CSD möchten wir auch auf uns aufmerksam machen. Wir sind fröhliche Menschen und haben keinen Grund uns zu verstecken.

See-Online: Da wir hier miteinander sprechen, gehe ich davon aus, dass Sie beide sich längst geoutet haben. Ist es heute noch ein Problem, wenn eine Frau sagt, sie sei lesbisch?

JF: Es muss heute kein Problem mehr sein und wir ermuntern natürlich zum Outing, aber leider kennen wir genug Beispiele von Schwulen und Lesben, die Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz oder auch mit sich selbst haben, wenn sie sich outen. Outen ist auch keine einmalige Sache: bei jedem neuen privaten oder beruflichem Kontakt taucht die Frage wieder auf. Einfach weil es immer noch nicht selbstverständlich ist. Alle nehmen, es sei denn, man hat wirklich ein Schild auf der Stirn, erst mal an, du bist hetero, und beide möglichen Reaktionen können deplatziert oder übertrieben wirken: auffälliges Schweigen über das Privatleben oder aber dauerndes Betonen, ich bin lesbisch.

AH: Ich stimme Julika völlig zu. Es kann, muss aber kein Problem sein. Ich persönlich habe glücklicherweise noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

See-Online: Gibt es Berufe oder Arbeitgeber, die es nicht tolerieren, wenn sich ihre Mitarbeiter als Homosexuelle outen?

JF: Ja, in allen Berufen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, also im Bereich Erziehung und Bildung, ist es schwer. Man hat dann gleich auch mit den Eltern zu tun, die u.U. Angst vor einer Beeinflussung ihrer Kinder haben. Oder die Jugendlichen selbst können diskriminieren. Und in sozialen Berufen, die vor allem von der katholischen Kirche abhängen. Auch nach der neuen Antidiskriminierungsgesetzgebung hat die Kirche offiziell die Möglichkeit, schwule und lesbische Mitarbeitende zu entlassen, wenn sie sich z.B. offiziell verpartnern, da sie dann den Glaubensgrundsätzen nicht entsprechen. In der Praxis passiert das selten, aber es passiert: nach altbekannter Doppelmoral vor allem in den Fällen, in denen Lesben und Schwule ihre Partnerschaft offiziell registrieren lassen oder sie offen ausleben wollen.

See-Online: Gestern schickte uns die Arbeitsgemeinschaft der lesbischen und schwulen Sozialdemokraten („Schwusos“) in Baden-Württemberg eine Pressemitteilung. Darin heißt es, die Bundes CDU blockiere noch immer die Ehe für Lesben und Schwule. Die Landesregierung erlaubt jetzt wenigstens die Eintragung von Lebenspartnerschaften im Standesamt Konstanz ist besonders schnell vorgeprescht. Seit einiger Zeit können Homosexuelle im Rathaus heiraten. Sie müssen aber höhere Gebühren zahlen als Heterosexuelle. Wie kommt das denn?

JF: Im Bundesvergleich hinken Ba-Wü und Bayern hinterher, dort findet die Verpartnerung in der Regel im Landratsamt zu deren Gebührenordnung statt, hier wird nach Stundeneinsatz durch die Beamten verrechnet und gilt nicht wie bei der heterosexuellen Ehe ein vom Staat subventionierter einheitlicher, fixer und niedriger Gebührenansatz.

In Konstanz „heiratet“ nun bald das erste Frauenpaar im Standesamt. Die Verpartnerung wird aber von einem Beamten des Landratsamts durchgeführt, das geht im Moment noch rechtlich nicht anders. Es sei denn, der Landrat würde diese Aufgabe an das Standesamt delegieren, was er kann. In Freiburg ist das z.B. schon länger der Fall. Konstanz ist in dem Sinne nicht vorgeprescht, sondern hat sich hier einem Druck gebeugt und geht konform mit den Statuten des neuen Koalitionsvertrags der grün-roten Landesregierung.

