Konstanzer Alt-OB Helmle täuschte Öffentlichkeit über Verstrickung in Nazi-Verbrechen

Stadt initiiert öffentliche Debatte über Helmles NS-Vergangenheit – Noch ist Helmle Konstanzer Ehrenbürger und Ehrensenator an der Uni Konstanz

Bruno HelmleKonstanz. Am Mittag gab es im Konstanzer Rathaus noch eine Schweigeminute anlässlich des Gedenkens an die Opfer von Neonazis. Sie sollte Signal für Toleranz – gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sein. So steht es auf der Website der Stadt. Am Nachmittag informierten Wissenschaftler im Konstanzer Rathaus über die Rolle des früheren Oberbürgermeisters Bruno Helmle, der von 1959 bis 1980 OB in Konstanz war. Das Ergebnis des Gutachtens, das sie präsentiert haben, ist erschütternd. Die Stadt Konstanz hat es zum Download auf die Homepage der Stadt gestellt. Bei der Medienkonferenz hatte Prof. Dr. Wolfgang Seibel im wesentlichen die Zusammenfassung der Arbeit vorgetragen.

OB gab Gutachten in Auftrag

Im Herbst 2010 hatten sich, wie es die Stadt ausdrückte, „ Anhaltspunkte über mögliche Unstimmigkeiten in den Angaben des früheren Oberbürgermeisters und Ehrenbürgers der Stadt Konstanz Bruno Helmle über seine Berufstätigkeit während des Nationalsozialismus“ ergeben. Prof. Dr. Lothar Burchardt (Universität Konstanz), Prof. Dr. Wolfgang Seibel (Universität Konstanz) und Priv.-Doz. Dr. Jürgen Klöckler (Stadt Konstanz) wurden deswegen mit der Untersuchung des Sachverhalts beauftragt.

Information der Öffentlichkeit

Auf der Grundlage umfangreicher Recherchen fertigten die drei Wissenschaftler das „Gutachten zur Tätigkeit von Dr. Bruno Helmle (1911-1996) während der Zeit des Nationalsozialismus und in den ersten Nachkriegsjahren“, das am Donnerstagnachmittag der Öffentlichkeit vorgestellt worden ist. Zeitgleich informierte die Stadtverwaltung die Mitglieder des Konstanzer Gemeinderats.

Anstössiges Verhalten Helmles

Wissenschaftlich bewiesen ist laut des Gutachtens, dass Helmle in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft als Finanzbeamter an der höchst „arbeitsteiligen Judenverfolgung“ beteiligt war. Außerdem waren Helmle und seine Ehefrau als Ausgebombte privat Nutznießer der Judenverfolgung, als sie gebrauchtes Mobiliar kauften. Helmle hat Inventar aus Wohnungen jüdischer Bürger günstig erworben und mit den Wohnungseinrichtungen seinen eigenen Haushalt eingerichtet. Später hat Helme dann die Öffentlichkeit laut Gutachter über seine Rolle getäuscht.

Helmle ein Tatsachenverdreher

Angaben, die Helmle selbst in späteren Jahren über seine persönliche NS-Vergangenheit machte, bezeichneten die Wissenschaftler als „grob irreführend“ und „Tatsachenverdrehung“. Die Quellenlage ist insgesamt dürftig. Akten von Finanzämtern sind zu großen Teilen nicht erhalten. Die staatliche Personalakte Helmles, die nach Aussage der Wissenschaftler noch bis Ende der 50-er Jahre vorhanden war, sei später verschwunden. Ihr Verbleib sei unklar. Die Akte dürfte abhanden gekommen – ausgeliehen und nicht mehr zurück gebracht – als Helmle Oberbürgermeister in Konstanz gewesen ist.

Brisantes Gutachten

Wie brisant das Ergebnis des Gutachtens ist, machte der städtische Pressesprecher Walter Rügert klar. Er kündigte an, dass sich der Konstanzer Gemeinderat bei seiner Sitzung am Donnerstag, 1. März, mit dem Gutachten auseinandersetzen werde. Für den 20. März ist eine Podiumsdiskussion im Unteren Konzilsaal geplant. Nach einer ausführlichen öffentlichen Diskussion werde der Rat dann über mögliche Konsequenzen beraten. Helmle ist Konstanzer Ehrenbürger. Die Ehrenbürgerschaft kann ihm der Gemeinderat aberkennen. Außerdem ist Helmle Ehrensenator der Universität Konstanz. Auch diese Auszeichnung könnte ihm aberkannt werden. Das sagte der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel. Zunächst seien die Verantwortlichen an der Universität über das Gutachten informiert worden.

