Jenseits des bloß Literarischen

Leben und Schreiben – Eine abendliche Talkshow mit Martin Walser

Konstanz – Geistreich, selbstironisch, verletzlich und unversöhnlich hat sich Schriftsteller Martin Walser im Konstanzer Stadttheater präsentiert. Walser las Passagen aus seinen Tagebüchern 1974 bis 1978. Sein Gespächspartner war Siegmund Kopitzki.

„Jenseits der Liebe“

Es ist die Zeit, in der der Frankfurter Marcel Reich-Ranicki Walsers Roman „Jenseits der Liebe“ verbal vernichtete und herabwürdigte. Das Tischtuch zwischen dem Autor und dem Literaturkritiker ist seither und vermutlich lebenslänglich zerschnitten. Der Roman „Jenseits der Liebe“ von Martin Walser war 1976 beim Verlag Suhrkamp in Frankfurt erschienen. Er erzählt vom Schicksal eines scheinbar unpolitischen Menschen, der – wie er glaubt ohne weltanschauliches Engagement – seine Befriedigung einzig in dem Streben nach Anerkennung durch seinen Brotgeber sucht. Erst der soziale Abstieg macht der Hauptfigur klar, dass die These von der Interessengemeinschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern die Unmenschlichkeit der wirtschaftlichen Ausbeutung nur verhüllt, nicht aufhebt. Walsers Romanheld erkennt sein vertanes Leben „jenseits der Liebe“ und sieht sich vor die Notwendigkeit grundsätzlicher Neubesinnung gestellt.

„Jenseits der Literatur“

Reich-Ranicki, damals Kulturredakteur bei der Frankfurter Allegemeinen Zeitung schrieb 1976 über Walsers „Jenseits der Liebe“ eine Besprechung mit dem Titel „Jenseits der Literatur“. Sie war vernichtend und begann mit dem Satz: „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman.“ Noch heute spricht Walser von „Sätzen wie Faustschläge“. Walser hatte vor dem Erscheinen einen Anruf von seinem Verleger Siegfried Unseld erhalten. RR, wie Walser Reich-Ranicki nennt, habe eine negative Kritik geschrieben, teilte ihm Unseld mit. RR stempelte Walser damals als Kommunisten ab und befand, Walsers literarischen Produktion habe das nicht helfen können.

Eine Ohrfeige mit der flachen Hand

Es war an einem Samstag, als die Kritik erschien. Walser wollte mit dem Zug nach Frankfurt fahren. Seine Frau Käthe brachte ihn zum Bahnhof und wollte, dass er die Zeitung nicht kauft. Als sie gegangen war, ging Walser zum Kiosk. Walser war tief getroffen vom Schlag RRs. Das Geld, um gegen die FAZ zu prozessieren, hätte er nicht gehabt. Walser ärgert sich bis heute darüber, dass RR ihn in die Kategorie Antisemit einordnete. Der Autor träumte 1976 davon, dem Kritiker eine Ohrfeige zu verpassen. Mit der flachen Hand. Siegfried Unseld wollte den Text, in dem das zu lesen stand, nicht drucken – in den Tagebüchern hat Walser die Passage nun veröffentlicht.

Martin Walser bis heute empört über RR

Vor Wut schäumte Walser zwei Jahre später. 1978 erschien die Novelle „Ein fliehendes Pferd“. RR bezeichnete sie als „Glanzstück deutscher Prosa“. Soweit so fair. Reich-Ranicki habe aber geglaubt, ihn, Walser, durch den Verriss von „Jenseits der Liebe“ zu einem besseren Autor gemacht zu haben, „Das“, sagte Walser, „ist eine maßlose Selbstüberschätzung.“ Es empört ihn bis heute. Der 1927 in Wasserburg geborene und in Überlingen-Nussdorf in einem Haus am See lebende Walser, der für sein literarisches Werk viele Preise erhalten hat, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, bleibt mit RR wohl lebenslänglich in tiefer Feindschaft verbunden.

Walser findet Verrisse spannender

Das Ärgerliche aus Sicht des Wahl-Nussdorfers ist, dass den Schriftsteller Walser Verrisse mehr interessieren und mehr bewegen und sie ihn deswegen auch tiefer treffen als jedes Lob. Er selbst schreibe nur positive Kritiker, fragt Kopitzki nach. Schlechte Bücher lese er gar nicht sagt der Autor. Er plaudert noch ein bisschen darüber, wie er beim Spiegel-Interview gefragt wurde, ob es ein „partnerschaftliches“, „gleichberechtigtes“ Gespräch sei, wenn ihm seine Töchter Texte schicken. Walser erheitern solche Fragen.

