Konstanz im Spätsommer: Leere Büros, fehlende Studentenbuden

Paradoxe Zustände auf dem Konstanzer Mietimmobilienmarkt – Idee „Schöner wohnen im Gewerbegebiet“

Konstanz. Das ist doch paradox! In Konstanz stehen Büro- und Gewerbeflächen leer, während gleichzeitig Studenten und Familien händeringend bezahlbaren Wohnraum suchen. Dass die FDP gern unkonventionelle Vorschläge macht, ist en vogue. In Konstanz möchten die Liberalen jetzt nicht genutzte Gewerbefläche in Wohnraum umwandeln. Geht nicht, gibt’s nicht, meinen sie – Immissionsschutz hin oder her.

Fünf Telekom-Tower Büros stehen leer

Wie viele Studenten könnten auf fünf Fußballfeldern campieren? Wie viele Studentenbuden könnten in fünf Telekom-Towern entstehen? Im vergangenen Sommer hat ein Konstanzer Journalist „leer“ und „leer“ zusammen gezählt. Seine Hochrechnung ergab, dass in Konstanz etwa 25.000 Quadratmeter Bürofläche aktuell im Angebot ist, so viel wie fünf mittelgroße Fußballfelder. „Oder wie fünf leere Telekom-Tower“, hat er damals geschrieben.

Vorschlag Gewerbe in Wohnraum umwandeln

Die Konstanzer FDP möchte nun am liebsten Gewerberäume in Wohnraum umwandeln. In der vergangenen Woche stand der Tagesordnungspunkt sogar auf der Tagesordnung der Sitzung des Gemeinderats. Den Antrag hatte die FDP-Fraktion bereits am 10. August gestellt. OB Frank versprach am vergangenen Donnerstag die Behandlung des Themas „Wohnraum“ in der Sitzung im November.

Tausende Studierende ziehen nach Konstanz

Die Zahl der Studierenden steigt in den kommenden Jahren weiter an. Im Wintersemester 2014/15 könnten sich bis zu 16.450 Studenten an den Konstanzer Hochschulen eingeschrieben haben. Zum Vergleich: Das wären dann 2.440 mehr als im vergangenen Wintersemester.

Wenn es laut wird im Betrieb nebenan

Bundes-Immissionsschutzgesetzes oder auch Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm – TA Lärm soll die Menschen vor vor schädlichen Umwelteinwirkungen durch Geräusche schützen. Die Immissionsrichtwerte zwischen 6 und 22 Uhr liegen bei 50 dB(A) in reinen Wohngebieten, 60 dB(A) in Mischgebieten, 65 dB(A) in Gewerbegebieten und 70 dB(A) in Industriegebieten. Werden die Werte überschritten, kommt es zu Konflikten. Auch deswegen lehnte es die Stadt Konstanz bisher strikt ab, dass Vermieter leerstehende Gewerbeflächen – wie es sie zum Beispiel in Stromeyersdorf – gibt in Wohnraum umwandeln und vermieten.

Miteinander von Gewerbe und Wohnen funktioniert im Paradies

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Heinrich Everke hat trotzdem noch einmal nachgehakt und lässt auch nicht locker. Er sagte: „Viele Büroräume stehen über längere Zeit leer.“ Everke möchte mit seinem Vorstoß Studenten und Mietmarkt in der Stadt einen Gefallen tun – und ganz sicher niemandem einen Bärendienst erweisen. Dass ein Nebeneinander von Gewerbe und Wohnen funktioniere, zeige zum Beispiel das Konstanzer Paradies, wo Studierende, Familien und alte Menschen leben und trotzdem auch Handwerker und Dienstleister arbeiten. Sogar eine Autowerkstatt gibt es. Auch im „Unterlohn“, dem Industriegebiet südlich der Reichenaustraße und westlich von Stromeyersdorf, leben nach Beobachtung von Everke immer mehr Menschen, Aus Hausmeisterwohnungen seien längst Wohnungen geworden, die Teil des Konstanzer Wohnungsmarktes geworden seien.

Oberbürgermeister skeptisch

Oberbürgermeister Horst Frank kennt die Argumente Everkes und ist trotzdem kein Freund von Umwandlungen von Gewerbefläche in Wohnraum. Er wies auf die Problematik mit Lärmimmissionen und Konflikten auf Ansage hin. Er warnte vor Konsequenzen. Außerdem brauche die Stadt auch Gewerberäume. Anne Mühlhäuser (Freie Grüne Liste) sagte, die Stadt brauche Arbeitsplätze aber auch Wohnraum. Immerhin hält die es für „legitim“, zu prüfen, ob und wo Gewerbefläche umgewandelt werden könnten. „Vernünftige Lösungen müsste es geben“, so Mühlhäuser.

Herbert Weber: Umwandeln ersetzt nicht Neubau

Ein feueriger Verfechter der Umwidmung von Wohnraum ist Stadtrat Jürgen Wiedemann, der Einzelkämpfer der Neuen Linie Konstanz hat vor allem das Telekomhochhaus im Auge. „Wieso dort nicht?“, fragte er. Vom ersten bis zum sechsten Stock sei noch viel Platz. Herbert Weber, SPD-Stadtrat und Vorsitzender des Deutschen Mieterbunds Bodensee e.V, kämpft seit Jahren dafür, dass in Konstanz neue Baugebiete ausgewiesen werden und die Stadt nicht nur auf Verdichtung setzt. Es sei machbar, ein paar Gewerbeflächen umzuwandeln, sagte Weber. Viel wichtiger sei es aber, dass die neue grün-rote Landesregierung den Mietwohnungsbau wieder fördere. Konstanz müsse den „Grund und Boden“ bereit stellen.Ganz anders sieht die Umwandlungsthematik hingegen Klaus-Peter Kossmehl (CDU), der mit seinem Fliesenlegerbetrieb in Stromeyersdorf sitzt. Er beschrieb Konflikte, die wohl unvermeidlich wären und beklagte sich selbst über Lärmimmissionen, die sogar ihn bei der Büroarbeit störten.

Im November dürften dann Entscheidungen fallen.

Hier geht es zu einem Report über Leerstände, den das Blog dornröschen.nu im vergangenen Sommer veröffentlicht hat. http://www.tmw-kn.com/blog/2010/07/29/so-viel-buro-platz-wie-auf-funf-fussballfeldern/ und http://www.tmw-kn.com/blog/2010/07/30/ein-nagelneuer-palazzo-mit-22000-quadratmetern/

Ein Kommentar to “Konstanz im Spätsommer: Leere Büros, fehlende Studentenbuden”

  1. Tilmann Breetsch
    28. September 2011 at 12:13 #

    Konstanz leistet sich Bürobauten direkt am Seerhein und ein Gewerbegebiet im Stromeyersdorf. So arrogant muss man erst mal sein, dort statt Wohnungen Büros und Werkstätten hinzubauen. Man darf mal raten, wer eine Wohnbebauung im Stromeyersdorf verhindert hat. Und zur Verdichtung: Lieber mutet man den Bürgern ein Zusammenrücken und eine Verminderung der Lebensqualität zu, als daß irgendwo ein Frosch gestört wird.

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