Konstanzer Gemeinderat entscheidet über Ehrenbürgerschaft von Alt-Bruno Helmle

Stadtverwaltung will Helmle Ehrenbürgerwürde wegen Verstrickungen in Nazi-Zeit nicht aberkennen

Konstanz. Die Konstanzer Stadtverwaltung schlägt vor, Alt-OB Bruno Helmle die Ehrenbürgerschaft doch nicht förmlich aberkennen. Die Stadt geht davon aus, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tode des Ehrenbürgers erloschen ist. Helmle starb 1996. Er hatte bis zu seinem Tod über seine Verstrickungen in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geschwiegen und die Konstanzer getäuscht.

Helmle täuschte Öffentlichkeit

Im Herbst 2010 hatten sich, wie es die zunächst Stadt ausdrückte, „Anhaltspunkte über mögliche Unstimmigkeiten in den Angaben des früheren Oberbürgermeisters und Ehrenbürgers der Stadt Konstanz Bruno Helmle über seine Berufstätigkeit während des Nationalsozialismus“ ergeben. Prof. Dr. Lothar Burchardt (Universität Konstanz), Prof. Dr. Wolfgang Seibel (Universität Konstanz) und Priv.-Doz. Dr. Jürgen Klöckler (Stadt Konstanz) haben darauf hin im Auftrag der Stadt rechierchiert. Auf der Grundlage ihrer umfangreicher Recherchen fertigten sie das „Gutachten zur Tätigkeit von Dr. Bruno Helmle (1911-1996) während der Zeit des Nationalsozialismus und in den ersten Nachkriegsjahren“. Als wissenschaftlich bewiesen gilt seither, dass Helmle in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft – wie es die Wissenschaftler formulierten – als Finanzbeamter an der höchst „arbeitsteiligen Judenverfolgung“ beteiligt war. Außerdem waren Helmle und seine Ehefrau als Ausgebombte privat Nutznießer der Judenverfolgung, als sie gebrauchtes Mobiliar kauften, das aus jüdischen Haushalten stammte. Später hatte Helme dann die Öffentlichkeit laut Gutachter über seine Rolle getäuscht.

Ehrenbürgerschaft angeblich mit Tod erloschen

In einer ersten Aussprache im Konstanzer Gemeinderat, die im März dieses Jahr stattfand, waren sich die Ratsmitglieder weitestgehend einig. Sie kamen damals zu dem Schluss, der frühere Konstanzer Oberbürgermeister Bruno Helmle tauge nicht zum Vorbild. Deshalb schien es fast schon beschlossene Sache, dem Alt-OB wegen dessen Verstrickungen in die NS-Vergangenheit und späterer Täuschungen die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen. Das will die Stadt nun aber nicht mehr tun. Sie begründet es damit, dass das Ehrenbürgerrecht ein höchst persönliches Recht sei, das nur an lebende Personen verliehen werden könne und mit dem Tod des Ehrenbürgers erlösche. In Konstanz seien alle Ehrenbürger verstorben.

Kritischer Eintrag auf Ehrenbürgerliste vorgeschlagen

Die Stadtverwaltung schlägt – anstatt Helmle die Ehrenbürgerwürde förmlich abzuerkennen – vor, bei Dr. Bruno Helmle folgende Ergänzung auf der Liste der Ehrenbürger einzufügen: „Dr. Bruno Helmle war Oberbürgermeister in Konstanz von 1959 bis 1980. Ihm wurde vom Gemeinderat der Stadt Konstanz mit Beschluss vom 10.07.1980 die Ehrenbürgerwürde verliehen. Diese Verleihung erfolgte aufgrund seiner Verdienste als Oberbürgermeister der Stadt Konstanz, insbesondere um die Universitätsgründung. Es hat sich herausgestellt, dass Herr Dr. Bruno Helmle Mitglied der NSDAP war und als Finanzbeamter beim Finanzamt Mannheim-Stadt an der Umsetzung der NS-Willkürgesetze (Judenvermögensabgabe, Reichsfluchtsteuer) mitwirkte und Vermögensgegenstände aus jüdischem Besitz erwarb, die als ,dem Reich verfallen‘ bezeichnet wurden. Diese Tatsachen hatte er verschwiegen.“