See-Online: Was unterscheidet eine Lebenspartnerschaft von einer Ehe? Gibt es unterschiedliche Rechte und Pflichten?

JF: Eigentlich können Schwule und Lesben nicht heiraten, sie können eine eingetragene Partnerschaft eingehen, was ein eigener Zivilstand ist, der der Ehe explizit nicht gleichgestellt ist. Das wirkt sich so aus, dass Homosexuelle zwar die gleichen Pflichten eingehen (z.B. wenn eine PartnerIn HartzIV-EmpfängerIn würde) wie heterosexuelle Partner, nicht aber die vollen gleichen Rechte haben, gemeinsame Steuer, Rente, Adoption. Diese volle Gleichstellung wird tatsächlich immer noch von der CDU blockiert. Vieles von der Verpartnerung hat symbolischen Charakter: es ist ein Bund fürs Leben und alle reden von einer „Heirat“. Das Kleingedruckte sollte aber mitgelesen werden: Wo geheiratet wird, wird leider oft auch wieder geschieden. Eine homosexuelle Scheidung ist genauso kompliziert und kostspielig wie eine heterosexuelle Scheidung, es können auch Verpflichtungen wie Unterhalt über die Trennung hinaus bestehen bleiben. Auch hier gilt der Grundsatz: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet…“

See-Online: Sind Sie beiden verpartnert . Also nicht unbedingt miteinander, sondern überhaupt?

JF lacht: Wir beide miteinander in der Tat nicht, wir sind befreundet und hatten auch noch nie was miteinander, aber ich bin seit 3 Jahren verpartnert. Ich habe lange nachgedacht und mich immer gesträubt, weil ich die Ungleichbehandlung ungerecht fand und das System nicht unterstützen wollte. Aber ich lebe mit meiner Partnerin schon seit fast 20 Jahren in einer festen Partnerschaft, also leben wir sowieso schon lange in einer „wilden Ehe“.

AH: Nein, ich bin nicht verpartnert. Aber ich kann mir gut vorstellen, wenn ich die richtige Partnerin gefunden habe, dass ich dann auch „heiraten“ würde.

See-Online: Jeden Freitagabend ab 21 Uhr lädt das „belladonna“ zu einem Bar-Abend ein. Manchmal gibt es samstags eine Party, bei der Frauen miteinander feiern und Frauen nur mit Frauen tanzen. Kommen an solchen Abenden eigentlich nur homosexuelle Frauen ins „belladonna“ oder auch Heterofrauen, die es genießen einmal eine männerfreie Zone zu haben?

JF: Natürlich wird das bella als Lesbentreffpunkt genutzt und gesehen, Lesben suchen auch immer wieder diesen geschützten Rahmen, aber wir laden explizit auch heterosexuelle Frauen ein und sie kommen auch immer wieder. Es gibt doch viele Frauen, die gerne mal einen Abend nur unter Frauen verbringen oder sich für frauenspezifische Themen in Politik und Kultur interessieren. Das Thema „männerfreie Zone“ wird aber immer wieder diskutiert. Wir bleiben dabei, dass unser Vereinslokal mit seinen 55qm nur für Frauen reserviert ist, starten aber immer wieder gemeinsame Aktionen und Veranstaltungen mit Männern zusammen außerhalb des bella, im Neuwerksaal, im Zebra, beim CSD usw. „Männerfrei“ heißt für uns ein Freiraum und hat nichts mit Männerfeindlichkeit zu tun. Wir werden da oft missverstanden. „Frauenfreie Zonen“ hat es in unserer Gesellschaft übrigens immer gegeben.

See-Online: Das „belladonna“ ist ein Verein. Wie finanzieren Sie sich? Sie müssen für die Kneipe bezahlen, haben eine Website, die gepflegt werden muss, und organisieren Veranstaltungen. Haben wir bei der Aufzählung womöglich sogar etwas vergessen? Gibt es Zuschüsse?