Verdächtiges Dokument

Zehn Monate lang haben die Wissenschaftler an dem Gutachten gearbeitet, das seit Donnerstag der Öffentlichkeit vorliegt und auf der Website der Stadt steht. Besonders aufwändig war das Sichten von Quellen. Diese Aufgabe hatte Klöckler übernommen, den der OB, da Klöckler Stadtarchivar ist, direkt beauftragen konnte. Burchardt und Seibel hatte der OB um Hilfe gebeten. Ein Honorar haben der Geschichts- und der Politikwissenschaftler nicht erhalten. Sie hätten es als ihre Aufgabe angesehen, der Stadt Konstanz zu helfen und das Gutachten zu erstellen. Dass es überhaupt soweit kam, war einem Zufallsfund von Klöckler zu verdanken. Er stieß, als er für seine Habilitationsarbeit recherchierte, auf ein Dokument, mit dem Helmle der Stadt Konstanz den jüdischen Friedhof zum Kauf angeboten hatte, das nicht in Übereinstimmung mit dem zu bringen gewesen sei, was Klöckler aus Helmles Memoiren wusste.

Auszüge aus dem Gutachten im Wortlaut

Prof. Seibel trug bei der Pressekonferenz am Donnerstagmittag die Zusammenfassung des Gutachten vor. Dort heißt es unter anderem:

„Dr. jur. Bruno Helmle war nach Abschluss seiner juristischen Ausbildung und kurzer Tätigkeit im Justizdienst ab Herbst 1938 in der badischen Finanzverwaltung tätig. Seit dem 1. Mai 1937 war er Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 4.353.909). Wegen ausbleibender Beitragszahlungen wurde er 1940 aus dem Mitgliederverzeichnis der NSDAP gestrichen. Seit 1933 war Helmle Mitglied der sog. Motor-SA, die später im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) aufging. Seit 1934 war Helmle ferner Mitglied im Nationalsozialistischen Bund Deutscher Juristen, dem späteren NS-Rechtswahrerbund. In der für seine dauerhafte Anstellung im Staatsdienst erforderlichen politischen Zuverlässigkeitserklärung der NSDAP wurde 1938 eine Tätigkeit als ,Politischer Leiter‘, und zwar als ,Blockleiter in der Ortsgruppe Freiburg-Mittelwiehre‘, bescheinigt und ferner bestätigt, dass ,in politischer Hinsicht keine Bedenken‘ gegen eine Übernahme Helmles in den höheren Justizdienst bestünden. In dem aus diesem Anlass vom zuständigen NSDAP-Kreisamt ausgestellten ,Personalblatt für Beamte‘ wird Helmle als ,Judengegner‘ bezeichnet.

„Der Übertritt vom Justizdienst in die Finanzverwaltung in der zweiten Jahreshälfte 1938 erfolgte allem Anschein nach aus Helmles eigenem Antrieb. Die von Helmle in seinen ,Erinnerungen‘ gegebene Darstellung, er sei aus politischen Gründen, insbesondere wegen seiner Tätigkeit für studentische Gliederungen der Zentrumspartei vor 1933, nicht in ein dauerhaftes Anstellungsverhältnis im Justizdienst übernommen worden, findet in den Akten keine Bestätigung. Vielmehr ist Helmle wegen der angestrebten Übernahme in die Finanzverwaltung im November 1938 selbst beim zuständigen Gaupersonalamt der NSDAP vorstellig geworden.“

Vom 1. Dezember 1939 bis Ende November 1944 war Helmle zunächst Regierungsassessor, ab 1. März 1941 dann Regierungsrat im Finanzamt Mannheim-Stadt. Von Mai 1941 bis Dezember 1943 war Helmle im Finanzamt Mannheim-Stadt Dienststellenleiter und Vertreter des Reichsinteresses für Kriegssachschäden mit der Zuständigkeit für den Stadt- und Landkreis sowie den Wasserstraßenbezirk Mannheim. Er war in dieser Eigenschaft in dem als ,Mannheimer System‘ bekannt gewordenen integrierten Verfahren zur Ermittlung, Festsetzung und Vollstreckung der Reichsfluchtsteuer beteiligt, die als Sondersteuer in Höhe von 25 Prozent des steuerpflichtigen Vermögenswertes vor allem zur Auswanderung entschlossene oder gezwungene Juden traf.“

„Nach Erlass der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941, mit der die aus dem Deutschen Reich deportierten Juden ihre Staatsbürgerschaft und sämtliche Vermögenswerte, einschließlich ihres Hausrats und der persönlichen Habe, verloren, zählte zum Aufgabenbereich Bruno Helmles im Finanzamt Mannheim-Stadt auch die „Verwertung“ jüdischen Vermögens. Er wirkte in dieser Eigenschaft sowie, in Personalunion, in seiner Funktion als ,Vertreter des Reichsinteresses für Fliegerschäden (Feststellungsbehörde der Stadt Mannheim)‘ ab August 1942 an der Expertenkommission der Mannheimer ,Verwertungsstelle für volksfeindliches Vermögen‘ mit, in deren Unterlagen er als ,Regierungsrat Pg. [Parteigenos-se] Dr. Helmle geführt wurde.“

