Konstanz Guide für Gläubige, Ungläubige und Leichtgläubige

Stadtrundgang mit zweiter gründlich überarbeiteter Auflage des Kirchenstadtplans

Konstanz (wak) Während die einen religiöse Symbole aus öffentlichen Räumen am liebsten verbannen möchten, ist Konstanz eine Stadt, die ihre Kirchen im öffentlichen Raum gern her zeigt. Wenigstens die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Konstanz tut es sehr gern. Kein Wunder. Bischof Konrad, von 934 bis 975 Bischof in Konstanz, wollte aus Konstanz einst sogar ein zweites Rom machen.

Konstanz braucht Kirchenstadtplan

Soweit ist es nicht gekommen. Konstanz und die Orte drum herum, wie die Reichenau, Allensbach und Kreuzlingen, sind stolz auf ihre Kirchenbauten. Manche stammen aus der Zeit des Mittelalters, andere aus der Gegenwart. Es gibt gotische und romanische Bauten. Für alle, die es gern ein bisschen genauer wissen möchten: In diesem Jahr ist bereits die zweite überarbeitete Auflage eines Kirchenstadtplans erschienen, damit Einheimische und Fremde bei so vielen Gotteshäusern den Überblick nicht verlieren. Autor Patrick Brauns findet, dass das gut so ist.

Mutterkirche Konstanzer Münster

Die ehemalige Bischofsstadt ist keine übertrieben fromme Stadt. Von den knapp 80.000 Konstanzern sind heute etwa 31.000 römisch-katholisch und 19.000 evangelisch. Andere Einwohner sind zum Teil konfessionslos oder gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an. Die Mutterkirche der Konstanzer Kirchen ist das Münster Unserer Lieben Frau. Mehrere Baustile sind am Münster zu besichtigen. Wer 193 Stufen empor steigt, hat vom Münsterturm aus eine fantastische Sicht auf die Altstadt und bei Föhn auch auf die Alpen. Die Stefanskirche wurde als Markt- und Bürgerschaftskirche und auch als Gegenstück zur Bischofskirche erbaut. Die evangelische Lutherkirche wurde im romanischen Baustil erbaut, als sich Konstanz ins Paradies ausdehnte. Seit 1873 gibt es zum Beispiel auch eine alt-katholische Gemeinde in Konstanz. Die 1984 gegründete Orthodoxe Kirchengemeinde Hl. Prokopius ist eine Gemeinde der Russisch-Orthodoxen Kirche des Patriarchats Moskau.

Zweites Rom am Rhein

Apropos Bischof. Da wäre zum Beispiel Bischof Konrad im 10. Jahrhundert Bischof in Konstanz und seit 1123 als Heiliger verehrt. Er wollte aus der Stadt am Bodensee ein zweites Rom machen. Sein Bauprogramm war mehr als ehrgeizig. Als Vorbild für die Kirchengründungen dienten ihm die Patriarchalbasiliken in Rom: Vor der Stadt ließ Konrad analog zu San Paolo fuori le mura eine Paulskirche errichten. In unmittelbarer Nähe der Bischofskirche entstand die Kirche St. Johann entsprechend San Giovanni in Laterano. Die Kirche ist später Brauerei geworden. Konrads Nachfolger, Gebhard von Konstanz, der von 979 bis 995 Bischof war, gründete 983 das Benediktinerkloster Petershausen. Das Vorbild der Klosterkirche war St. Peter in Rom, weshalb der Altar anders als in anderen Kirchen in Petershausen im Westen stand. Der Rhein ist der Tiber.

Eine Moschee und keine Synagoge

So wie es aussieht ist Konstanz insgesamt eine tolerante Stadt. Erwähnt sind im Kirchenstadtplan selbstverständlich auch die Mevlâna-Moschee der Türkisch islamischen Gemeinde und Synagogen. Wobei „Synagogen“ eher eine Beschönigung ist. In Konstanz gibt es zwei jüdische Gemeinden, die zerstritten sind: Die Jüdische Gemeinde Konstanz und Israelitische Kultusgemeinde Konstanz. Fotografiert hat der Autor des Kirchenstadtplans vor diesem Hintergrund denn auch keinen Gebetsraum, sondern lieber die Stele in der Sigismundstraße, auf der die Namen ehemaliger jüdischer Konstanzer Bürger stehen.

Evangelische Kirche vor katholischen Kirchen

Patrick Brauns hat sehr akribisch gearbeitet: Vergessen hat er weder die Schottenkapelle noch die Kapelle St. Martin im Paradies. Es gibt die Petruskirche mit dem Blechdach und vermutlich hätte der Autor des Kirchenstadtplans zu jedem einzelnen Gotteshaus noch viel mehr erzählen können als er in der zweiten Auflage aus Platzgründen unterbringen konnte. Der Kirchenstadtplan sei etwas für Gläubige, Ungläubige und Leichtgläubige, sagt Brauns mit einem Augenzwinkern. Ein bisschen stolz ist er auf das Titelfoto: es zeigt im Vordergrund die Lutherkirche, rechts dahinter die Stefanskirche und links hinten das Münster. „Eine ungewöhnliche Perspektive“, sagt Brauns. Ja, weshalb sollte die evangelische Kirche auch nicht vorne stehen? Schließlich war Konstanz eine Zeit lang evangelisch. Die Reformation in Konstanz endete allerdings bereits 1548, als österreichisch-spanische Truppen Kaiser Karl V. die Bischofsstadt eroberten und Konstanz wieder katholisch wurde.