JF: Der Verein finanziert sich hauptsächlich über die Beiträge der Mitfrauen und Spenden anlässlich der Veranstaltungen. Außerdem erhalten wir seit Jahren einen jährlichen Zuschuss aus dem städtischen Kulturamt, der nicht sehr groß ist, uns aber immer weiterhilft. Damit kommen wir geradeso über die Runden und können den Betrieb aufrechterhalten, mit viel ehrenamtlichem und privatem Engagement vieler Frauen. Deshalb sind unsere Veranstaltungen oft nicht so „professionell“, dafür aber mit viel Herzblut organisiert.

AH: Wir sind ja ein gemeinnütziger Verein (dürfen) und wollen keinen Gewinn machen. Uns ist es wichtig eine Vielfalt an Angeboten zu haben. Sei es Partys, Lesungen, Brunch, oder politischen Veranstaltungen, die auch bezahlbar sind.

See-Online: Wie empfinden Sie beide die Situation von Homosexuellen in Konstanz? Was hat sich in den vergangenen Jahren geändert?

JF: Ich wohne –mit Unterbrechungen- seit Mitte der 80er Jahre in Konstanz und seitdem hat sich viel geändert. Regenbogenflaggen auf der Rheinbrücke – das wäre früher undenkbar gewesen. Der Oberbürgermeister wünscht uns jedes Jahr beim bei jedem CSD freundlich schönes Wetter. Weit verbreitet ist inzwischen die Haltung einer „gleichgültigen“ Toleranz, nach dem Motto „mich interessiert gar nicht, wer mit wem ins Bett geht“. Das ist aber eine völlig falsch verstandene Toleranz. Darum geht es nicht, sondern um die Akzeptanz anderer Lebensweisen und politische, rechtliche, soziale und gesellschaftliche Gleichstellung. Sehr gut spiegelt das die Aufnahme des Themas in den Medien. Entweder vermeintlich Sensationelles: ein spektakuläres Outing oder Schwule und Lesben im Fußball o.ä. oder aber ein eisernes Schweigen über die ganz normalen Aspekte des Zusammenlebens von Schwulen und Lesben. Dieses Thema nimmt übrigens auch der Film „The Kids are alright“ auf, der am Freitag im Rahmen des CSD gezeigt wird. Das Schweigen ist oft Pseudo-Toleranz und zeugt eher von Berührungsängsten und Tabuisierung als von sachlicher und interessierter Auseinandersetzung.

See-Online: Kennen Sie persönlich Frauen oder Männer, die aufgrund ihrer Homosexualität schon einmal eine Gewalterfahrung gemacht haben? Im Vorgespräch haben Sie ja gesagt, dass die Zahl der Übergriffe wieder größer werde.

JF: Ja doch, die kenne ich. Und verbale Übergriffe, obskure Erpressungsversuche oder Zwangsouting haben wohl fast alle von uns schon einmal erlebt. Gerade in den Großstädten oder sozialen Brennpunkten haben die Gewalttaten in diesem Bereich zugenommen, da treffen unterschiedliche Lebensweisen und Hintergründe aufeinander. Konstanz ist ja dagegen sowieso ein Idyll, aber es ist in einigen Aspekten umso provinzieller. Hier liegt das Problem eher im konservativen politischen Umfeld und einer Behäbigkeit, die die Vielfältigkeit des Lebens und der Kultur außerhalb dieser Idylle gar nicht wahrnehmen will. Außerdem erleben Lesben und Schwule, wenn sie auf Reisen gehen, auch sehr unterschiedliche Lebensbedingungen für Homosexuelle auf der ganzen Welt. Sich offen zu erkennen zu geben, kann dann mal richtig gefährlich werden.

AH: Ich persönlich habe keine Gewalterfahrungen gemacht, aber wie Julika schon gesagt hat, überlegt man sich schon, wie man sich in bestimmten Situationen verhält. Auch muss man sich überlegen, wie man z.B. im Urlaub zu seiner Homosexualität steht. Gehe ich in einem Land, in dem Homosexualität strafbar ist, händchenhaltend mit meiner Partnerin durch die Stadt? Wohl eher nicht!

