Konstanz kommt unter den Hut und sagt „Chapeau!“

Tobias Engelsing erzählt Geschichten von Kopfbedeckungen

Konstanz. „Chapeau!“ ist der Titel einer Ausstellung, die das Konstanzer Rosgartenmuseum in diesem Sommer zeigt. Ab Samstag, 23. Juli, sind in Konstanz außergewöhnliche Kopfbedeckungen zu sehen. Sie erzählen Geschichten und vom gesellschaftlichen Wandel.

Vom Hut zum Baseballkap

Es sei keine ganz neue Idee, Kopfbedeckungen in einer Ausstellung zu zeigen, sagt Tobias Engelsing. Was den Leiter der Städtischen Museen und Hutträger Engelsing reizte, ist der Umstand, dass solche Hüte genauso wie Hutgeschäfte aus dem Stadtbild verschwunden sind. Statt dessen tragen Jungen und Männer heute Baseballkappen. Was hat sich verändert?

Engelsings „Anlasshut“

Früher habe es den „Anlasshut“ gegebene, sagt Engelsing. Es gab den schwarzen Beerdingungshut, den für religiöse und den für weltliche Feste. Der Zeitgeist hat den Bürgern aber längst den spitzen Hut vom Kopf geweht. Allerdings kehren Kopfbedeckungen aktuell wieder zurück. Tobias Engelsing setzt sich spontan eine Pudelmütze auf den Kopf. Als Kind hat er solche Mützen gehasst – die Jugendlichen setzen sie heute freiwillig auf. Auch der Trilby, der Gangsterhut aus den 60-er Jahren, sei wieder ein Kulthut. „Heute tragen ihn junge Leute“, sagt Engelsing. Geändert hat sich nur das Material.

Anything goes im 21. Jahrhundert

„Heute ist alles möglich“, so der Museumsleiter. Vor dem Zweiten Weltkrieg und eigentlich auch bis in die 50-er Jahre des 20. Jahrhunderts ist das noch nicht so gewesen. Während das Bürgertum sich in früheren Zeiten mit Melone und Zylinder zeigte, wäre es undenkbar gewesen, dass auch ein Arbeiter solch eine Kopfbedeckung getragen hätte. Ähnliches galt für die Hüte der Frauen. Ausgeschlossen wäre es früher gewesen, dass ein Dienstmädchen und die Herrschaft in der Öffentlichkeit mit dem selben Hut angetroffen worden wären. Hüte waren damals trotzdem nicht nur Symbole, sondern auch funktional. Sie behüteten ihre Träger, die damals noch viele Wege zu Fuß zurücklegten bei Wind und Wetter. „Die Dauerwelle war der Tod des Damenhuts“, so Engelsing.

Kopfbedeckung stand für Schichtzugehörigkeit

Hüte waren stets Symbole. Sie standen für Schichtzugehörigkeit, waren Ausweis des sozialen Rangs und von Haltungen. So erzählt es Engelsing. Der Calabreser zum Beispiel war, wie der Historiker berichtet, Zeichen für non-konfirmistische Haltung. Solche Hüte setzten sich die „Aufständischen“ auf. Kurioserweise trug aber auch Otto von Bismarck in seinen letzten Jahren einen solchen Revolutionshut.

Militärmützen als Zielscheiben

Kopfbedeckungen spielten nicht nur im zivilen Leben, sondern auch als Uniformteile eine Rolle. Bunte Militärmützen im Feld waren aber nicht unproblematisch, sie waren vielmehr perfekte Zielscheiben für Scharfschützen.

Tropenhelme aus der Kolonialzeit

Dann hält der Museumsleiter plötzlich einen Tropenhelm in Händen. Er war mehr als Sonnenschutz und auch das Zeichen für die angebliche Überlegenheit der europäischen Kulturen und Rassen. So sagt es Engelsing. Im Rosgartenmuseum zu sehen ist der Tropenhelm, den Theo Lingen im Film „Das indische Grabmal“ auf dem Kopf hatte. Er stammt aus dem Fundus von Engelsings Vater.

Raritäten und Anekdoten

Im Konstanzer Rosgartenmuseum zu sehen sind eine Jakobinermütze, „Freiheitsmütze“, Kopfbedeckungen von Kirchenmännern, die doppelte Melone Karl Valentins, der Zweispitz von Dufour, des ersten Präsidenten des Roten Kreuzes aus Genf, eine Strohhut von Hermann Hesse, eine breitkrempige in den USA gekaufte Kopfbedeckung von Otto Dix, ein von 1849 an verbotener Hecker-Hut oder den Zylinder, den Kaspar Hauser an Tag seiner Ermordung trug. Die Schau zeigt mehr als 100 Objekte, darunter 50 „Promihüte“, viele Leihgaben von Privaten und Raritäten. Zusammengetragen hat sie Engelsing bei 80 Leihgebern. Viele Hüte stammen aus der Schweiz.

Riesiger Fundus in der Bodensee Region

Engelsing hat viele Exponate noch in alten Häusern und auf Dachböden gefunden. Die internationale Bodensee Region ist von Kriegseinwirkungen – mit Ausnahme von Friedrichshafen- verschont geblieben und birgt viele Schätze.

Wer Lust bekommen hat, sich die Exponate anzuschauen, hat dazu ab Samstag im Konstanzer Rosgartenmuseum die Gelegenheit. Der Wer in einen der Ausstellungsräume führt durch einen wahren Hutwald, in dem der Himmel voller Hüte hängt, die die Besucher zur Probe auch gern selbst aufsetzen dürfen. Das Treppenhaus ist mit bekannten behüteten Konstanzer Köpfen ausstaffiert. Hüte und ihre Geschichten satt finden sich außerdem in einem wieder sehr gelungenen Katalog.

Ausstellung: 23. Juli bis 27. November 2011, öffentliche Führung jeden Dienstag 17 Uhr

Katalog: Chapeau! Berühmte Kopfbedeckungen 1700-2000, 108 Seiten, 11,50 Euro, ISBN 978-3-929768-29-9

Foto: wak

 

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