Konstanzer live Politiker Talk: The Winner is…

Bückleinkunsttalkshow präsentierte bravourös ein Best of Landtagskandidaten

Konstanz. Podiumsdiskussionen waren gestern. Die Bückleinkunsttalkshow ist heute. Tobias Bücklein hat es geschafft, vier Konstanzer Landtagskandidaten als Menschen zu präsentieren: Geistreich, witzig, spannend, überraschend und nie verletzend. Sie erzählten aus ihrer Kindheit und zeigten, dass sie nicht nur Politiker-Sprech können. Dieses Format verdient die Bestnote und ist unbedingt empfehlenswert.

Politiker-Sprech-Verbot

Eine Bühne, zwei bequeme Sessel, in der Mitte ein Flügel und ein Oberschiedsrichter namens Marc Schloßarek. Der war mit einer lauten Hupe ausgerüstet und autorisiert, die Politiker zu unterbrechen, sollten sie sich doch verbotenerweise in Politiker-Sprech oder Wahlwerbung versuchen. Sie taten es aber nicht. Angehupt wurde höchsten Tobias Bücklein. Das Publikum erlebte die Menschen Siegfried Lehmann (Grüne), Tatjana Wolf (FDP), Zahide Sarikas (SPD) und Andreas Hoffmann (CDU). Und das war gut so.

Selbstportraits in kurzen Videos

Tobias Bücklein kündigte einen gefährlichen Abend an und setzte sich erst einmal an den Flügel. Jeder Kandidat hatte die Chance, sich in einem kurzen Video vorzustellen. Die Anzahl der Worte war limitiert – und sollte der Zahl der Lebensjahre entsprechen. Nur Tatjana Wolf hatte sich exakt an die Vorgabe gehalten. Sie zeigte sich später noch als lebensfrohe, humorvolle, rappende Kandidatin.

Leiser Siegfried Lehmann

Den Anfang aber machte Siegfried Lehmann (Grüne). Ein Schwarzweißfoto zeigte ihn mit Schultüte. Er erzählte von der Flucht seiner Familie aus der DDR 1961. Seine Kindheit verbrachte der Lehrer in Radolfzell, wo er aufwuchs, auf seinem Schulweg an Streuobstwiesen vorbei ging und Frösche quaken hörte. Er wuchs in bescheidenen Verhältnisse auf, hatte aber eine glückliche Kindheit. Seine berufliche Karriere begann er nach seinem Hauptschulabschluss mit einer Ausbildung zum Technischen Zeichner. Lehmann begann eine Fotografenlehre beim Fotografen Lauterwasser in Überlingen, wurde Sachverständiger beim TÜV und erst später Berufsschullehrer. 1979 war er Gründungsmitglied der Grünen. Er hätte sich in der Show auch ein Lied von Linkin Park wünschen können, entschied sich aber für ein Stück von Keith Jarrett. Sein künstlerischer Beitrag waren Fotos, darunter viele Schwarzweißbilder und Architekturdetailaufnahmen. Lehmann zeigte sich als unaufgeregter und nachdenklicher Typ.

Lebensfrohe Tatjana Wolf

Ein echtes Kontrastprogramm war da der Auftritt von Tajana Wolf. Sie outete sich als Hessin, Autofahrerin, eine, die mit dem Fahrrad die Alpen überquerte, und Lust am Leben hat. Anders als die drei anderen Kandidaten erzählte sie von einer bürgerlichen Herkunft und wie sie behütet in einem Lehrerhaushalt aufwuchs. Mehrmals im Jahr fuhr die Familie in die Ferien. Ein Foto zeigte Tatjana Wolf als Schulkind mit blauem Rock und gelbem Oberteil an einer spanischen Küste. In Konstanz hat sie später Jura studiert, nachdem sie mit ihren Eltern überlegt hatte, was in Frage käme. Den See hat sie nie mehr verlassen. Neben dem Studium jobbte sie im Klinikum in der Pflege. Seit 2002 ist sie Mitglied des FDP. Tobias Bücklein hatte alle Kandidaten gebeten, in der Show ein Lied zu singen. Tajana Wolf entsprach der Bitte. Sie begeisterte Gastgeber Bücklein und das Publikum mit einem live vorgetragenen Rap. Glück hatte Tatjana Wolf, dass die Gäste der Bückleinkunsttalkshow nicht auch noch eine Zugabe von ihr einforderten. Prädikat: HipHop. Von Bücklein gewünscht hatte sie sich sozusagen als Kontrastprogramm „I never promised you a rosegarden“. Bücklein schnappte entschlossen seine Konzertgitarre und ging mit Tatjana Wolf, die er gelbe Rosen verteilen ließ, „I never promised you a rosegarden“singend durch die Reihen der Zauschauer.

