Irina Scherbakowa in Konstanz: Auf der Suche nach der verlorenen Identität

Russische Professorin referiert an der Universität Konstanz über das Ende des Sowjetimperiums

Konstanz. Auf Einladung des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ spricht die Historikerin Prof. Dr. Irina Scherbakowa am Mittwoch, 14. Dezember 2011, beim Kulturwissenschaftlichen Kolloquium an der Universität Konstanz. Thema ihres Vortrags ist „Das Ende des Sowjetimperiums. 20 Jahre Suche nach der verlorenen Identität“. Die Veranstaltung im Raum Y 311 beginnt um 18 Uhr. Darauf hat die Universität Konstanz hingewiesen.

Nostalgische Gefühle und harte Kämpfe

In einer Medienmitteilung der Universität Konstanz heißt es: „Im Dezember 1991 zerfiel die Sowjetunion, in einem rasanten Umbruch und fast gewaltlos, was zwei Jahre zuvor noch niemand prophezeit hätte.“ Heute werde in Russland in diesem Zusammenhang oft über die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ gesprochen. „Nostalgische Gefühle gegenüber dem verlorenen Imperium sind nach wie vor ebenso lebendig wie harte Kämpfe zwischen den Stalinisten und Anti-Stalinisten im öffentlichen Diskurs“, schildert Irina Scherbakowa. So werde beispielsweise der alte, am 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) im Jahr 1956 entstandene Begriff der „Entstalinisierung“ gegenwärtig im medialen, zivilgesellschaftlichen und politischen Diskurs heftig thematisiert.

Umgang mit der sowjetischen Vergangenenheit

„Nach fast 60 Jahren, die seit dem Tod Stalins 1953 vergangen sind, steht die russische Gesellschaft fast verzweifelt und vor allem zerrüttet vor dem akuten Problem des Umgangs mit der mehr als 20 Jahre zurückliegenden sowjetischen Vergangenheit“, erklärt Irina Scherbakowa. „Eine Erinnerungskultur oder geschweige denn eine Geschichtspolitik existiere nicht. Die Elite kümmerte sich wenig darum, sie war in erster Linie mit dem Aufbau des Marktes beschäftigt, in der Annahme, dass alles andere sich von selbst regeln würde“, führt Scherbakowa weiter aus. Bereits 1993 zeigte sich die tiefe Spaltung: Einerseits wollte die Regierung unzufriedene und nostalgische Teile der Bevölkerung nicht verärgern, – weshalb die weitere Aufarbeitung der Geschichte des Terrors auf der Strecke blieb –, andererseits liebäugelte sie mit den demokratisch-liberalen Gruppen.

Dramatischer Identitätsverlust der Bevölkerung

Das Ende der Sowjetunion führte zu einem dramatischen Identitätsverlust der Bevölkerung. „Das einstige ‚Sowjetvolk’ war verschwunden, doch was sollte ein Ersatz dafür sein?“, zeigt Scherbakowa die Problematik auf: „Auf der Suche nach einem ‚Wir’ wandten sich deshalb viele wieder der sowjetischen Vergangenheit zu. Die Erinnerungen an die blutigen und schmutzigen Seiten der Geschichte wurden dabei verdrängt oder verleugnet.“ Im Bewusstsein der neuen Generation, die ihre Sozialisation in den 1990-2000er Jahren erfuhr und die sich an die sowjetische Vergangenheit kaum noch erinnern konnte, nahm diese Vergangenheit leichte Züge eines mythischen „goldenen Zeitalters“ an.

Professorin über „historische Verspätung“

Heute stelle sich deshalb die Frage, ob sich Russland ständig im Teufelskreis seiner ewigen historischen „Verspätung“ dreht. Warum bewegt dies die Menschen so und warum dreht sich vieles um genau diese Vergangenheit? Zu diesen und anderen Fragen nimmt Prof. Dr. Irina Scherbakowa in ihrem Vortrag an der Universität Konstanz Stellung.

Über die russische Wissenschaftlerin

Irina Scherbakowa wurde 1949 in Moskau geboren. Sie ist Historikerin, Publizistin und Übersetzerin. Ende der 1970er Jahre begann sie ihre Sammlung von Tonbandinterviews mit Opfern des Stalinismus, seit 1991 forscht sie in den Archiven des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Sie ist Professorin für Zeitgeschichte in Moskau, gehört dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar an und ist Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die sich für die öffentliche Aufarbeitung des stalinistischen Terrors einsetzt. 2005 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Foto: exc 16 

Ein Kommentar to “Irina Scherbakowa in Konstanz: Auf der Suche nach der verlorenen Identität”

  1. dk
    10. Dezember 2011 at 20:04 #

    … zeigt Scherbakowa die Problematik auf: „Auf der Suche nach einem ‚Wir’ …

    Die Spannung zwischen „Individualismus“ vs. „Kollektivismus“ beschäftigt seit vielen Jahrzehnten auch den sog. Westen mit seinen politischen Strömungen. Der Liberalismus basiert sehr stark auf dem Individualismus und hat zentrale Bedeutung gefunden. Das „solidarische Wir“ wird eher für christliche, humanitäre und nichtstaatliche Hilfe verwendet (z.B. zu Weihnachten oder Katastrophen). Aktuell stellt sich die Frage, ob man sich in der EU eher National (ich) oder Europäisch (wir) fühlt: letzteres erscheint angenehmer und interessanter; z.B. wenn immer mal wieder weibliches Pflegepersonal aus Osteuropa vorbeischaut (ein Hauch von vorindustrieller Grossfamlie?).

    Vor einigen Tagen wurde kurz über vordemokratische Arbeitswelten nachgedacht: vor der USA-Gründung die Sklaverei, in Europa die Kriegs- und Zwangswirtschaft (insbes. NS-Deutschland) und sibirische Arbeitslager in Russland. Wahrscheinlich konnte man auf dieses schweisstreibende „Wir-Gefühl“ verzichten und hat das „strkte Ich“ vorgezogen. Da Russen als heimliche Mathematik-Genies gelten, wundert es, dass die Wir-Suche nicht mit dieser schlichten Logik beantwortet wird.

    Schöne Weihnachten.

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