Kein VHS-Alphabetisierungskurs in Konstanz

Vorstand Nikola Ferling und Jacobs-Krahnen schicken Analphabeten nach Singen – Harsche Kritik von Dozentenseite

Konstanz. Welche Aufgaben hat die Volkshochschule, fragen Dozenten der Volkshochschule Konstanz-Singen. Während in Konstanz gerade der Rausschmiss des Hauptstellenleiters Reinhard Zahn für Unruhe sorgte und die VHS wirtschaftlich in Schieflage geraten ist, kritisieren Dozenten jetzt auch noch, dass die VHS in Konstanz keinen Alphabetisierungskurs für Erwachsene mehr anbietet. Die Dozenten fragen sich, ob sich das mit dem Bildungsauftrag vereinbaren lasse. Sie kritisieren scharf den VHS-Vorstand, Nikola Ferling und Stellvertreterin Dorothee Jacobs-Krahnen, die Konstanzer Analphabeten nach Singen schicken.

Hohe Zahl von Analphabeten

Die Chaostage an der Volkshochschule gehen weiter. Während Reinhard Zahn gerade „Klage wegen Kündigung“ beim Arbeitsgericht in Radolfzell eingereicht hat und in Konstanz seine ehemalige Stelle als Abteilungsleiter für den Fachbereich „Berufliche Weiterbildung“ seit wenigen Tagen zeitlich befristet wieder besetzt ist, hagelt es Kritik jetzt auch noch in einer ganz anderen Sache: In Deutschland sind 2011 nach einer Studie der Universität Hamburg etwa 4 Prozent der Erwachsenen totale Analphabeten. Nach der im Frühjahr 2011 veröffentlichten „leo. – Level-One Studie“ leben in Deutschland angeblich sogar sogar 7,5 Millionen Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibfertigkeiten. Das sind etwa doppelt so viele Menschen wie angenommen.

Keine Alphabetisierungskurse in Konstanz

„Mit ihren Kursen möchte die VHS Konstanz-Singen diesen Menschen die Chance zum (nachträglichen) Erwerb dieser Fähigkeiten bieten“, heißt es auf der Website der VHS. Die Kurse würden auf verschiedenen Stufen angeboten. Und weiter: „Lassen Sie sich vertraulich beraten!“ Aus Sicht der Dozenten ist das aber eine Mogelpackung. In Konstanz, so behaupten mehrere Dozenten, habe es drei Interessenten gegeben. Der Kurs finde aber nicht statt. Statt wie bisher nur die Strukturen an der VHS und den Umgangston  kritisieren Dozenten jetzt auch die inhaltliche Arbeit des Vorstands.

Analphabeten müssen nach Singen fahren

Die Erwachsenen, die nicht lesen und schreiben könnten, sollten statt dessen nach Singen fahren, wo derzeit ein Kurs läuft, sagen Dozenten. „Das schaffen viele gar nicht“, heißt es seitens einiger Konstanzer Dozenten. „Das ist unmöglich.“ Wer nicht lesen und schreiben kann, könne keine S-Bahn-Fahrpläne lesen, keine Tickets am Automaten kaufen und auch nicht zweimal wöchentlich die Fahrt mit dem Seehas bezahlen. Für Betroffene sei es ein Schlag gewesen, dass sie ihren jeweils zweimal pro Woche stattfindenden 90-minütigen Alphabetisierungskurs nicht in Konstanz fortsetzen konnten, behaupten Dozenten. „Diese Leute gehen aber nicht an die Öffentlichkeit und sie beschweren sich nicht“, erklären die Dozenten stellvertretend für ihre Schüler.

Mutmaßungen über Gründe

Früher habe ein Konstanzer Unternehmen die Kurse gesponsert. Das sei nun nicht mehr so. Dass es in diesem Wintersemester keinen Alphabetisierungskurs gebe, könnte auch an dem Problem der Scheinselbständigkeit liegen, mutmaßen Dozenten. Schließlich seien freiberuflich arbeitende Lehrkräfte angehalten worden, weniger Kurse anzubieten. Deswegen könnten Dozenten fehlen, sagen VHS-Mitarbeiter. Dies ist aber nur ein von Dozenten geäußerter Verdacht und nicht bewiesen. Tatsache aber bleibt: Die VHS macht in Konstanz Menschen, die nicht lesen und schreiben können, aktuell kein Angebot.

