Kommt die 0-8-15 Architektur?

Konstanzer Konzert- und Kongresshaus rappelt im Karton

Konstanz (wak) Das Konzert- und Kongresshaus ist das größte Projekt, das Konstanz in den kommenden Jahren stemmen will. Am Donnerstag dieser Woche fällt eine Entscheidung. Eine sogenannte Beurteilungskommission wird sich hinter verschlossenen Türen für einen Entwurf entscheiden. Ein Entwurf stammt mutmaßlich von einem Stuttgarter Planungsbüro, der andere von Vorarlberger Architekten. Einen öffentlichen Diskurs über die Qualität der Architektur hat es nicht gegeben. Ein Wettbewerb fand nicht statt. Über die Vorzüge des Standorts Seerhein spricht in Konstanz niemand mehr.

Ästhetik oder 0-8-15 Architektur

Wie viel Qualität die Konstanzer für eine Investitionssumme von 48 Millionen Euro bekommen, ist der Öffentlichkeit noch vollkommen unbekannt. Offenbar sind derzeit noch zwei Bietergruppen im Rennen. Dass eine 0-8-15 Architektur am Ende über die Ziellinie geht, ist nicht auszuschließen. Die Bürgerinnen und Bürger, die ansonsten freimütig über Dachgaupen, die Beschaffenheit von Pflastersteinen oder schützenswerte Flora und Fauna im Hockgrabenbach informiert werden, müssen sich allein auf das Geschmacksurteil einer nicht-öffentlich tagenden Beurteilungskommission verlassen.

Bauen auf Pump mit 35 Millionen Euro Kredit

Die Konstanzer wissen nur: Wenn das Konzert- und Kongresszentrum kommt, wird es teuer. Die Stadt will das Großprojekt auf dem Gelände Klein Venedig mit Hilfe eines Kredits in Höhe von 35 Millionen Euro finanzieren. Anschließend bezahlt sie für Zins und Tilgung sowie für einen Betriebskostenzuschuss jährlich satte 2,6 Millionen Euro. Den Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank scheinen die Millionenausgaben nicht zu schrecken, während Oberbürgermeister anderswo aufgrund weggebrochener Einnahmen längst laut darüber nachdenken wie viele Straßenleuchten sie abschalten oder wie viele Krippenplätze sie noch finanzieren können. In Überlingen hat die Stadt gar die Bevölkerung um Sparvorschläge gebeten: Sie soll eigene Vorschläge machen und sie an sparkommission@ueberlingen. de mailen.

Mehrheit bei Bürgerentscheid reicht nicht

Ob die Taktik der Stadt Konstanz aufgeht, das Konzert- und Kongresszentrum zu einer Verschlusssache zu machen, dürfte sich im März zeigen. Bei einem Bürgerentscheid sollen die Konstanzer dann darüber abstimmen, ob sie das Kongresshaus, das ihnen die Stadt auf Klein Venedig aufs Auge drücken möchte, dort wollen oder nicht. Über den Standort, die Funktionalität und die Architektur der Halle haben sie kein Mitspracherecht mehr. Wenn deswegen viele frustriert Wahlberechtigte zu Hause bleiben, dürfte noch nicht einmal das nötige Quorum von 25 Prozent erreicht werden und der Bürgerentscheid könnte ausgehen wie das Hornberger Schießen, das mit großen Getöse begann, aber im Sande verlief. Beim Bürgerentscheid braucht es nicht nur die Mehrheit der Abstimmenden – es muss auch noch ein Viertel der Wahlberechtigten sein, das entscheidet. Ansonsten würde der Bürgerentscheid gar nicht erst zählen.

Stadt startete Wahlkampf mit Newsletter

Dass der Wahlkampf bereits begonnen hat und die Stadt längst in einem Newsletter zum Konzert- und Kongresshaus auf ihrer Hompage informiert, dürfte den meisten Konstanzern noch gar nicht aufgefallen sein. Noch kein Gehör verschafft haben sich dagegen die Gegner: Alle, die lieber die letzte Grünfläche auf Klein Venedig und einen Platz für Veranstaltungen direkt am See behalten würden, sind bisher noch genauso stumm geblieben wie die Bewohner Stadelhofens und alle jene, die einen Verkehrsinfarkt befürchten.

Andere Standorte willkürlich ausgeblendet

Vollkommen außer acht lässt die Stadt, dass es zumindest theoretisch noch immer mehrere mögliche Standorte für ein Konzert- und Kongresshaus gibt. Der frühere Baubürgermeister Volker Fouquet hatte einst Klein Venedig, den Seerhein und Büdingen analysiert. Nicht alles sprach damals gegen Klein Venedig, große Vorteile hätte aber der Standort Seerhein gehabt. Noch einmal nachdenken und abwägen durften die Konstanzer aber nicht, seit die Stadt beschlossen hat, nur noch über Klein Venedig zu reden. Klein Venedig ist genau der Standort, der in einem Bürgerentscheid bereits einmal von einer Mehrheit abgelehnt worden ist. Das Quorum wurde damals aber nicht erreicht. Der OB und eine Mehrheit des Gemeinderats setzen sich denn auch über den damals geäußerten Willen einer Mehrheit hinweg.