Info: Zu haben ist der Stadtplan gegen eine Schutzgebühr von EUR 1 in Kirchen, Hotels und Tourist-Informationen.

Foto: wak

4 Kommentare to “Konstanz Guide für Gläubige, Ungläubige und Leichtgläubige”

  1. dk
    20. August 2010 at 14:51 #

    @ Titelfoto: es zeigt im Vordergrund die Lutherkirche … „Eine ungewöhnliche Perspektive“, sagt Brauns.

    Man darf unterstellen, dass die Tourist-Informationen vorausschauend das Titelbild mit schwarzen Balken überklebt haben, da der Lutherplatz nicht an ein Tor zum Paradies erinnert, zur „falschen“ Konfession gehört und auch kein Tourismus-Ziel ist.
    Vielleicht gibt es in 20 Jahren einen Landeszuschuss oder eine Landesgartenschau,…

  2. dk
    20. August 2010 at 17:36 #

    Falls man KN als Universitätsstadt werbemässig darstellen wollte, ergäbe sich von der Strasse Wollmatingen-Litzelstetten folgendes Blickfeld:
    im Vordergrund die Müllhalde, dahinter umrahmend der Uniwald, aus dem der Uni-Schornstein erhabend herausragend.
    Bildtitel: die Uni KN – Elite-Schmiede, wo Gehirne rauchen

    PS.
    Falls es einmal nicht raucht, bitte Photoshop (oder sonstige Bildbearbeitung) verwenden.

  3. Fenedig
    21. August 2010 at 09:47 #

    Nun kenne ich die Arbeit von Patrick Brauns nicht, werde sie mir jedoch besorgen, ist doch darin wohl viel Historisches verarbeitet, das einfach zur Stadt gehört, auch wenn die Kirchen schon besser Tage erlebt haben als gegenwärtig. Da die Landesgrenzen zu früheren Zeiten weniger eine Rolle spielten, wäre auch – sofern sie es nicht bereits ist – die Schweizer (Kreuzlinger) Seite einzubeziehen, von der Augustiner Klosterkirche bis hinauf zur Kapelle Bernrain, usw., Örtlichkeiten also, die in einer unmittelbaren Beziehung zum religiösen Leben von Konstanz standen. Und wenn sich die beiden Israelischen/Jüdischen Gemeinden endlich zum Bau einer Synagoge einigen könnten, wäre das erfreulich. Brauns würde sicher gerne seine Arbeit erweitern….

  4. dk
    21. August 2010 at 11:45 #

    @ für Gläubige, Ungläubige und Leichtgläubige

    Es gibt auch Mischformen der Gläubikeit: der Grossvater war als Förster in der ev. Kirche der DDR angestellt und durfte später als Rentner die BRD besuchen (bis er nach KN gewechselt ist).

    Als man die erste Male die DDR besucht hat, wurden ein Dutzend Verhaltens-Ratschläge mitgegeben.
    Später hat man gehört, dass ihm als Kirchen-Mitarbeiter der Satz „glaube ja keinem Pfaffen“ zugeschrieben worden ist.

    Als Beauftragter einer riesigen Forstwirtschaft in MVorpommern soll er jahrelang zum wöchentlichen Parteistammtisch in die ca. 3 km entfernte Stadt eingeladen worden sein; jedesmal sollen Frau und Töchter ihn ermahnt haben, ja nichts falsches zu sagen, damit ihm kein Strick gedreht werde.
    Er hat auch das gemeistert: ob Nachsicht oder Fehlerfreiheit oder Partei-Einsicht (es kann ja mit dem nächsten Förster noch viel schlimmer kommen) ist nicht überliefert; ein Aktenstudium wurde nicht durchgeführt.

    Da in den späten 80er Jahren ein verwandtes Parteimitglied sich entscheiden sollte, den Westkontakt abzubrechen oder an die polnische Grenze versetzt zu werden (ca. 3 Std. täglicher Zeitverlust), scheint das Umfeld trotz vielerlei Ungläubigkeit ein gewisses Wohlwollen gefunden zu haben. Die Familie soll in Sekundenschnelle die „Polen-Variante“ entschieden haben.

    Mit dem Dutzend Ratschlägen konnte der Westler gut überleben: die dummen Schnitzer in späteren Jahren wurden grosszügig übersehen, auch ohne Busse von „harter West-Währung“.

    Das System erschien für Besucher berechenbar; als nach der Wende Datschen in Klein- und Schrebergärten umgewandelt und das Vereinswesen eingeführt wurde, ist man darauf angesprochen worden, dass es dank Vereinsrecht schlagartig viel mehr Rechtsvorschriften gibt. „Freiheit statt Sozialismus?“
    Wahrscheinlich hatten man bisher das Privileg der „einfachen Steuererklärung“ durch minimale Einkunftsarten.

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