See-Online: Wenn Frauen in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen, wird das nicht als anstössig empfunden. Auch heterosexuelle Freundinnen nehmen sich mal in den Arm oder kuscheln. Haben es Frauen deswegen leichter als schmusende Männer, die eher auffallen?

JF: Ja in gewissem Sinne war das immer schon so, dass Frauen in dieser Hinsicht auf den ersten Blick weniger auffallen. Aber eben nur solange wie sie dadurch nicht als Lesben identifiziert werden. Ich kenne aber auch die Geschichte von Mutter und Tochter, die händchenhaltend durch die Stadt spazierten und sich „Kampflesben“ anhören mussten. Zärtlichkeiten zwischen Freundinnen gehörten schon immer zum Bild einer innigen Frauenfreundschaft, während Zärtlichkeiten zwischen Männern gegen das dominante Männlichkeitsbild in der Gesellschaft verstoßen und daher manchmal mehr verstören. Ausnahme bildet auch hier der Fußball, bei dem sich regelmäßig die Muskelpakete in den Armen liegen und den intensiven Körperkontakt suchen. Außerdem gilt nach unseren tradierten Geschlechterbildern: Eine männlich wirkende Frau macht sich nicht beliebt, verschafft sich aber Respekt, ein weiblicher Mann gibt sich schnell der Lächerlichkeit preis. „Schwul“ ist eines der gängigsten Schimpfwörter auf dem Pausenhof in der Schule.

See-Online: Wieviele Mitglieder hat der Verein „belladonna“ eigentlich? Wie viele Frauen kommen zu den Partys?

JF: Der Verein hat ca. 50 Mitfrauen, zu den großen Partys kommen auch mal bis zu 200. Für eine Stadt wie Konstanz sind das ordentliche Zahlen. Aber wir repräsentieren natürlich nicht die gesamte Community, obwohl unser Einzugsgebiet rund um den Bodensee und in die Schweiz hinein reicht.

See-Online: Werben Sie doch kurz für die Ausstellung über „Frauen-Räume“, die noch bis zum 24. Juli in der Konstanzer Rathaus-Galerie zu sehen ist. Was ist dort zu sehen?

JF: Bei der Vernissage am Freitagabend um 19 Uhr präsentieren wir Perlen aus dem Archiv des belladonna: historische Dokumente aus der 30-jährigen Geschichte der Gruppe Frauen & Kultur in Konstanz, die den Verein gegründet und die Vereinsräume betrieben hat. Bunte Bilder, alte Flyer, Texte, Pressereaktionen, öffentliche Auseinandersetzungen, feministische Aktionen, Aktivitäten rund um den CSD. Jede und jeder kann sich in einem Bilderrahmen fotografieren lassen: „Wie sieht eine Lesbe aus?“ Wenn Sie die Frage interessiert, dann kommen Sie doch vorbei.

Mein persönliches Highlight ist der erste Flyer von 1979: „Es gibt in Konstanz lesbische Frauen. Wir sind 3 ½. Wo sind die anderen?“. In welche Richtung die „halbe Lesbe“ später gegangen ist, wissen wir leider nicht, aber seitdem haben wir sicher dazu beigetragen, dass sich Lesben in Konstanz wohl fühlen können. Die Ausstellung präsentieren wir nun ganz bewusst auch einer breiteren Öffentlichkeit, weil wir Teil der jüngeren Konstanzer Kulturgeschichte sind und uns nicht verstecken wollen.

See-Online: Wie wäre es jetzt noch mit einem Programmhinweis auf das Fest im Stadtgarten am Samstag?

JF: Einfach kommen, die Stimmung genießen und sich überraschen lassen.

See-Online: Vielen Dank fürs Gespräch und bis Samstag beim CSD am See. Wir seh’n uns.

Hier geht es zur Website des „belladonna“.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.