Konstanzer Konzilgespräch jenseits der Mainstream-Talkshows

Konstanzer Konzilgespräch am 23. März – Müssen wir auf unseren Wohlstand verzichten?

Konstanz. „Wachstumswahn“ heißt der Titel des Konstanzer Konzilgesprächs am Freitag, 23. März. Wolfgang Clement, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, Bernhard Emunds, Professor für Christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie und Meinhard Miegel, Sozialwissenschaftler, „Denkwerk Zukunft. Stiftung kulturelle Erneuerung“ Bonn, werden diskutieren. Moderatorin ist wieder Ursula Nusser (SWR2). Wer Talkshows mag, zappt heute von Sender zu Sender. Der Konzilsaal dürfte dennoch voraussichtlich wieder bis auf den letzten Platz besetzt sein. 800 Stühle gibt es. Der Eintritt ist frei.

Konzilgespräch geht tiefer

Die Veranstalter, der Arbeitskreis Konzilgespräch, rümpft beim Vergleich mit der TV Plauderei die Nase. Alexander Gebauer, der der Erfinder der Allmannsdorfer Gespräche gewesen ist, die später ins Konzil umzogen sind, und Oberbürgermeister Horst Frank (Grüne) stellen klar: Das Konstanzer Konzilgespräch ist eine Marke. Die Gäste diskutieren über Themen, die die Menschen wirklich bewegen, und nicht über Mainstream. Die Rede ist davon, Anstösse zu geben und Diskussionen zu provozieren. Das Gespräch im altehrwürdigen Konstanzer Konzil geht tiefer. Es ist ein bisschen wie das Feuilleton einer großen Zeitung, in dem Intellektuelle noch Debatten führen – und nicht wie eine Zeitungsmeldung, in der ein beliebige Personen zitiert werden, wenn sie über weniger bedeutende Dinge sprechen. Die Stadt Konstanz, die beiden großen Kirchen und der Sponsor Volksbank haben höhere Ansprüche.

„Wachstumswahn“ steht in dicken Letter über Gespräch

Beim Konstanzer Konzilgespräch 2012 geht es um das Thema „Wachstumswahn“. Wachstum ist alles, gerade jetzt in der Krise. Die Nachricht, dass die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr gegen den weltweiten Trend um drei Prozent gewachsen ist, hat quer durch die Parteien Begeisterung ausgelöst. Denn Wachstum bedeutet Wohlstand. Wenn die Wirtschaft brummt, sinken die Arbeitslosenzahlen, füllen sich die Sozialkassen, steigen die Steuereinnahmen, muss der Staat weniger Schulden machen. Mit dem Wachstum wächst auch die Zuversicht, dass es immer so weiter geht. Und sich auch ein Schuldenstaat wie Griechenland irgendwann durch Wachstum aus seiner Zwangslage befreien kann.

Wirtschaft, Wachstum, Wohlstand

Doch gleichzeitig wird die Kritik am Wachstumsgedanken immer lauter. „Das Wachstum der Wirtschaft ist zur Ersatzreligion unserer Gesellschaft geworden“, so der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel. „Längst mehrt dieses Wachstum nicht mehr unseren Wohlstand, sondern verzehrt ihn. Es überlastet die natürlichen Ressourcen, die Umwelt und nicht zuletzt den Menschen.“ Müssen wir uns von diesem Wachstumswahn befreien – und wenn ja, geht das überhaupt? Der Kapitalismus, so wie wir ihn kennen, ist auf Wachstum angelegt. Und ob die freiheitlichen Demokratien auch ohne Wirtschaftswachstum überleben, ist nicht erwiesen. Bislang jedenfalls wagt es kein maßgeblicher Politiker, Wachstum als Prinzip in Frage zu stellen. Der ehemalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement verteidigt das Wirtschaftswachstum als Heilmittel und sagt: „Sicherheit im Konjunkturabschwung und in der Globalisierung erreichen wir nur durch eine wettbewerbsfähige und wachstumsstarke Wirtschaft.“

Gibt es Bruttosozialglück?

Doch wie lange können die westlichen Gesellschaften ihr Glücks- und Heilsversprechen immer weiter wachsenden materiellen Wohlstands überhaupt noch einlösen? Müssen wir Wohlstand künftig anders definieren? Bruttosozialglück statt Bruttosozialprodukt? Heute wird in Deutschland pro Kopf der Bevölkerung mehr als fünf Mal so viel erwirtschaftet wie 1950. Hat sich damit auch unser Wohlbefinden verfünffacht? Wie könnte unser Leben aussehen, wenn es mit dem Wirtschaftswachstum vorbei ist?

Wer redet über die 99 Prozent?

Womöglich haben andere Menschen aber auch ganz andere Sorgen. Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland müssen laut einer Studie mit einem Niedriglohn von weniger als 9,15 Euro brutto pro Stunde auskommen. Jeder Vierte in Deutschland erhält nur einen Niedriglohn. Die Einkommen von Managern sind astronomisch groß und Mitarbeiter in der Autoindustrie erhalten Erfolgsprämien in Höhe von vielen Tausend Euro. Die Schere geht immer weiter auseinander. In den USA ist die Mittelschicht abgestürzt. Streng genommen generiert das Wachstum schon längst keinen Wohlstand mehr – wenigstens nicht für alle. Sie sind die 99 Prozent. Trotzdem simulieren die westlichen Staaten, es gebe noch immer etwas zu verteilen und häufen immer höhere Staatsschulden an, die dann wieder vergesellschaftet werden.

