Konstanzer Konzil(streit)gespräch über „German angst“

Am meisten Zustimmung auf der nach oben offenen Beifallsskala für Precht – Eine Talkrunde und viele Ängste

Konstanz. „German angst“ war das Thema des sechsten Konzilgesprächs mit SWR-Moderatorin Ursula Nusser. Auf dem Podium in Konstanz hatten der Philosoph Richard David Precht, Volker Kauder, Vorsitzender CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Nikolaus Schneider, EKD-Ratsvorsitzender, und Michael Stürmer, Historiker und Chefkorrespondent der WELT, Platz genommen. Am lautesten beklatschte das Publikum Precht. Gekommen waren immerhin 800 Zuhörer. Sie erlebten, dass auch Volker Kauder Angst hat – vor dem Internet.

 

Viele Menschen – viele Ängste

Das Konzilgespräch über „German angst“ hatte am Freitag viele Facetten. Die Frage des Abends hätte auch lauten können „Wer hat Angst – und wenn ja, wie viel und wovor?“ Ist das Vertrauen ruiniert – und wenn ja,  in wen? Haben die Menschen das Vertrauen in die Politik verloren – oder die Politiker noch mehr das in ihre Wähler? Welche Rolle spielt der Glaube – und an was glauben die Menschen heute nicht mehr? Es ging beim Konzilgespräch in eineinhalb Stunden nicht um eine Angst – und schon gar nicht nur um die vor der Atomkraft.

Angst der Politiker

Ursula Nusser (SWR) fing mit Fukushima an. Bald zeigte sich aber, jeder auf dem Podium hat Ängste – sogar der Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion Volker Kauder. Kauders erstes Statement klang nach dem Pfeifen im Walde. Nach Fukshima – und noch vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg – änderte die Union abrupt ihren Kurs in der Energiepolitik und fuhr eine Halse. Die Wahl in Baden-Württemberg ging dennoch verloren. Der CDU Politiker muss die aktuelle Situation in mehrfacher Hinsicht als bedrohlich erleben. Die Wähler vertrauten den Unions-Kapitänen nicht mehr. Denn für das Abschalten und eine grüne Politik steht eben nicht die gewendete Union. Das hat einer in Konstanz besonders schmerzlich erfahren, der nun nicht mehr auf Podien sitzt – aber beim Konzilgespräch noch einmal in der erste Reihe: Der abgewählte CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Hoffmann.

Kauder und Stürmer schürten Ängste

Verwerfungen gibt es auch in der Politik. Als noch bedrohlicher als die Atomkraft erlebt Kauder womöglich die Folgen des schnellen Abschaltens der Atomkraftwerke. Es geht um Strompreise, den Zukauf von Energie aus anderen Ländern und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Kauder und WELT-Chefkorrespondent Michael Stürmer müssen – und das ist schlimm – eine gesellschaftliche Kernschmelze befürchten und schürten im Konzil also neue Ängste nicht vor der Atomkraft, sondern vor dem Ausstieg.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Die Frage könnte lauten: Wird der Atomausstieg Deutschland ins Verderben stürzen oder stürzt er doch eher Politiker ins Verderben,  die noch immer für den Geist von gestern stehen? Haben sie sich vielleicht zu schnell gewendet und dabei ihre Glaubwürdigkeit verloren? Stürmer sagte, man hätte es geschickter machen können.

Zweifel an den Parteien

Auf dem Podium ging es längst nicht mehr nur um Energiepolitik, sondern um Parteien und ihre Glaubwürdigkeit. Es ging auch darum, was die Freiheit im Netz ändert oder ob der Verlust an Glaube eine Ursache der „German angst“ sein könnte. Volker Kauder fühlte sich von Precht provoziert. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider vermittelte immer wieder zwischen dem Philosophen und dem Politiker. Precht und Kauder machten es dem Kirchenmann aber nicht leicht zu deeskalieren. Der Philosoph kritisierte die Parteien und all die Karrierepolitiker, die es in den vergangenen Jahren nach oben schwemmte oder – man könnte vielleicht auch sagen – die sich nach oben genetzwerkt haben. Weniger Macht den Parteien, war eine Botschaft. Dafür gab es den größten Beifall. Die 800 Zuhörer wollten an dem Abend kein Politiker-Sprech und keine Phrasen hören.

