Konstanz am Tag des offenen Denkmals „Romantik, Realismus, Revolution“

Das 19. Jahrhundert steht im Blickpunkt am Tag des offenen Denkmals am 11. September in Konstanz

Konstanz. „Romantik, Realismus, Revolution – Das 19. Jahrhundert“ – unter diesem Motto steht der deutschlandweit veranstaltete diesjährige Tag des offenen Denkmals. Auch in Konstanz werden am Sonntag, 11. September 2011, zahlreiche bauliche Zeugnisse dieser überaus dynamischen Epoche vorgestellt. Bürgermeister Kurt Werner eröffnet die Veranstaltung offiziell um 11 Uhr im Zunftsaal des Rosgartenmuseums.

Neu-Konstanz entsteht in Petershausen

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert tiefgreifender, sämtliche Lebensbereiche umfassender Veränderungen – so auch in Konstanz. Eine nach wie vor mittelalterlich geprägte, bis dato vorderösterreichische Landstadt macht sich unter vorausschauenden Bürgermeistern, wie Karl Hüetlin oder Max Stromeyer, auf den Weg zum modernen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der badischen Bodenseeregion. Sichtbare Zeichen dieser Umwälzungen sind die Niederlegung der mittelalterlichen Stadtmauern, der Hafenausbau und der Bahnanschluss, vor allem das Ausgreifen des Stadtgebiets nach Westen mit dem Stadtteil „Paradies“ und nach Norden rechts des Rheins, wo aus der alten Vorstadt Petershausen das eigentliche „Neu-Konstanz“ entsteht.

Schier ungebremster Fortschrittsglaube

Spezielle Führungen durch das Rosgartenmuseum beleuchten an diesem Tag unterschiedliche Aspekte zur Geschichte der Stadt Konstanz im 19. Jahrhundert. Überhaupt ist das 1871 von dem Apotheker und Stadtrat Ludwig Leiner in zwei mittelalterlichen Zunfthäusern eingerichtete Rosgartenmuseum ja selbst ein typisches Produkt dieses Jahrhunderts, steht es doch für den enzyklopädisch ausgerichteten Sammeleifer jener Zeit und verweist mit seinen zahlreichen Architekturfragmenten aus abgebrochenen Konstanzer Bürgerhäusern gewissermaßen auf die Kehrseite des damaligen, beinahe ungebremsten Fortschrittsglaubens.

Das Münster

Am Konstanzer Münster kann hingegen die Wertschätzung beobachtet werden, welche der Historismus des 19. Jahrhunderts den Monumenten des damals glorifizierten Mittelalters entgegenbringt. Gerade das Äußere der einstigen, im Kern romanischen Bischofskirche ist sehr von neugotischen Ergänzungen geprägt, die Wirkung im Stadtbild wird bestimmt von der „Turmvollendung“ unter dem Architekten Heinrich Hübsch. Im Inneren atmen vor allem die seitlichen Kapellenreihen mit ihren Glas- und Wandmalereien den Geist des Späthistorismus.

Anschluss ans badische Eisenbahnnetz

Auch für Konstanz stellt der Anschluss an das badische Eisenbahnnetz im Jahr 1863 eine wichtige Etappe auf dem Weg in das moderne Zeitalter dar. Dabei wird – typisch für das Widersprüchliche im 19. Jahrhundert – auch der Konstanzer Bahnhof in ein neugotisches „Kleid“ gesteckt. Der von Heinrich Leonhardt errichtete Sandsteinbau wird seit nunmehr vier Jahren modernisiert, die historische Substanz dabei behutsam restauriert und in die Neugestaltung des Inneren einbezogen.

Hotelgründungen in der Gründerzeit

Im Bemühen, das im 19. Jahrhundert eher beschauliche Konstanz zu einem „Luzern am Bodensee“ zu erheben, dürfen die Hotelgründungen der Gründerzeit gesehen werden. Das 1875 in prominenter Seelage eröffnete Inselhotel nutzt die mittelalterlichen Mauern des 100 Jahre zuvor aufgelösten Dominikanerklosters. Fachkundige Führungen beleuchten die sich daraus ergebenden Stilkontraste aus Ordensgotik, historistischer Dekorationskunst und Nachkriegsmoderne.

