Konstanzer AWO lässt Briefe aus Sütterlin Schrift übersetzen

Nachgefragt beim Vorsitzenden der Arbeiterwohlfahrt in Konstanz und Initiator der Schreibstube

Konstanz (wak) Die Arbeiterwohlfahrt in Konstanz hat eine Schreibstube eröffnet. Richtiger wäre es wahrscheinlich, von einem Übersetzungsbüro zu sprechen. Wer möchte kann sich in Konstanz von ehrenamtlichen Helfern Briefe, Rezepte oder Tagebücher übersetzen lassen, die in Sütterlin geschrieben sind. Wir fragten beim AWO-Vorsitzenden Jens Bodamer nach.

Was ist Sütterlin?

Sütterlin ist eine 1911 von Ludwig Sütterlin erfundene Schrift. Diese neue Schrift sollte nach fast 500 Jahren Koexistenz der lateinischen und deutschen Schreibschrift zu einer einheitlichen Regel und Schreibweise in Preußen und ganz Deutschland führen. Die deutsche Schreibschrift, auch deutsche Kurrentschrift genannt, ähnelt sehr dem Sütterlin. Somit kann der Sütterlinleser auch Kurrentschriften lesen.

Wer hat in welcher Zeit in Sütterlin geschrieben?

Sütterlin wurde 1915 an den Grund- und Volksschulen Preußens eingerichtet. Die Einführung dieser Schrift im restlichen Kaiserreich war damit nur noch eine Frage der Zeit. 1941 wurde die Schrift wieder abgeschafft. Die lateinische Schrift wurde als Normalschrift eingeführt.

Wie alt sind die Menschen, die heute noch Sütterlin lesen und schreiben können?

Das ist eine nur schwer zu beantwortende Frage. In manchen Bundesländern wurde die Sütterlinschrift nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Lehrplan aufgenommen – nicht als Schreibschrift sondern als besondere Schönschrift. Manchmal machte auch ein von Sütterlin beseelter Lehrer die Schrift zum Inhalt des Unterrichts – ganz außer der Reihe. Vermutlich sind die Personen, die Sütterlin in der Schule gelernt haben, mindestens 60 Jahre alt.

Können Sie persönlich Dokumente entziffern, die in Sütterlin geschrieben worden sind?

Manche Wörter kann ich inzwischen sehr gut entziffern, aber meist hänge ich dann doch irgendwo im Text fest. Ganze Texte sind für mich unlösbar, dafür habe ich dann aber die Teilnehmer der Sütterlin-Schreibstube um mir zu helfen. Ich werde aber immer besser.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Sütterlin Schreibstube zu eröffnen?

Unser Vorstandsmitglied Marc Schloßarek hatte die Idee hierzu. Er hatte im Fernsehen einen Bericht über eine Sütterlin-Stube in Hamburg gesehen und brachte die Idee mit zu uns in die AWO.

Wie viele ehrenamtliche Übersetzer gibt es?

Bisher treffen sich bei uns regelmäßig vier Übersetzerinnen. Wir hoffen noch auf weitere Unterstützung, genügend Übersetzungsmaterial steht jedenfalls zur Verfügung. Außerdem sind wir drei Personen die zwar nicht richtig Sütterlin lesen können, aber dafür dann die Texte in „Normalschrift“ aufschreiben.

Nennen Sie uns doch einmal ein paar Beispiele.

Hauptsächlich Feldpost aus dem 1. Weltkrieg, aber auch ein kleines Kochbuch mit ganz interessanten Rezepten haben wir bisher übersetzt. Als wir die Feldpost aus dem ersten Weltkrieg übersetzten, hatte die Eigentümerin der Briefe dann auch gleich noch alte Fotografien der Familie dabei, dann konnte man sich richtig in die Personen hinein versetzten, die die Briefe schrieben. Das war spannender als der Bodensee-Tatort, auch wenn die Inhalte recht banal waren, für die Menschen damals waren sie sehr wichtig, sonst wären sie nicht in Briefen festgehalten worden.

Wenn wir auf dem Dachboden demnächst einen Stapel alter Briefe finden, könnten wir also zu Ihnen kommen oder Ihnen die eingescannten Briefe sogar per Mail zum Übersetzen in Ihre Schreibstube schicken?

Ja, ganz genau! Entweder Sie kommen vorbei und helfen gleich mit bei der Übersetzung. So kann dann eine Übersetzerin den Brief vorlesen und Sie können gleich mitschreiben. Selbstverständlich können Sie uns die eingescannten Briefe auch per Mail schicken, wir übersetzten diese dann und schicken Ihnen die Übersetzungen per Mail zurück.