800 Angstforscher im Konzil

Tiefer gehen sollte das Gespräch – so hatte es sich Mitorganisator Alexander Gebauer im Vorfeld gewünscht. Die Zuhörer waren gekommen, weil sie sich dafür interessierten, was die Welt zusammenhält. Sie wollten mehr über die „German angst“ erfahren und über all die die diffusen und konkreten Ängste der Deutschen. Sie haben während des Gesprächs auch so  einiges erfahren. Doch es sollte nicht der Abend der Psychotherapeuten oder Psychiater werden. Zum Angstforscher wurde sozusagen jeder im Konzil.

Kauders Angst vorm Netz

Volker Kauder hat offenbar Probleme mit Freiheit im Internet. Ein Unbekannter twitterte in seinem Namen. Natürlich werden im Internet auch Grenzen des Anstands überschritten, Menschen gemobbt und die Anonymität hat nicht nur Vorteile. Doch jeder kann im Netz mitreden. Die Menschen sind gebildeter und informierter als vor ein paar Jahrzehnten noch, sagte Precht. Informationen erreichen über unterschiedlichste Kanäle die Menschen. Die Freiheit des Netzes hat die traditionellen Medien ihrer Torwächterfunktion beraubt. Auch das macht manchen Angst – Politikern zum Beispiel.

Verlorener Glauben

Viele haben den Glauben verloren – manche den  an Gott, andere auch nur den an die Politik oder an die Beherrschbarkeit von Technik. Alles kann ängstlich machen und – sogar Politikern – die Geborgenheit und Sicherheit rauben. Kauder hat seinen Glauben an Gott nicht verloren – das andere machte ihn im Konzil wütend. Anscheinend hat er auch Ängste.

 

 

 

 

 

 

Fotos: wak

 

 

2 Kommentare to “Konstanzer Konzil(streit)gespräch über „German angst“”

  1. dk
    10. April 2011 at 19:50 #

    @ Glauben an Gott nicht verloren

    Das Klinikum KN hat in Patienten-Räumen ca. 10 (max.15) cm kleine Kreuze aufgehängt, die optisch ungewöhnlich sind: das schlichte Kreuz besteht aus vielen bunten Teilchen, die Kreuze sind auch nicht identisch; jedenfalls viel überraschender aus dem Rahmen fallend und zum Nachdenken anregender als manche Papstfigur in KNer Berichten. Meine erste Frage war: Kunst oder Kitsch? Beides wurde verworfen.

    Der Besucher übersieht die Kreuze leicht (weil unaufdringlich) und auch andere Religionen dürften sich keinesfalls daran stören: verbale Glaubenskriege gibt es eher im Internet und nicht im 2-5 Bettzimmer.
    Es gibt noch andere nicht-religiöse Punkte, die auf eine psychische Patienten-Betreuung schliessen lassen, die den Heilvorgang beschleunigen soll.

    Bei einem Krankenbesuch konnte man eine junge Frau in ihrem Bett sitzend sehen, die mit ihrem Finger konzentriert auf einem mobilen Gerät herumfuhr: Gott scheint den Internet zugeneigt zu sein.

  2. Lothar Herzog
    11. April 2011 at 09:35 #

    Weniger Macht den Parteien?

    Mit dieser Aussage kann ich aber wenig anfangen. Eigentlich
    sollten ja die Parteien die Keimzellen des Volkswillen sein.

    Aber wenn ich als Bürger immer nur sage: Mach Du mal, dann
    kann nichts gescheites rauskommen.

    Von einer Bank des ewigen Kritikers kann ich die Arbeit jedes
    Politikers kritisieren.

    Wenn jemand so schlau ist wie der Herr Precht wäre meine Frage
    gewesen. Wenn Sie es besser wissen, dann machen Sie es doch.

    Das war doch ein Heimspiel für die Politikkritiker.

    Solange wir zu einem riesigen Vergnügungspüark verkommen
    sind wird sich nichts ändern.

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