Kandidatenwatching: Konstanzer Berchengebiet meldete sich zu Wort

Bewohner der Sozialen Stadt fragten Politiker nach der Zukunft ihrer Stadt – Integration und Zuwanderung

Konstanz. Draußen bleiben. Auf dem Podium sitzen fünf Landtagskandidaten. Eine Kandidatin sitzt im Publikum. Es geht auch um Ausgrenzung. Und vielleicht hat die Kandidatin im Publikum besonders viel gelernt an diesem Abend. Am Ende wird sie sagen,dass die Menschen den Politikern sehr konkrete Fragen stellten und dass die Landtagskandidaten mit ein bisschen Parteiprogramm antworteten. Ein klares Bekenntnis zur Sozialen Stadt, das Versprechen, dass es tatsächlich weitergeht und mit welchem Geld, bekamen die Bewohner des Konstanzer Quartiers Berchen und Öhmdwiesen nicht. Integration ist wichtig. Das sagen alle. Die Stadtteilarbeit ist konkret – die Politik bleibt abstrakt.

Man spricht Deutsch

Ausgerechnet am Tag nach dem Podiumsgespräch platzt eine Schlagzeile mitten in den Wahlkampf in Baden-Württemberg hinein: Die Berliner Regierungsfraktionen, also CDU und FDP, möchten angeblich, dass neu Zugewanderte nur eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis erhalten, bis sie den Sprachtest in ihrem Integrationskurs bestanden haben. Wer nicht Deutsch lernen will, soll wieder gehen.  Das berichtet Spiegel-Online.

Migranten fragten Politiker

Im Quartier Berchen-Öhmdwiesen ist der Migrantenanteil besonders hoch. „Wer will was und wer meint wen?“, fragten Luigi Pantisano Quartiersmanager in der Sozialen Stadt und Katrin Muckenfuss, die interkulturelle Elternarbeit betreibt, fünf Konstanzer Landtagskandidaten. Die Gesprächsrunde im Gemeindehaus der Evang. Johannesgemeinde, Andreas Hoffmann (CDU), Siegfried Lehmann (Grüne), Tatjana Wolf (FDP), Zahide Sarikas (SPD) und Bernhard Hanke (Linke) sollte den Menschen Antworten geben. Spannender als die Antworten aber waren am Ende die Fragen, die das Publikum stellte. Zu Wort meldeten sich ein Pfarrer und Quartiersbewohner, die selbst einmal als Fremde nach Deutschland kamen. Sehr bald wurde klar, dass Integrationspolitik in Wirklichkeit Bildungspolitik und Sozialpolitik ist.

Kopftücher interessieren nicht

In der Sozialen Stadt geht es zum Beispiel darum, ob der Quartiersmanager und Stadtplaner Luigi Pantisano und die Pädagogin Katrin Muckenfuss weiter arbeiten können, obwohl der Bund das Geld für das Projekt streicht. Die Menschen beschäftigt nicht die Frage, ob Frauen Kopftücher tragen, sondern die, ob es auch in Zukunft noch Sprachkurse für Mütter mit kleinen Kindern im Quartierszentrum geben wird. Es geht darum, wer das Mittagessen in Kindergarten und Schule bezahlt, wenn die Eltern auf jeden Euro schauen müssen.

Islam gehört zu Deutschland

Später nach der Veranstaltung ging die Diskussion in kleinen Runden noch ein bisschen weiter und die Diskussionsteilnehmer unterhielten sich mit den Politikern. Ute Hauth, die Landtagskandidatin der Piratenpartei, die einen sehr engagierten Wahlkampf macht aber kaum auf Podien eingeladen ist, sagte zum Beispiel, dass die Piraten für die Trennung von Kirche und Staat seien. Sie sagt es so: Für konfessionslose Kinder und Kinder anderer Religionen müsste es zumindest Ethikunterricht geben. Wo Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammenleben, müssten staatliche Bildungseinrichtungen weltanschaulich neutral sein. Der bisher in Landesverfassung und Schulgesetz vorhandene Religions- und Gottesbezug sollte deswegen gestrichen werden. Der Islam gehört zu Deutschland. Aber das sagt nicht Ute Hauth, sondern Andreas Hoffmann (CDU), der klar zwischen Islam und Islamismus mit seinen Hasspredigern trennen möchte.

Bildung ist der Dreh- und Angelpunkt

Die Bewohner fragten die Politiker: Was tun sie, damit die Projekte in der Sozialen Stadt weitergehen? Wie stehen sie zur Gemeinschaftsschule – zu längerem gemeinsamen Lernen? Bleibt es bei der momentanen Lehrerzahl, auch wenn die Zahl der Schüler zurück geht? Wissen Sie, wie schwer es ist, von der Hauptschule auf das Gymnasium zu wechseln? Es ist so, dass wir unsere Kinder gern auf eine Ganztagsschule schicken möchten – für viele Eltern ist es aber ein finanzielles Problem. Was halten Sie von einem kostenfreien verpflichtenden Kindergarten? Wir reiten immer nur auf den Defiziten der Migranten herum. Migranten meinen nicht, dass sie Kinder in die Welt setzen könnten und sich der Staat um sie kümmert. Alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Oder: Meinen Sie, dass man gern arbeitslos ist? Woher sollen wir das Geld für Hausaufgabenhilfe nehmen – mehr als arbeiten können wir nicht.