Hindenburg nicht mehr Stuttgarter Ehrenbürger

Eine förmliche Aberkennung einer Ehrenbürgerschaft erfolgte hingegen jüngst in Stuttgart. So hat der Stuttgarter Gemeinderat in seiner öffentlichen Sitzung vom im Juli 2010 Paul von Hindenburg die vom Gemeinderat der Stadt Stuttgart am 1933 verliehene Ehrenbürgerwürde förmlich aberkannt. Die Stadt Stuttgart tat dies, obwohl der Gemeinderat von Stuttgart bereits am 1946 festgestellt hatte, dass „das Ehrenbürgerrecht von Hindenburg ….. als Persönlichkeitsrecht seit dem Tode des Inhabers bereits am 02.08.1934 erloschen“ war. Im Ersten Weltkrieg war Hindenburg zum Generalfeldmarschall aufgestiegen und hatte als Chef der Obersten Heeresleitung die Regierungsgewalt ausgeübt. Als zweiter Reichspräsident der Weimarer Republik ernannte Hindenburg 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Hitler 1946 Konstanzer Ehrenbürgerschaft aberkannt

In der Vergangenheit erkannte die Stadt Konstanz wenigstens Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft ab. 1946 hatte der Gemeinderat der Stadt Konstanz seine früheren Beschlüsse von 1933 aufgehoben, „wonach Reichskanzler Hitler und Reichskommissar Robert Wagner zu Ehrenbürgern der Stadt Konstanz ernannt wurden“.

Die Entscheidung über die Aberkennung oder Nicht-Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Bruno Helmle fällt am Donnerstag, 3. Mai, in der Gemeinderatssitzung. Die Sitzung beginnt um 16 Uhr.

4 Kommentare to “Konstanzer Gemeinderat entscheidet über Ehrenbürgerschaft von Alt-Bruno Helmle”

  1. Chantal
    2. Mai 2012 at 22:44 #

    Ich empfinde es als reichlich geschmacklos, wenn hier Dr. Helmle auf eine Stufe mit Hitler und Hindenburg gestellt wird.

  2. Biograf
    3. Mai 2012 at 13:39 #

    Wenn man Ehrenbürgerschaften aberkennen will, sollte man konsequent sein. Dann gehören neben Helmle auch Hindenburg, Gröber und Kiesinger aus der Liste gestrichen.
    Wichtiger als so ein formaler Akt ist aber die Aufbereitung der Geschichte und die Darstellung, wie einzelne Akteure in menschenverachtender Weise und gedeckt von der breiten Masse der Mitläufer gehandelt haben. Das hat das Gutachten geleistet.

  3. dk
    4. Mai 2012 at 00:27 #

    Biograf

    Ich gebe Ihnen recht: der Name „Hindenburg“ sollte aus der Ehrenbürgerliste von KN gelöscht werden. Vielleicht sollte die Stadt auch die vielen anderen Städte von diesem untragbaren Zustand benachrichtigen. Die Website von Wikipedia steht zwar unter Vorbehalt, aber die Versäumnisse scheinen zahlreicher als vermutet zu sein.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_von_Hindenburg_als_Ehrenb%C3%BCrger

    Die DDR hat ihr Staatsgebiet in Bezirke neu geordnet und auf eine Bezeichnung „Preussen“ für Landesteile verzichtet. In den Neuen BL „Brandenburg, S-Anhalt, M-Vorpommern“ wird häufig im jeweiligen Landeswappen eher versteckt der „brandenburgische Adler“ gezeigt.

    Komischerweise hat der Spiegel als eher nicht-konservative Zeitung vor einigen Monaten ein Heft anlässlich des Jubiläums eines preussischen Königs herausgegeben, dass keine rein negative Meinung zum Reizwort „Preussen“ beschrieb, sondern eher eine Annäherung versuchte und die vielen Ungereimtheiten und widersprüchen Fassetten aufführte. Der Leser durfte dieses Mal kein eindeutiges Urteil erwarten. Vielleicht hatte man sich nach der Wiedervereinigung vom bröckelnden Glanz von Sanssouci in Potsdam blenden lassen.

    Ähnliches gilt auch für Strassennamen aus uralten Zeiten: man kann doch keine neuen Strassen bauen, weil man an falschen Vorbildern aus falsch verstandener Tradition festhalten will. Ein Vorschlag wäre: entweder unpolitische Begriffe zu wählen oder den Strassennamen auf eine beschränkte Zeit (z.B. 2o Jahre) festzulegen und danach ein neues Vorbild zu wählen.

  4. dk
    4. Mai 2012 at 00:36 #

    Zu spät habe ich bemerkt, dass auf der Liste auch Otto von Bismark enthalten ist.
    Wenn man an sein lautes Säbelrasseln denkt, kann er nur als Erfinder des preussischen Militarismus gelten.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Ehrenb%C3%BCrger_von_Konstanz

    http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_von_Bismarck_als_Ehrenb%C3%BCrger

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