„Alles Gute kommt von Käthe“

Tagebuch schreibt der Dichter noch immer. Heute ist er bei Kladde 46f angekommen. „Man bringt sich unter“, sagt Walser. Zu lesen sind Sätze wie „Erzählen, singen mit geschlossenem Mund.“ An anderer Stelle schreibt er: „Ich bin glücklich, lüge ich.“ Oder da steht: „Alles Gute kommt von Käthe.“ Seine Frau sitzt an diesem Abend auch im Publikum. Walser hat seine Tagebücher nur gekürzt, nicht aber vor der Veröffentlichung redigiert, sagt er. Deshalb sind sie authentisch. Seinen Töchtern hat er Texte vorab als E-Mail geschickt – sie hätten streichen dürfen. Sie haben es aber nicht getan, erzählt der Vater. Für seine Romane beute er die in „Stenomischung“ geschriebenen Texte aus, erzählt Walser. Deswegen könnte es vorkommen, das einem Leser eine Passage bekannt vorkomme. Die meisten merken es aber wohl gar nicht. Nein, heute würde er seine Einträge nicht mehr genauso machen.

Papier statt Blogs

Keine Frage, Walser ist ein Intellektueller. Er kommt auf die Dialektik zu sprechen, erzählt aber auch vom Mäusedreck, den er in der Speisekammer wegmachte. Er erzählt geistreich und begegnet sich und anderen mit Humor. Böse werden kann er aber bis heute, wenn sich zum Beispiel FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher in einer Talkrunde dazu hinreißen lässt, über die vernichtende RR-Kritik von „Jenseits der Liebe“ zu sagen, er bedauere es, dass solche Kritiken heute nicht mehr geschrieben würden. Siegmund Kopitzki hakt nach: Haben Literaturkritiken an Bedeutung verloren? Er sei einer aus der altmodischen Papier-Community, sagte Walser. Für ihn sind Kritiken in der FAZ oder Süddeutschen nach wie vor wichtig. Blogs lese er nicht, sagt Walser.

Das Haus am See

Darf ein linker Schriftsteller ein Haus am See besitzen, fragt Siegmund Kopitzki. Er habe da so eine Tendenz, antwortet Walser. „Ich muss ans Wasser.“ Er schwimmt gern. Einwände gegen einen Uferweg hätte in Nussdorf er nicht gehabt, sagt Walser. Den Überlinger Bürgermeister interessierte ein Seeuferweg damals aber gar nicht. Martin Walser, ein Linker, wurde wegen seiner Haltung zu Vietnam links von der SPD eingeordnet. „Dann warst du Kommunist“, sagt Walser. „Dann wurde ich zum Nationalisten.“ Wieder blitzte die Selbstironie auf.

Adieu SPD

Bei einem Wahlkampf unterstützte Walser die SPD. Als Willy Brand 1965 in Konstanz war, traf er ihn zwischen zwei Wahlkampfterminen auf der Autofähre. Er wollte wissen wie es die SPD mit Vietnam halte. „Dann habe ich gemerkt, er drückt sich.“ Für die SPD engagierte sich Walser nicht mehr. Die 70-er Jahre waren das Jahrzehnt der RAF, der Berufsverbote und des Radikalenerlasses, erzählt Walser. Als er in Konstanz Gedichte vom mit der RAF sympathisierendenPeter-Paul Zahl las, der damals gerade im Gefängnis saß, erregten sich Konstanzer Großkopfete wohl bis zum Staatsanwalt. Heute erregen sich Konstanzer nur noch, wenn Walser im Wessenberg Café verbotenerweise raucht. Die Zeiten ändern sich. Martin Walser ist ein Zeitzeuge, er war Teil des literarischen und politischen Diskurses in der Nachkriegszeit. Viele andere wie Siegfried Unseld sind längst abgetreten. Nur Günter Grass ist noch da und Jürgen Habermas, mit dem er sich aber überworfen hat. Martin Walser wollte gerade anfangen zu erzählen, als ihn Siegmund Kopitzki unglücklicherweise unterbrochen hat. Jetzt müssen Interessierte auf die Fortsetzung der Tagebücher warten.

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