Wer muss verzichten?

Ob es beim Konzilgespräch auch um Verteilungsgerechtigkeit gehen wird? „Wachstumswahn – Müssen wir auf unseren Wohlstand verzichten?“ heißt das Motto beim 7. Konstanzer Konzilgespräch. Wessen Wohlstand, mag sich da der eine oder andere fragen.

Was läuft schief?

Oberbürgermeister Horst Frank sagte, das Thema Wachstumswahn beschäftige die Grünen schon lange. Er fragte nach den Kosten des Wachstums, nach Ressourcenverbrauch und Umweltfolgen. Und er sprach auch von der Schere, die auseinander geht. Alexander Gebauer redete von „verantwortlichem Wachstum“ und der Oberbürgermeister meinte, man müsse Wachstum anders definieren. Was macht Lebensqualität aus, fragte Hiltrud Schneider-Cimbal, evangelische Dekanin in Konstanz. Dekan Mathias Trennert-Helwig von der katholischen Kirche findet am Wachstum ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Der Oberbürgermeister sprach von Gigalinern und Lebsnmitteln ohne Konservierungsstoffen und davon, dass doch einiges schief läuft.

Abend im Konzil und Sendetermin

7. Konstanzer Konzilgespräch: „Wachstumswahn – Müssen wir auf unseren Wohlstand verzichten?“ Mit Wolfgang Clement, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, Bernhard Emunds, Professor für Christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie, Meinhard Miegel, Sozialwissenschaftler, „Denkwerk Zukunft. Stiftung kulturelle Erneuerung“, Bonn. Die Veranstaltung am Freitag, 23. März 2012, Konstanz, Konzil beginnt um 20 Uhr. Eintritt frei. Mit freundlicher Unterstützung der Volksbank eG Konstanz-Radolfzell-Steisslingen. SWR2 sendet das Konstanzer Konzilgespräch in der Sendung „SWR2 Forum“ am Montag, 26. März 2012, 17.05 Uhr.

3 Kommentare to “Konstanzer Konzilgespräch jenseits der Mainstream-Talkshows”

  1. dk
    18. März 2012 at 16:29 #

    … Wer redet über die 99 Prozent? …

    Bei einer TV-Sendung „Maischberger“ (Sat3 Mitternacht) wurde auch über Entlohnung in der Wirtschaft gesprochen: der Fall Wulff war Anlass zu diesem Thema.
    Der Betriebsrat von Porsche hat sinngemäss gefragt, wie man mit Niedriglöhnern und dem gegenwärtigen Arbeitgeber-Einstellungen weiterhin einen hohen Technik-Standart mit höchster Export-Fähigkeit halten will.
    Ein Widerspruch, der nicht nur „oberen, kontrovers denkenden Betriebsräten“ schon lange aufgefallen ist.

    Vor ein paar Tagen habe ich überlegt, ob bei einer SPD-Regierung die „Erfolgsstory“ HartzIV mit HartzV bis HartzVIII weitergeführt wird. Vielleicht nimmt die CDU freundlicherweise der SPD diese Entscheidung ab.
    Oder doch lieber gemeinsam als „Grosse Koalition“?

    Treffen am Rande der Handwerksmesse: Wirtschaft verlangt von Merkel mehr Reformen
    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/merkelverbaende100.html

    PS. Eine letzte Abweichung vom Artikel sei gestattet:
    trotz vieler Diskussion ist der Bodensee eine tolle Landschaft für Kurzurlauber, wenn man sie von einem Hügel im Hinterland als Aussichtspunkt überblicken kann: einfach idyllisch, mit vielen Hügeln und Wäldern, dazwischen noch Dörfer, Inseln oder Halbinseln und natürlich der See.

  2. Fred
    22. März 2012 at 00:25 #

    Clements Einladung nach Konstanz ist ein Schlag ins Gesicht aller politisch interessierten Menschen am See – bleibt eigentlich nur, diese Blödsinnsveranstaltung mit seiner eigenen Abwesenheit zu quittieren…

    weiterlesen: http://www.southvibez.de/blog/politricks-inna-konstanz-cheflobbyist-wolfgang-clement-zu-gast-im-konzil/

  3. Fafnir
    22. März 2012 at 16:18 #

    Lieber Fred, wenn ich mir Ihren Blog so durchlese und das, was Sie dort über Wolfgang Clement und über die Volksbank absondern, frage ich mich, ob Sie Ihre „politische Interessiertheit“ mit Borniertheit und naiver linker Propagandistik verwechseln. Möglich, daß Ihr Horizont gerade mal bis zum nächsten Dorfweiher reicht. Und es mag sein, daß Sie Leute wie Wolfgang Clement und „die böse Industrie“ nicht mögen. Aber deshalb müssen Sie nicht so ein Pamphlet aufsetzen und sich dabei auch noch toll aufgeklärt vorkommen. Heute erklären Sie Leute wie Wolfgang Clement zur unerwünschten Person und morgen sperren Sie ihn ein. Am besten noch mit allen Zuhörern, denen Sie „Blödheit“ vorwerfen. Und das nur, weil sie Ihnen nicht passen und eine „falsche“ Meinung vertreten. Bravo.

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