In Konstanz so viel Büro-Platz wie auf fünf Fussballfeldern

Report zum Überangebot an Büroflächen in der größten Stadt am Bodensee

Konstanz (gro) Die größte Stadt am Bodensee schiebt einen gewaltigen Leerstand vor sich her. Etwa 25.000 Quadratmeter Bürofläche sind aktuell im Angebot, so viel wie fünf mittelgrosse Fussballfelder. Oder wie fünf leere Telekom-Tower. Und während nach wie vor Wohnungen fehlen, werden Büro- und Gewerbeflächen bald noch zunehmen. Denn einerseits wird munter weiter gebaut, andererseits dürften schrumpfende Unternehmen demnächst einen Teil ihrer Räumlichkeiten ebenfalls auf den Markt werfen.

Zunehmender Verdrängungswettbewerb

Die Nachbarstadt Kreuzlingen baut ebenfalls rasant Gewerbeflächen und Büroflächen aus. Damit zielt man auch auf umsiedlungswillige deutsche Firmen, die sich eine steuerlich günstigere, aber dennoch grenz- und Konstanz-nahe Dependance suchen. Sowohl in Kreuzlingen als auch in Konstanz ist dabei Neubau im Büroflächenbereich von der Verwaltung gewünscht: Mit Neuansiedlungen versucht man, Arbeitsplätze zu schaffen und letzten Endes das Gewerbesteueraufkommen zu steigern. Doch die neuen Flächen bringen auch einen Verdrängungswettbewerb mit sich. Vor allem private Konstanzer Vermieter von größeren Immobilienflächen mit Platz für Büros und Dienstleistungsfirmen sind nun nervös geworden. Dabei ist besonders die öffentliche Förderung von Neubauprojekten, etwa das so genannte Kompetenzzentrum, das in bester Lage am Seerhein entstehen soll, in die Kritik geraten.

„Ungesunde Konkurrenz“ macht Sorgen

In der Diskussion zum Kompetenzzentrum geht es darum, dass „Stadtverwaltung und Gemeinderat kein überzeugendes Büroflächen-Gesamtkonzept vorzuweisen haben“. Es fehle an „der Abstimmung zwischen Behörden und privaten Marktteilnehmern“, heisst es bei den Kritikern weiter. „Mangelnde Koordination“ sieht auch Michael Stadler. „Wenn es in der Folge davon zu einem Überangebot von Büroflächen mit anhaltenden Leerständen komme“, so fürchtet der Verleger, entstehe „die Gefahr einer ungesunden Konkurrenz“. Stadler hat im Geschäftshaus des ehemaligen Textilhandelsunternehmens Klawitter an der Max-Stromeyer-Straße knapp 700 Quadratmeter Büroräume leer stehen, und das in guter Lage, mit hervorragender Infrastruktur, individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, mit bequemer Zufahrt samt Parkplätzen auf der Westseite und mit einer Bahnstation auf der Ostseite des Anwesens Trotzdem fehlt es an Interessenten. Da ist es kein Wunder, dass Christian Stadler ein Kompetenzzentrum für „möglicherweise überflüssig“ hält.

Widmann hofft auf viele kleine Denkfabriken

Ähnlich äußert sich Bernd Widmann, Geschäftsführer des Businessparks, der aus Immobilien des abgewanderten Büroausrüsters Océ (vormals unter anderem CGK Computer Gesellschaft Konstanz) geformt wurde und heute der US-amerikanischen Carlyle-Group gehört. Auch Widmann würde sich über zusätzliche Mieter freuen. Zur Zeit stehen im Businesspark im Oberlohn etwa 3 000 von insgesamt 25 000 Quadratmetern leer. Trotzdem ist Bernd Widmann das Projekt eines Kompetenzzentrums „zunächst einmal durchaus sympathisch“. Wenn da kleine, erfolgreiche Denkfabriken entstünden könne sich das mittelfristig durchaus in zusätzlichen Arbeitsplätzen niederschlagen, sagt Widmann. Handle es sich letzten Endes aber nur um ein zusätzliches Angebot von Büroflächen, dann sei das Kompetenzzentrum „allerdings nichts anderes als eine öffentlich geförderte Lumperei“.

Thierolf plädiert für breit angelegte Zusammenarbeit

Thomas Thierolf betrachtet die Entwicklung auf dem Gewerbeimmobilienmarkt seit Jahren mit Sorge. Der Mann, der die Geschäfte der GSI (Gerhard Schweden Industrievermietungen) zusammen mit Gerd Schweden leitet, hat vor acht Jahren mit Bernd Widmann ein Papier zum Themenkreis „Wirtschaftsimmobilien/Wirtschaftsstandort“ vorgelegt. Es sei höchste Zeit gewesen, dass sich etwas tat, sagt Thierolf. Bis 2000 sei Konstanz so etwas wie ein weißer Fleck auf der Karte von Firmenansiedlern gewesen. Thierolfs Hauptforderung damals wie heute: „Eine weitreichende Zusammenarbeit der privaten Vermieter mit der Stadt Konstanz und die Unterstützung durch Verwaltung und politische Entscheider.“ Das Statement war 2002 anlässlich der großen Europäischen Immobilienmesse Expo Real in München lebhaft diskutiert worden. Heute suchen Thierolf und Schweden für 8.000 ihrer insgesamt rund 60.000 Quadratmeter nach neuen Mietern.Die Zusammenarbeit von Vermietern, Behörden und Entscheidern lässt nach wie vor eine Menge Wünsche offen.