Politikern direkte Antworten erspart

Hätten Luigi Pantisano und Katrin Muckenfuss die Kandidaten direkt auf die Fragen antworten lassen, hätten die Gefragten nicht mit allgemeinen Statements und Aussagen aus ihrem jeweiligen Parteiprogramm antworten können. Bernhard Hanke und Zahide Sarikas sprachen vom Mindestlohn. Andreas Hoffmann verteidigte das dreigliederige Schulsystem. Siegfried Lehmann hält Elternarbeit für wichtig und Tajana Wolf war beim Thema Integration sichtlich überfordert, als es um die wirtschaftlichen Nöte der Menschen ging. Sie hat einen makellosen Lebenslauf, kommt aus einem bürgerlichen Elternhaus, machte Abitur, studierte Jura und materielle Not ist ihr mutmaßlich fremd. Zu einer Lebenswelt wie der in Berchen-Öhmdwiesen hat sie keine Bezüge. Ute Hauth hätte da zum Beispiel sagen können, dass sie die Schule mit dem Hauptschulabschluss verließ, zwei Ausbildungen machte und erst später Informatik studierte.

Konstanzer mit Migrationshintergrund

Zahide Sarikas (SPD) hatte es am einfachsten. Sie konnte erzählen, wie sie mit 14 Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland kam. Seit 32 Jahren lebe sie hier. „Die 14 Jahre in der Türkei sind enorm groß“, sagte sie. Sie ist in den Augen vieler noch immer eine Fremde. „Ich bin eigentlich hier zu Hause.“ 30 Prozent der Konstanzer Bevölkerung habe einen Migrationshintergrund. Bei den unter 18-Jährigen seien es 46 Prozent und bei den unter Dreijährigen 50 Prozent.

Grüne Erfindung Multi-Kulti

Bernhard Hanke (Linke) kritisierte die „Politik der Ausgrenzung“. Er möchte, dass ausländische Bildungsabschlüsse anerkannt werden und sagte, die Menschen kämen aus Not. Siegfried Lehmann (Grüne) erinnerte daran, dass es die Grünen waren, die zuerst von der multikulturellen Gesellschaft sprachen. Baden-Württemberg sei das Flächenland mit dem größten Migrantenanteil. Er forderte nachhaltige Veränderungen in der Gesellschaft. Die Grünen sind für das Kommunalwahlrecht für Nicht-EU-Bürger und wollen, dass wer fünf Jahre in Baden-Württemberg lebt, den Landtag mit wählen darf. Und ganz konkret, das Problem mit der Finanzierung der Sozialen Stadt? „Es werden gute Dinge aufs Gleis gesetzt“, sagte Lehmann und dann sei die Finanzierung nicht gesichert.

Foto: Gerd Altmann PIXELIO www.pixelio.de/wak

 

3 Kommentare to “Kandidatenwatching: Konstanzer Berchengebiet meldete sich zu Wort”

  1. Bolle Knallquist
    10. März 2011 at 23:20 #

    Da ist Andreas Hofmann auf dem rosaroten Holzweg. Erdogan selbst hat nämlich gesagt: „Diese Bezeichnungen sind sehr hässlich, es ist anstößig und eine Beleidigung unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht-moderaten Islam. Islam ist Islam und damit hat es sich.“
    Schön, daß ständig ahnungslose Außenstehende den Moslems ihre eigene Religion erklären wollen. Wäre doch viel interessanter, wenn man mal Moslems fragen würde, die aus ihrer Heimat geflohen sind, weil sie von der dort herrschenden Friedensreligion verfolgt, gefoltert, unterdrückt oder sonstwas wurden. Und hier dann erleben müssen, wie man naiv solchen Strömungen Tür und Tor öffnet, weil man ja so verständig sein will. Aber ehrliche Aussagen von Moslems sind im „Dialog“ nicht erwünscht.
    Danke. Keine weiteren Fragen.

  2. Lothar Herzog
    11. März 2011 at 08:51 #

    Aus Unkenntnis wird von vielen der Islam als Religion wahr
    genommen.
    Der Islam ist Islam. So sagte es der Herr Erdogan. Aber was
    sagen die vielen Menschen die aus moslemischen Ländern
    zu uns gekommen sind. Die Moslems untercheiden sich auch
    wieder in Sunniten, Schiiten und Alewiten.
    Auch gibt es Leute die einfach zu uns gekommen sind, weil
    sie den Zwang und die Unterdrückung nicht mehr ausgehalten
    haben.
    Wir wissen noch vieles nicht. Eines ist mir aber bewusst, wenn
    wir nicht die Hassprediger stoppen die in den Moscheen die
    Menschen gegen die Deutschen und ihren Lebensstil aufhetzen
    ist ein friedliches Zusammenleben in Frage gestellt.
    Früher lebten Deutsche und Türken harmonisch miteinander.
    Seit diese Hassprediger zu uns geschickt worden sind, ist ein
    Knick zu beobachten.
    Nicht gut für die Entwicklung.

  3. Lothar Herzog
    11. März 2011 at 09:11 #

    Die Forderung von Herrn Lehman von den Grünen ist nicht
    demokratisch.
    Ich sehe meine Wählerstimme entwertet weil nach seiner Meinung
    jeder Nicht – EU – Bürger nach 5 Jahren Aufenthalt in BW wählen
    dürfte.
    So kann man natürlich auch auf Stimmenfang gehen. Diesem
    Personenkreis große Versprechen machen und sich von Denen
    auch dann wählen lassen.
    Nicht ganz OZ. Die Linken können Ihren Wahlkampf einstellen.Laut neuesten Meldungen will der CEM nicht mehr mit Euch.

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