Konflikt bei Nycomed in Konstanz spitzt sich zu

Arbeitgeber machen Mitarbeitern an Betriebsrat und Gewerkschaft vorbei Angebot

Konstanz. Nycomed hat nach Mitteilung der Arbeitnehmerseite den Mitarbeitern, von denen sich das Unternehmen trennen will, ein Angebot an Gewerkschaft und Betriebsrat vorbei gemacht. Wer es annimmt, eine hohe Abfindung akzeptiert und freiwillig ausscheidet, wäre im Moment besser gestellt als es der Sozialplan vorschreibt. Die Mitarbeiter müssen sich aber schnell entscheiden. Die IG Bergbau Chemie Energie und der Betriebsrat sehen das als Affront. Mit ihrem Vorpreschen schwächt die Arbeitgeberseite die Position der Arbeitnehmervertreter, die über einen neuen, besseren Sozialplan und eine Transfergesellschaft verhandeln möchten. Von Vereinbarungen im Sozialplan hängt auch die Höhe von Abfindungen ab.

Zügiger Personalabbau

Die IG Bergbau Chemie Energie und der Betriebsrat kritisierten gestern das Vorgehen der Arbeitgeberseite scharf. Ohne vorherige Ankündigung und völlig einseitig habe die Geschäftsleitung der Nycomed den vom Personalabbau betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Angebot zum freiwilligen Ausscheiden unterbreitet. Durch finanzielle Anreize solle der Personalabbau möglichst zügig abgewickelt werden, so die IG Bergbau Chemie Energie und der Betriebsrat.

Keil zwischen Mitarbeiter und Betriebsrat

In der Information an die Belegschaft werde zudem eine Begründung für dieses Angebot geliefert, die in Vorwürfen in Richtung Betriebsrat gipfelten. „Dieser Vorgang ist beispiellos in der Geschichte des Unternehmens und wird vom Betriebsrat und der IG BCE als Aufkündigung der Sozialpartnerschaft durch die Geschäftsleitung der Nycomed verstanden“, heißt es in einer Mitteilung der IG Bergbau Chemie Energie und des Betriebsrats. „ Es bleibt rätselhaft, was die Herren Morich und Rademacher veranlasst hat, diesen ungewöhnlichen Weg einzuschlagen und damit praktisch den offenen Konflikt zu suchen.“

Betriebsrat will Pläne des Unternehmens nicht durchwinken

„Die sehr einseitigen Vorwürfe der Arbeitgeberseite blenden völlig aus, dass ein demokratisch gewählter Betriebsrat nicht der Erfüllungsgehilfe einer Unternehmensleitung ist, die ihrerseits über acht Monate an einer Neuausrichtung des Unternehmens in Deutschland gearbeitet hat und nunmehr offenbar ein bloßes ,Durchwinken‘ dieser Maßnahmen nach einem ersten Gespräch erwartet, heißt es in der Mitteilung.

Betriebsrat will Unterlagen prüfen

Eine solche Erwartungshaltung verkenne, dass die Betriebsräte die umfangreichen Unterlagen auch im Detail prüfen müssen. Die Rede ist von einem 250-seitigen Papier, das am Freitag der vergangenen Woche übergeben worden. „Das lässt sich nicht von heute auf morgen überprüfen und abhaken“, so die IG Bergbau Chemie Energie und der Betriebsrat. Das Betriebsverfassungsgesetz schreibe eine umfassende Prüfung durch verantwortungsbewusste Interessenvertreter ausdrücklich vor.

Enttäuschung bei Rolf Benz

Betriebsratsvorsitzender Rolf Benz sagte: „Ich bin von dieser Vorgehensweise der Arbeitgeberseite tief enttäuscht. Wir haben von Anfang an unsere Kompromissbereitschaft erkennen lassen und auch eine Regelung zum freiwilligen Ausscheiden stand am Anfang des Prozesses im Raum. Herr Rademacher hatte eine solche Regelung bis zum letzten Augenblick abgelehnt.“ Wenn nunmehr eine „Turboregelung“ einseitig auf den Weg gebracht werde, die in den materiellen Bestandteilen gegenüber dem bestehenden Sozialplan deutlich aufgebessert wurde, dann müsse die Demonstration am 24.1.2012 in der Geschäftsführung doch für Nervosität gesorgt und die Handlungsoptionen in dieser Weise beeinflusst haben. Umgekehrt könnte es natürlich auch so sein, dass das Unternehmen die Kuh schnell vom Eis haben und weitere öffentlichkeitswirksame Auftritte der Arbeitnehmerseite vermeiden will.

Arbeitnehmerseite sieht Verhandlungsklima verschlechtert

Mit dem einseitigen Angebot habe die Arbeitgeberseite den Weg der Gemeinsamkeit bewusst verlassen. Das werde das weitere Vorgehensweise mit beeinflussen und auch das Verhandlungsklima negativ beeinflussen.

Betriebsrat vor den Kopf gestoßen

In diesem konkreten Fall sei der Betriebsrat vor den Kopf gestoßen und vor vollendete Tatsachen gestellt worden. „Ein derartiges Diktat ist unanständig“, heißt es seitens der IG Bergbau Chemie Energie und des Betriebsrats. „Was aber auch klar ist, dieses Angebot steht im Raum und kann als solches nicht ignoriert werden.“

Verhandlungsführer machen weiter

Der Betriebsrat werde sich in den Verhandlungen von der Maxime leiten lassen, allen ausscheidenden und verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Perspektive zu bieten. „Wir erwarten von der Arbeitgeberseite, dass sie ihre Verantwortung erkennt und entsprechend handelt.“

Ein Kommentar to “Konflikt bei Nycomed in Konstanz spitzt sich zu”

  1. Fafnir
    16. Februar 2012 at 11:14 #

    Wer braucht eigentlich Gewerkschaften und Betriebsräte, wenn eigentlich jeder für sich selber denken und entscheiden kann? Eine Abfindung doppelt so hoch wie der Sozialplan wird vom Betriebsrat als „unanständig“ bezeichnet? Man ist „enttäuscht“?

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