Jabobs-Krahnen: Zwang zu Wirtschaftlichkeit

Dorethee Jacobs-Krahnen, stellvertretende VHS-Vorstandsfrau und Hauptstellenleiterin in Singen, bestätigt dies. Dass das Problem der Analphabeten ein gesellschaftliches Problem ist, sieht sie durchaus. Sie verweist aber auf den aktuell in Singen laufenden Kurs. Weiter sagte Jacobs-Krahnen, auch im kommenden Semester werde es wieder ein Angebot für Erwachsene, die nicht lesen und schreiben können, in Singen oder Konstanz geben. Es gebe eine Warteliste. Weiter sagte Jacobs-Krahnen, dass niemand alleine gelassen werde. Sie sagte, die VHS spreche sich in Singen mit der AWO ab, so dass es in jedem Fall ein Angebot gebe. Es sei zwar richtig, dass die VHS nicht gewinnorientiert arbeiten müsse – aber wirtschaftlich. Auch die Angebote an den Abendschulen, an denen Interessierte zum Beispiel das Abitur machen können, seien nicht wirtschaftlich. „Das ist unser Bildungsauftrag“, so Jacobs-Krahnen. Die VHS dürfe aber nicht zu weit in „die Miesen“ kommen, erklärte Jacobs-Krahnen.

Der Anfang vom Ende der VHS?

Der Konstanzer Landrat Frank Hämmerle hatte im Namen der Mitgliederversammlung der Regionalen VHS Konstanz-Singen e.V. zuletzt auf die öffentlichen Zuschüsse hingewiesen, die die VHS erhält. Seit dem Jahr 2000 hätten die Träger, darunter der Kreis und die Stadt Konstanz, 6,6 Millionen Euro an Zuschüssen bezahlt. Mit ihrem Budget ist die VHS aber nicht ausgekommen. Die Träger, der Landkreis Konstanz und die Städte Konstanz, Singen und Stockach, sollen noch einmal nachschießen. In seiner letzten Sitzung hatte der Kulturausschuss des Konstanzer Gemeinderats  Aufklärung über die Gesamtsituation an der VHS’s gefordert, zumal nicht nur der Konstanzer VHS-Leiter gefeuert wurde sondern laut Aussage von Nikola Ferling in der öffentlichen Sitzung in den vergangenen Jahren Defizite entstanden seien, obwohl die Jahresabschlüsse eigentlich schon vorlagen. Schuldzuweisungen folgten. Frühere leitende Mitarbeiter der VHS haben diese aber zurückgewiesen. Einige Kommunalpolitiker in Konstanz fragen – wenn auch noch hinter vorgehaltener Hand und off records – bereits, ob es nicht besser wäre, die VHS-Konstanz-Singen aufzulösen und wieder eine eigene Konstanzer VHS zu gründen.

3 Kommentare to “Kein VHS-Alphabetisierungskurs in Konstanz”

  1. Dennis Riehle
    24. November 2011 at 11:22 #

    Frau Dr. Jacobs-Krahnen vergisst bei ihrem Engagement um die Wirtschaftlichkeit der Kreis-VHS einen weiteren Aspekt, zu dem die Volkshochschule nicht nur wegen ihres Bildungsauftrages verpflichtet ist: Volkshochschulen sollen dem „Volk“, also allen BürgerInnen Zugang zu Weiterbildung ermöglichen. Somit hat die VHS nicht nur den Auftrag, wirtschaftlich, sondern auch sozial zu arbeiten.

    Bei einer verantwortungsvollen Führung der Schule wäre solch ein Spagat nicht unmöglich, sondern viel eher ein ergänzendes Gesamtkonzept. Denn tatsächlich ist die Verlagerung von Alphabetisierungskursen eine Diskriminierung von Menschen, die aufgrund ihres Analphabetismus ohnehin in einer oftmals isolierten Situation stecken – und deshalb ein besonders niederschwelliges Angebot an Hilfe benötigen.

    Wer ihnen den Zugang zu Kursen verschließt, weil er sie an für Betroffene unerreichbare Orte verlegt, geht bewusst den Weg von Diskriminierung und Ausgrenzung. Wie schon desöfteren geäußert, wundert man sich vor allem deswegen, weil solch eine Aussage wie von Jacobs-Krahnen aus dem Mund einer Kommunalpolitikerin stammt, die einer eigentlich sozial und solidarisch eingestellten Partei/Liste angehört.

    Die VHS wird mit solchen Aktionen weder ihrem Bildungsauftrag, noch dem Auftrag einer öffentlichen Einrichtung mit entsprechender Verantwortung gerecht. Und dass „man nicht zu stark in die Miesen kommen dürfe“, ist eine wahre Ansage. Doch wer auf den Haushalt der VHS blickt, wird rasch bemerken, dass es Einsparpotenziale gibt, die weder Personal noch Kursteilnehmer in überproportionaler Weise benachteiligen oder ausschließen. Man bräuchte eben nur ein Management, das es „drauf hat“…

  2. Fröhlich
    24. November 2011 at 13:15 #

    Der Gerechtigkeit halber muss man feststellen, dass die vhs in jedem Semester in Singen und in Konstanz Alphabetisierungskurse anbietet und dass sie auch während des Semester diese Kurse einrichtet, wenn die nachfrage da ist. Wenn sich aber niemand anmeldet, kann auch kein kurs stattfinden. So einfach ist das.

  3. applepie
    24. November 2011 at 17:53 #

    @fröhlich….
    so einfach ist es leider doch nicht…ein paar anmeldungen sind (fast) immer vorhanden gewesen….

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