Industrieschlote und Hofgärten am Seerhein

Die umfangreichen Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts beziehen sich vor allem auf die rechtsrheinischen Gebiete. Hier wachsen die klösterliche Vorstadt Petershausen und vereinzelte Landgüter in Seehausen, Neuhausen und Hinterhausen zum großen Stadtteil Petershausen zusammen. Besonders abwechslungsreich gestaltet sich das See- und Seerheinufer. Entsprechend handelt der hier entlangführende kulturhistorische Spaziergang „von adligen Landsitzen, bürgerlichen Promenaden, Industrieschloten und modernen Hofgärten“.

Die Villa Seeheim

Darüber hinaus werden zahlreiche unmittelbar am Ufer gelegene Baudenkmale einzeln vorgestellt: Die unweit des Hörnle und damit eigentlich noch auf Allmannsdorfer Gemarkung gelegene Villa Seeheim stellt den späthistoristischen Umbau eines biedermeierlichen Landhauses dar. Adolf von Scholz, letzter Finanzminister unter Bismarck, zieht nach seinem Rücktritt aus dem preußischen Staatsdienst in die soeben zeitgemäß umgebaute Villa am See. Sein Sohn, der wegen seiner Affinität zu den Nazis heute nicht unumstrittene Literat Wilhelm von Scholz, macht das Anwesen im 20. Jahrhundert zu seinem Dichterrefugium. Das repräsentative, nunmehr vor 15 Jahren restaurierte Anwesen zeichnet sich durch eine weitgehende Erhaltung der historisch ausgestatteten Innenräume aus.

Seestraße 5

Opulent ausstaffiert zeigt sich auch das Innere des Wohnhauses Seestraße 5, Mittelbau der berühmten, 1898-1902 von Jacob Walther errichteten Seestraßenzeile. Im 2. Obergeschoss können die jüngst restaurierten Wohnräume besichtigt werden.

Die „Schneckenburg“ wird „Bischofsvilla“

Die „Schneckenburg“ – merkwürdigerweise heute mit dem unhistorischen Namen „Bischofsvilla“ belegt – steht für zweierlei: Zum einen stellt das Anwesen eines der letzten im Kern noch erhaltenen Landgüter vor 1800 dar, zum anderen markiert es den Auftakt der Industrialisierung des Konstanzer Seerheinufers im 19. Jahrhundert. Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert wird hier die Indiennefabrik J. G. Schlumberger gegründet, welche 1812 in die bekannte Konstanzer Textilfabrik Herosé übergeht.

Chemische und Stromeyer Fabrik am Seerhein

Für Konstanz´ industrielle Vergangenheit steht auch die Fabrikantenvilla der Chemischen Fabrik Gebr. Bantlin wenige Meter rheinabwärts. Zur Zeit wird die im Stil der Neorenaissance 1883 errichtete und innen um 1910 im Reformstil umgestaltete Villa behutsam restauriert. Der am Rand zum Wollmatinger Ried erhaltene Wasserturm zählt zu den baulichen Zeugnissen des einst größten Konstanzer Fabrikareals, der mit Anlehnungen an eine dörfliche Siedlung errichteten Zeltfabrik L. Stromeyer –daher Stromeyersdorf genannt. Nach der Umnutzung vor einem Jahr befinden sich in der 1915 von Philipp Jakob Manz errichteten Landmarke mehrere Büros der IT- und Kommunikationsbranche. Der Turmkopf nimmt einen anzumietenden Konferenz- und Loungebereich auf.

Extra-Veranstaltungen

Der Verein „Rettet die MEERSBURG ex KONSTANZ“ präsentiert am Tag des offenen Denkmals nach 17jähriger Restaurierung die älteste Binnenseeautomobilfähre Europas im fahrbereiten Zustand. Sie trägt nun wieder ihren ursprünglichen Namen KONSTANZ. In Dingelsdorf steht das soeben sanierte Sommerhaus Moroshito des bekannten Stuttgarter Architekten Paul Stohrer, ein Denkmal der Nachkriegsmoderne, zur Besichtigung offen.

Deutschlandweiter Tag

Der deutschlandweit durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Zusammenarbeit mit den staatlichen Denkmalämtern koordinierte Tag des offenen Denkmals wird wie in jedem Jahr lokal vom Baudezernat der Stadt Konstanz und verschiedenen Partnern veranstaltet.

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