Konstanzer Galerie auf den Spuren des Tabubrechers Megert

Konstanz. Mit einer kleinen feinen Einführung hat der promovierte Kunsthistoriker Stephan Geiger in der Galerie am Fischmarkt eine Ausstellung mit Spiegelbildern des ZERO-Künstlers Christian Megert eröffnet. Der Künstler war am Samstagabend in Konstanz selbst anwesend. Wer die Einführung verpasst hat, könnte sich über ein Kapitel Kunstgeschichte auch kompakt im zur Ausstellung erschienenen Katalog informieren. Die Konstanzer Galerie zeigt die Arbeiten des Schweizers Christian Megert, dessen Markenzeichen sogenannte Scherbenbilder sind, noch bis 9. Januar.

Wirklichkeitsfetzen Teil des Kunstwerks

Das spannendste an den Arbeiten des ZERO-Künstlers ist vielleicht, dass seine Werke unvollendet sind. Ähnlich wie in der Literatur gibt es auch in der Kunst keinen Allwissenden mehr, der eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt oder ein fertiges Bild malt. Wirklichkeitsfetzen fanden plötzlich Eingang in literarische Arbeiten und in die Bildende Kunst. Wofür James Joyces Ulysses oder Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz in der Literatur schon vor dem Zweiten Weltkrieg standen, stehen nach 1945 Künstler wie Daniel Spoerri oder Christian Megert in der Bildenden Kunst.

Abgegessene Tische und Spiegelbilder

Der eine, Daniel Spoerri, schuf Kunstwerke, indem er abgegessene Tische an die Wand klebte und zur Kunst erklärte, der andere, Christian Megert, indem er Scherben und Spiegel einbaute. So wie Literatur erst im Kopf des Lesers entsteht, entstehen die Kunstwerke Megerts erst im Auge des Betrachters. Je nach Umgebung und dem, was sich in den Scherben spiegelt, verändern sich die Arbeiten.

Radikaler Neuanfang

1936 in Bern geboren, war Megert Anfang der 50-er Jahren in Bern am richtigen Ort, um den Aufbruch der Avantgarde in der Schweiz mitzuerleben. Im Café du Commerce in Paris traf sich ein intellektueller Zirkel, zu dem auch Megert und Spoerri gehörten. Anfang 1956 entstand eine Collage, mit der Megert mit der klassischen Moderne, den Kubisten beispielsweise, brach. Später schuf er Stukturbilder, bei denen der Künstler nachträglich Linien in die Farbe ritzte. Dann kamen die Spiegel.

Stedelijk-Museum

Megert findet seinen eigenen Weg, indem er damit beginnt, kleine Elemente, Spiegelscherben, in seine Werke einzumontieren. Er erzeugt einen Raum auf der Bildfläche. 1961 veröffentlicht Megert ein Manifest „a new space“. Berühmt geworden ist die NUL-Ausstellung der Avantgardekünstler im Amsterdamer Stedelijk-Museum. Zum ersten Mal war die neue Kunst der Avantgarde im musealen Kontext zu sehen. Berühmt wurden auch die Spiegelräume bei der Documenta IV 1968. Die Spiegel für die Installation waren nur geliehen und wurden nach der Ausstellung weiter verarbeitet.

Original in Konstanz ausgestellt

Megert hatte seine Exponate damals in zwei Koffern nach Amsterdam transportiert. Eine dieser ersten Arbeiten, mit denen Megert ein Stück Kunstgeschichte geschrieben hat, ist genauso wie eine Collage und Strukturbilder in der Galerie Geiger zu sehen. Dieses mal brachte er sie nicht mehr im Koffer mit. Die Konstanzer Schau ist zweigeteilt: Im kleinen hinteren Teil des Ausstellungsraums widmet sich die Galerie dem frühen Megert, während den größten Teil der Ausstellung neue Spiegelbilder einnehmen.

Keine abgeschlossenen Bilder

Der reale Raum spiegelt sich in den Bildern, in denen einzelne Spiegel Farbflächen reflektieren. „Die Arbeiten verändern sich je nach Position“, sagt Stephan Geiger. Der warme Holzboden der Konstanzer Galerie sorgt für eine andere Tonalität als es ein kalter Betonboden täte. Betrachter vor den Spiegeln werden Teil der Exponate. Die Arbeiten faszinieren gerade auch, weil es sich um keine abgeschlossenen Bilder handelt. Auf dem Cover des Katalogs ist ein Foto von einem Spiegelbild zu sehen, auf dem zufällig die Spiegelung des Kopfes des Künstlers mit abgebildet ist. Aufgenommen hat das Bild Stephan Geiger. Auf anderen Bildern hat sich der Galerist selbst fotografiert und ein einzelner Schuh rückte in den Blick. Als Cover kam diese Momentaufnahme für Geiger deswegen nicht mehr in Frage.

Katalog zur Ausstellung

Viel schöner und treffender erzählt Stephan Geiger all diese Geschichten oder auch das Kapitel Kunstgeschichte, das Megert mit geschrieben hat und heute noch schreibt. Die Texte im Katalog, der in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen ist, stammen vom Konstanzer Kunsthistoriker und ZERO-Kenner Geiger. Zu kaufen gibt es den 64-seitigen Katalog „Christian Megert – because it’s real“ (ISBN 978-3-9809227-6-0) für 20 Euro in der Galerie Geiger, solange der Vorrat reicht.

Über die Ausstellung

Die Ausstellung ist bis 9. Januar 2013 in der Galerie Geiger am Fischmarkt 5a zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 – 18.00 Uhr, Samstag 11.00 – 17.00 Uhr oder jederzeit nach Vereinbarung. Hier geht es zur Galerie Geiger in Konstanz.

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