Das Konstanzer Rosgartenmuseum zeigt in diesem Sommer die Ausstellung „Welt im Topf“ und erzählt die Geschichte der Bodensee-Küche. Wenn wir alte Rezepte aufstöbern sollten, könnten wir mit Ihrer Hilfe also auch alte Gerichte nachkochen?

Ja natürlich! Unsere Übersetzung des kleinen Kochbuchs war wirklich sehr interessant. Zum Kochen braucht man aber nicht nur das Rezept. Man braucht auch die alten Gewichte, zum Beispiel einen Schoppen und fürs Kochen oder Backen braucht man ja auch noch etwas Geschick. So heißt es oft in den Rezepten: „Den Teig so lange rühren, bis er gut ist.“ Was auch immer gut bedeutet.

Was macht denn die Arbeiterwohlfahrt AWO in Konstanz sonst noch so?

Der Ortsverein bietet viele kleine Aktivitäten für Senioren an. Wir machen Ausflugsfahrten, haben einen Kaffeenachmittag, einen Singkreis und in Zukunft auch Computerkurse für Senioren. In naher Zukunft wollen wir auch für Kinder und Jugendliche ein Angebot schaffen. Daneben hat unser AWO-Kreisverband noch ein weitreichendes Angebot, beginnend bei der Migrationsberatung, Frauenhaus, Hausaufgabenbetreuung, individuelle Schwerstbehinderten Assistenz, Kindertagesstätte Talabu, bis hin zur Elternschule oder den Nachtwanderern läuft alles unter der AWO-Flagge.

Wie viele Mitglieder hat der Verein in Konstanz?

Unser Ortsverein hat im Augenblick genau 70 Mitglieder.

Wer nimmt Ihre Angebote in Anspruch?

Unsere Angebote nehmen Mitglieder, aber auch viele Personen aus dem Gebiet Fürstenberg und Wollmatingen wahr. Man muss nicht unbedingt Mitglied sein um teilnehmen zu können, sicherlich freuen wir uns über jedes neue Mitglied. Unseren Stützpunkt haben wir im Treffpunkt Chérisy, damit sind wir für diese Ortsteile ideal gelegen.

Wer bisher nichts mit der AWO zu tun hatte und sie gern einmal kennenlernen möchte, gibt es vielleicht AWO Café oder ein Fest?

Unsere Veranstaltungen stehen Jedermann offen. Die genauen Termine finden sich immer im Internet im Online Kalender. Selbstverständlich kann man auch zum wöchentlichen Senioren-Kaffe-Treff im Treffpunkt Chérisy donnerstags um 14 Uhr kommen Am Samstag, 25. September, findet ab 15 Uhr ein großes Herbstfest im Treffpunkt Chérisy statt, hier werden fast alle Einrichtungen der AWO in Konstanz vertreten sein. Jeder kann kommen, teilnehmen, ein Würstchen essen, etwas trinken und uns ansprechen.

Vielen Dank fürs Gespräch. Die Fragen stellte Waltraud Kässer.


Die Sütterlin-Schreibstube ist ein Angebot für Seniorinnen und Senioren, sowie für alle Interessierten sich mit der Sütterlinschrift wieder (oder neu) zu beschäftigen. Bei den Treffen werden Urkunden, Rezepte, wissenschaftliche oder amtliche Dokumente bis hin zu Großmutters Liebesbriefen transkribiert. Mehr Infos über die Sütterlin Schreibstube gibt es auf der Website im Internet.

3 Kommentare to “Konstanzer AWO lässt Briefe aus Sütterlin Schrift übersetzen”

  1. Familie Schumann
    25. April 2013 at 20:56 #

    habe eine alte postkarte in Sütterlinschrift aus dem geburtsort meines Mannes leider können wir diese schrift nicht lesen.wir würden uns riesig freuen wenn uns jemand diese Postkarte übersetzen könnte.diese Karte stamt aus dem Jahr 1914 und bedeutet uns sehr viel da das Elternhaus meines Mannes zu sehen ist.

  2. Jochen Florstedt
    22. August 2013 at 12:26 #

    ich habe eine Frage:

    Von meiner Mutter habe ich ein Heft, in der sie meine ersten Jahre akribisch in Sütterlin aufgeschrieben hat.

    Ich würde dies alles gerne übersetzen lassen und in einer WORD-Datei haben.

    Können Sie mir weiterhelfen und womit müsste ich finanziell rechnen?

    Gruß Jochen Florstedt

    • wak
      23. August 2013 at 09:45 #

      Bitte fragen Sie bei der AWO nach. Wir sind ein Blog und berichten nur.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.