Alternativer Standort Seerhein wäre perfekt

Noch wäre es für eine Lösung am Seerhein nicht zu spät. Zwar versäumte es die Stadt, das Gelände von Great Lakes zu kaufen. Das Baufenster ist aber noch offen. Die Industriebrache, auf der übrigens ein Hotel entstehen soll und deren Lage somit so unattraktiv gar nicht sein kann, ist bis heute nicht bebaut. Möglicherweise könnte die Stadt auch Doser + Partner Baugesellschaft mbH, die das Great Lakes Gelände kaufte, noch immer einen Grundstückstausch vorschlagen. Was fehlt, ist freilich der politische Wille. Offenbar haben sich Oberbürgermeister und Gemeinderat über die Köpfe der Konstanzer hinweg für das Gelände Klein Venedig entschieden, das früher einmal eine Müllkippe war.

Luftlinie wenige hundert Meter zum Münster

Auch der Standort Seerhein, der eher in der geografischen Mitte der Stadt liegt als Klein Venedig, hätte ganz abgesehen von der Verkehrsanbindung viel Charme: Das Konzert- und Kongresszentrum läge am Wasser. Der Blick in den Konstanzer Trichter und auf die Silhouette der Stadt wäre frei. Bis zum Münstertrum sind es vom Seerhein aus Luftlinie nur wenige hundert Meter. Die Altstadt wäre zu Fuß zu erreichen. Die Wege in der Stadt sind kurz.

Keine großen Popkonzerte fürs junge Konstanz

Doch das ist noch nicht einmal alles. Niemand hat in den vergangenen Wochen auch darüber gesprochen, welche Kongresse denn in Konstanz, einer Stadt ohne ICE-Anschluss, stattfinden könnten. Auch über die Möglichkeit, für vielleicht nur 20 Millionen Euro eine reine Konzerthalle mit hervorragender Akustik, robustem Boden und ansehnlicher Architektur zu bauen, in der auch Rock- und Popkonzerte über die Bühne gehen könnten, wurde nicht mehr nachgedacht. Statt dessen soll es Platz für maximal 1200 Besucher in einem neuen Konzert- und Kongresshaus auf Klein Venedig geben. Basta. Die größeren Events werden denn auch weiterhin in Freiburg oder Friedrichshafen stattfinden müssen. In Freiburg passen knapp 1800 Zuschauer ins bestuhlte Konzerthaus. Das reicht für Eckart von Hirschhausen oder Max Raabe. „Wetten, dass…?“ würde auch in Zukunft nicht aus dem Oberzentrum Konstanz, sondern aus der Halle A1 der Neuen Messe Friedrichshafen gesendet. In der Halle A1 mit Platz für 10.000 Besucher, wo auch schon einmal Fans aus Winterthur anreisen, spielten schon echte Popgrößen wie Sting oder die Toten Hosen. Das Problem: Je kleiner die Halle ist, desto unbezahlbarer werden die Tickets und je weniger wahrscheinlich ist es, dass Top Acts zu sehen sind. Die Südwestdeutsche Philharmonie dürfte das Konzerthaus aber nicht alleine füllen können und Konstanz ist eine junge Stadt, die viel eher eine multifunktionale Halle bräuchte, die sich auch die Jugend leisten kann. Kongresse könnten möglicherweise, sollte sich die Stadt für eine solche Konzerthallen-Lösung entscheiden, in einer großen Halle eröffnet werden und sich dann dezentral in der Stadt – sei es im Konzil oder im Kulturzentrum – aufsplitten.

Black Box könnte zum Alptraum werden

Doch eine Debatte fand in Konstanz nicht mehr statt und ist auch nicht mehr vorgesehen. Welche Art von Konzerthaus sich die Mehrheit der Konstanzer wünscht, wird nicht mehr abgefragt und ist auch beim Bürgerentscheid nicht die Frage. Die Situation erscheint denn auch verfahren. Zuletzt fand sich eine Initiative zusammen, die sich viel Mühe machte und als neuen Standort für ein Konzerthaus den Lutherplatz vorgeschlagen hat. Damit dürfte das Quartier an der Laube aber überfordert sein. Doch kein Problem: Soweit wird es auch gar nicht kommen. Die Stadt lässt sich nicht beirren und pocht auf Klein Venedig. Das größte Projekt, seit der Grüne Oberbürgermeister Horst Frank das Sagen im Rathaus hat, ist auf dem Weg. Die Konstanzer müssen, weil es die Stadt so entschieden hat, draußen bleiben. Von einer multifunktionalen kostengünstigen Halle am Seerhein oder einer Black Box auf dem schönsten Platz der Stadt dürfen sie nur träumen und hoffen, dass das Konzert- und Kongresshaus nicht zum Alptraum wird.

Foto: pixelio.de/Viktor Mildenberger

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