Konstanzer Erdbeben 1911: Die Nacht, in der die Engel fielen

Ausstellung „Ewige Steine“ zeigt herab gestürzte Münsterspitze – Aktionsnacht der Ausstellung „Fernbeziehung“ zum 100. Jahrestag des historischen Konstanzer Erdbebens

Konstanz. Am späten Abend des 16. November 1911 gegen 22.30 Uhr bebte in Konstanz die Erde. Etwa vier Sekunden dauerten die Erdstöße. Mehrere Gebäude, darunter das Reichspostgebäude, die evangelische Kirche, das Münster und viele Wohnhäuser, sind beschädigt worden. Die Spitze des Konstanzer Münsters stürzte vom Turm. Ausgestellt ist die Turmspitze in der Ausstellung „Ewige Steine“ im Konstanzer Kulturzentrum. An den 100. Jahrestag des historischen Erdbebens erinnern wird auch die Ausstellung „Fernbeziehung“, die am 16. November eine Aktionsnacht unter dem Titel „Die Nacht, in der die Engel fielen“ plant.

Von hohen Häusern stürzten Schornsteine

Was an jenem 16. November vor hundert Jahren geschah ist nachzulesen in der Schrift „Steinbildwerke aus der spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Stadt Konstanz“, die das Rosgartenmuseum anlässlich der Ausstellung „Ewige Steine“ herausgegeben hat. In dem Kapitel über das Erdbeben 1911 heißt es: Vom Hotel Barbarossa und dem Hohen Haus wären große Kamine heruntergestürzt und hätten weite Flächen mit Schutt bedeckt.

Drei große Löcher im Münsterdach

Weiter heißt es: „Das Kirchendach des Münsters hatte drei große Löcher, und auf zwanzig Meter Länge ragten die leeren Sparren in die Höhe.“ Die Kreuzblume der Turmpyramide fehlte, als wäre der Turm „geköpft“ worden. Die Spitze war nach unten gestürzt und hatte eine Tanne im Münstergarten wie ein Streichholz geknickt. Im Innern der Kirche waren die Bänke mit Schutt übersät. Das kleine Kapitel endet mit der Feststellung: „Glücklicherweise war niemand bei diesem Erdbeben von den herabstürzenden Steinmassen getroffen worden.“

Sandsteinstatuen fielen vom Reichspostgebäude

Vom Dach des ehemaligen Konstanzer Reichspostgebäudes – dem damaligen „institutionellen Mittelpunkt der Konstanzer Telefoninfrastruktur“ und heutigen Sitz der Hauptstelle der Sparkasse Bodensee – waren durch den Erdstoß Sandsteinstatuen geworfen worden.

Furcht vor Nachbeben

Viele Konstanzer hätten sich zunächst nicht mehr zurück in ihre Wohnhäuser getraut. Von Zürich aus sei übermittelt worden, dass gegen 1 Uhr mit einem Nachbeben zu rechnen sei. Erst gegen halb drei in der Nacht habe es Entwarnung gegeben.

Münsterspitze lagerte in Münsterbauhütte

„Die Münsterspitze war erst 1856 vollendet worden“, erzählt der promovierte Historiker und Leiter der Städtischen Museen in Konstanz, Tobias Engelsing. Seit ihrem Absturz wurde die steinerne Spitze von der Münsterbauhütte verwahrt.

Keine Sensationsberichterstattung über Beben

Bewegte Bilder vom Erdbeben gibt es nicht. Engelsing hat auf Anhieb nur drei Zeitungsberichte gefunden, die über das Beben berichteten. Die liberale „Konstanzer Zeitung“ und die katholische „Deutsche Bodenseezeitung“, deren Druckerei und Redaktion sich im Gebäude der heutigen Buchhandlung Homburger und Hepp befanden, berichteten nur nachrichtlich über Ereignisse, bevorzugten politische Inhalte und widmeten sich der Kulturberichterstattung. Die Boulevardzeitung war damals noch nicht erfunden.

Audiovisuelle Rekonstruktion des Erdbebens

Während das Rosgartenmuseum die Turmspitze ausstellt, planen die Universität Konstanz und die Sparkasse Bodensee zum 100. Jahrestag des Bebens in Zusammenhang mit der Telefonausstellung „Fernbeziehung“ am 16. November eine Aktionsnacht. In der Nacht wollen die Veranstalter an das außergewöhnliche Beben und seine Folgen für die Stadt Konstanz und ihre Telekommunikationsinfrastruktur erinnern. Die Nacht, die mit dem Titel „Die Nacht, in der die Engel fielen. Ein Konstanzer Erdbeben“ überschrieben ist, präsentiert eine audiovisuelle Rekonstruktion des Erdbebens und ein wissenschaftliches Vortragsprogramm zu den Themenkreisen Erdbeben und Konstanzer Telefoniegeschichte. Ergänzt werde das Programm durch Theater und Führungen durch die Telefonausstellung.

Vorträge zum Thema Erdbeben

In Zusammenhang mit der virtuellen Rekonstruktion des erdbebengeschädigten Reichspostgebäudes referiert der Konstanzer Medieninformatiker Prof. Dr. Oliver Deussen um 18.30 Uhr zum Thema virtuelle Architektur. Mit seinem Vortrag „Erdbeben im Kino – (k)eine sichere Sache“ widmet sich der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Joachim Paech um 19.30 Uhr den Erschütterungen in der Filmlandschaft. Hans-Dieter Schmidt, ehemaliger stellvertretender Leiter der Telekom-Niederlassung Konstanz, ergründet um 20.30 Uhr in seinem Vortrag „125 Jahre Telefon in Konstanz“ die Historie der Telekommunikation und der Reichspost in Konstanz. Dr. Albert Kümmel-Schnur, Projektleiter der Ausstellung, spricht um 21.30 Uhr in seinem titelgebenden Vortrag über den „Sturz der Engel“ am 16. November 1911.

Termin und Eintritt

Die Aktionsnacht findet am Mittwoch, 16. November 2011, von 18 bis 22 Uhr im Hauptgebäude der Sparkasse Bodensee (Marktstätte 1) statt. Der Eintritt ist frei.

Fotos: wak

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