Unsicherheit führt zum Modernisierzungsstau

Amtlich tätige Wirtschaftsförderer wehren gerne ab und mahnen gegenüber etablierten Vermietern einen „gestiegenen Modernisierungsbedarf“ an. Letztere machen als Gegenargument eine wachsende Unsicherheit geltend, die auch dadurch entstanden sei, dass die öffentliche Hand bei der Ansiedlung von Firmen zunehmend als Konkurrenz auftrete. Anders gesagt: Die Wirtschaftsförderung fordert und fördert modernste Büroflächen, um Hightech-Arbeitsplätze nach Konstanz zu locken, die privaten Vermieter scheuen sich angesichts der städtisch geförderten Konkurrenz, eigene Bauten zu modernisieren.

„Das Bessere ist der Feind des Guten“

Zum Beispiel Bollinger: Das schweizerische Unternehmen baut unweit des künftigen Kompetenzzentrums ein rein privates Bürogebäude in allerbester Lage. Und bei der Bolliger Bau bekennt man sich ganz offen zum Konkurrenzprinzip: Es ist nun einmal so, dass das Bessere der Feind des Guten sei!. Man ist dort zuversichtlich, über 3.000 Quadratmeter an neuen Büroflächen trotz des anderweitigen Leerstands zügig belegen zu können, heißt es bei den Schweizer Investoren, die am Seerhein zusammen mit der Konstanzer Firma Doser + Partner ein hochmodernes Dienstleistungszentrum in bester Lage hochziehen, samt Hotel und Gastronomie. Nur ein paar hundert Meter Luftlinie davon sind in einem modernen Petershauser Geschäftshaus in der Robert-Gerwig-Straße 12, wo unter anderem die Physiotherapieschule Konstanz untergebracht ist, seit Monaten rund 1.200 Quadratmeter Büroflächen zu haben. Im Industrieareal gegenüber dem „Südkurier“ stehen derzeit schätzungsweise 500 Quadratmeter Bürofläche leer. Und Carlos Horta offeriert in attraktiven Innenstadtlagen 1.200 Quadratmeter.

Auch Konstanz hat seinen Tower – nur ziemlich leer

Nicht nur Singen, auch Konstanz hat seinen Büro-Tower. Er ist nicht ganz so hoch wie der Hegau-Tower und hat auch nur 13 und nicht 17 Stockwerke wie der Hegau-Tower. Doch während Domenik Rottinger von der GVV Singen (einem städtischen Unternehmen!) seinen Tower bis auf 3 Stockwerke vermietet hat, stehen im Konstanzer Telecom-Tower mit insgesamt 6.000 Quadratmetern zur Zeit noch 12 von 14 Stockwerken leer. Für fünf Stockwerke, so hört man, sind inzwischen zwar Verträge unter Dach und Fach gebracht worden. Doch dann sind immer noch 8 Stockwerke mit je 500 Quadratmetern zu haben. Rechnet man einen Teil des angeschlossenen Flachbaus hinzu, wo in absehbarer Zeit ebenfalls Büroraum zur Verfügung stehen wird, summieren sich die Leerstände an Moltkestraße und Zähringerplatz auf gut 5 000 Quadratmeter.

Auch Behörden mischen mit am Markt

Auch Behörden beteiligen sich am Konkurrenzkampf: Neben dem Landratsamt, das auch ein paar hundert Quadratmeter Büroflächen vermietet, gehört zu den größeren Brocken im Konstanzer Leerstandsangebot an Büroflächen neuerdings auch eine ganz besondere Offerte der Agentur für Arbeit. An der Stromeyersdorfstrasse 1 wurde vor einem Jahr eine komplette Etage der Behörde freigeräumt. Von den 2.000 Quadratmetern ist inzwischen laut Agentursprecher Sascha Hain ein Teil vermietet worden, doch 1.600 Quadratmeter stünden noch zur Verfügung.

Foto:  Foto: Matthias Lohse PIXELIO/An Premiumlagen wie am Seerhein sind weitere Büroflächen geplant.

Ein Kommentar to “In Konstanz so viel Büro-Platz wie auf fünf Fussballfeldern”

  1. dk
    30. Juli 2010 at 11:03 #

    @ fünf Fussballfeldern … einen gewaltigen Leerstand … Etwa 25.000 Quadratmeter Bürofläche

    Als Jogger, der noch nie LIVE ein BL-Spiel gesehen hat, war ich masslos über die Grösse eines Fussball-Feldes (Schwaketenplatz) enttäuscht. Es hat gewirkt wie Tisch-Fussball unter der Lupe; eine Oval-Runde sind lediglich 400 m; eine Gerade nur 50 m.

    Mathematisch ergibt der Leerstand ein Gebäude von 25m x 1km bzw. 4-stöckig von 25m x 250m, was ein normaler Sockelbetrag für eine kleine Großstadt sein dürfte.

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