„Helmle hat mit seiner Ehefrau im November 1940 eine durch die Deportation aller Juden aus Baden und die in diesem Zusammenhang erfolgte Einweisung der betagten jüdischen Bewohnerin in das Israelitische Krankenhaus in der Mannheimer Collinistraße freigewordene Wohnung in der Augusta-Anlage 23 bezogen. Er hat selbst als „Fliegergeschädigter“ nach dem Bombenangriff auf Mannheim am 5./6. September 1943 in großem Umfang Hausrat und Gebrauchsgegenstände aus beschlagnahmtem jüdischem Besitz erworben. Es steht fest, dass Helmle als Beamter des Finanzamts Mannheim-Stadt an der durch NS-Gesetze legalisierten Form der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung im Umfeld von Auswanderung und Deportation unmittelbar beteiligt und dass er als bezugsberechtigter ,Fliegergeschädigter‘ persönlich Nutznießer des durch die Finanzverwaltung organisierten Verkaufs beschlagnahmten jüdischen Vermögens war.“

„Während seiner kurzen Tätigkeit als Stellvertretender Vorsteher des Finanzamts Konstanz vom 1. Dezember 1944 bis zur Besetzung der Stadt durch französische Truppen am 26. April 1945 war Helmle Leiter des Sachgebiets ,Verwaltung des jüdischen und reichsfeindlichen Vermögens‘. In dieser Eigenschaft hat er im Februar 1945 der Stadtverwaltung den Erwerb des ,Judenfriedhofs‘ angeboten.“

„Seine Mitgliedschaft in der NSDAP und der ihr angeschlossenen Gliederungen wie Motor-SA/NSKK und NS-Rechtswahrerbund und insbesondere die Art seiner Tätigkeit im Finanzamt Mannheim-Stadt hat Helmle sowohl in der unmittelbaren Nachkriegszeit als auch in späteren Darstellungen, so insbesondere in seinen „Erinnerungen“ von 1990, gar nicht oder nur in verzerrter Form angesprochen. In entscheidenden Punkten muss man von bewusster Irreführung sprechen.“

„Helmle selbst nutzte seine intimen Kenntnisse dieser Materie für den günstigen Erwerb von Hausrat deportierter Juden in einem Gesamtwert, der sein eigenes damaliges Jahresbruttogehalt deutlich überstieg.“

„Helmle hat ferner in seinen „Erinnerungen“ eine Darstellung des 1947 durch die französische Militärverwaltung gegen ihn angestrengten Amtsenthebungsverfahrens vor dem Tribunal In-termédiaire de Bade gegeben, die auf regelrechten Tatsachenverdrehungen beruht.“

„Bruno Helmle wurde in seinem Entnazifizierungsverfahren am 6. Februar 1948 als ,entlastet‘ eingestuft. Das Verfahren bezog sich ausschließlich auf seine Mitgliedschaft und Tätigkeit in der NSDAP und ihren Nebenorganisationen.“

„Dass Bruno Helmle aufgrund seiner Prägung durch ein katholisches Elternhaus, die kirchliche Jugendarbeit und die Tätigkeit in der Studentenvereinigung der Zentrumspartei für rassistische Ideologie und überhaupt die weltanschaulichen Ziele der NS-Diktatur kaum empfänglich gewesen sein dürfte, steht zu seiner zweifelsfrei gegebenen Verstrickung in die Judenverfolgung durch seine Tätigkeit als Finanzbeamter nicht in Widerspruch.“

„Aufschlussreich am Fall Helmle ist wie in vielen anderen vergleichbaren Fällen die Kontinuität des psychologischen Verdrängens und Nicht-Wahrhaben-Wollens. So wie Helmle nach 1945 seine Mitgliedschaft in der NSDAP wo es nur ging verschleiert und seine Mitwirkung an der wirtschaftlichen und fiskalischen Verfolgung der Juden mit keinem Wort erwähnt hat, so hat er sich vermutlich zuvor über die Tatsache dieser Mitwirkung und seine persönliche Verstrickung in die Verbrechen der NS-Diktatur gerade deshalb Illusionen hingegeben, weil er selbst nach eigenem Verständnis ja kein Nationalsozialist war und mit örtlichen Vertretern der NSDAP wiederholt in Konflikt geraten ist.“

Nazi ja oder nein

Die Frage, ob Helmle ein Nazi war, lässt sich trotz des Gutachtens offenbar nicht eindeutig beantworten. Lothar Burchardt sagte, Helmle sei kein „Braunhemd“ gewesen, sondern einer von mehr als zehn Millionen Parteigenossen. Aus Sicht der Wissenschaftler steht fest: Helmle hat eine „achtbare Karriere“ gemacht. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, Helmle habe zur „Trägerschicht des Unrechtsstaates“ gehört. Um Beteiligter am Verbrechen der Judenverfolgung zu sein, musste man, so sagte es der Wissenschaftler Seibel, kein Nazi sein. Helmle sei nicht durch besonderen Eifer aufgefallen, beim jüdischen Umzugsgut habe er aber „kräftig zugelangt“.

Hier geht es zu dem Gutachten über Bruno Helmle zum Herunterladen.

Foto: privat

 

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