Lesende Zahide Sarikas

Zahide Sarikas trug einen roten Schal. Sie erzählte aus ihrer Kindheit in Ostanatolien, wo sie in einem Dorf ohne Strom und Wasser aufgewachsen ist. 85 Prozent der Dorfbewohner waren Analphabeten. Die Großmutter erzählte stundenlang Märchen. Einen Fotoapparat gab es nicht. Kinderfotos besitzt sie nicht. 1970 ging ihr Vater als Gastarbeiter nach Deutschland. In Duisburg war er Mitglied einer Gewerkschaft und der SPD. Bis 1986 lebte auch Zahide Sarikas in Duisburg. Was ist Heimat, wollte Bücklein von ihr wissen. Für Zahide ist es Konstanz. Bücher, sagte sie, seien ihr wichtig. In ihrem Haushalt bekämen sie immer den besten Platz. Auch wenn Zahide Sarikas längst einen deutschen Pass hat, schlägt ihr Herz noch immer türkisch. Sie trug in der Show ein Gedicht zuerst auf Deutsch, dann auf Türkisch vor und wünschte sich von Tobias Bücklein ein türkisches Lied. Er ließ sich mit einer Saz, einer türkischen Laute, begleiten und im Hintergrund prasselte ein Lagerfeuer. Ein paar Tränen kullerten der Kandidatin aus den Augen. Zahide Sarikas sprach von Integration und Bücklein fragte sie nach den Aleviten, einer in Anatolien entstandene Religionsgemeinschaft, der sie angehört . Religion spiele keine große Rolle in ihrem Alltag, sagte Zahide Sarikas aber.

Singender Andreas Hoffmann

Andreas Hoffmann musste am längsten auf seinen Auftritt warten. Er wünschte sich von Bücklein dessen Lied „Wenn Du nicht da bist“. Auch Hoffmann, der in einer Arbeiterfamilie groß wurde, gab Bücklein erst einmal einen Korb. Einen Fotoapparat gab es in der Familie Hoffmann lange nicht, weshalb auch Hoffmann keine Kinderbilder in die Show mitbringen konnte. Sie seien drei Kinder gewesen und nicht reich. Ob er selbst jetzt den bürgerlichen Traum lebe – mit Frau, zwei Kindern und einem Hund wollte Bücklein wissen. Hoffmann erzählte, dass es beim Familienhund eine Besonderheit gebe. Er sei immer nur ein Jahr in der Familie und werde auf der Reichenau zu einem Blindenhund ausgebildet. Momentan ist es ein Labrador Retriever. Bücklein fragte nach dem Zusammenhang zwischen Politik und christlichem Selbstverständnis. Sind Sie im Landtag und beten? Hoffmann sagte, gerade als Christ müsse man sich einmischen. Die Nebensitzerin fragte, ist er in der CDU? Hoffmann, der von sich sagt, gern zu kochen, zeigte sein japanisches Gemüsemesser vor. Mit ihm ließen sich rote, grüne und gelbe Paprika schneiden. Als einziger Kandidat war Hoffmann bereit im ausverkauften Quartierzentrum Bückleins Bitte voll und ganz zu entsprechen und tatsächlich ein Lied zu singen. Er hatte sich für Leonard Cohens „Hallelujah“ entschieden. Einzige Bedingung: Bücklein musste mitsingen.

Vier Kandidaten in zwei Stunden

Normalerweise sei um 22 Uhr Schluss, sagte Bücklein. Mit einer Weinprobe für die Kandidaten ging er aber in die Verlängerung. Vielleicht, sagte er, stünden am 27. März in Konstanz die Namen von neun Kandidaten auf dem Wahlzettel. Hätte er zu seiner Show alle eingeladen, hätte sie bis weit nach Mitternacht gedauert. Mit Bernhard Hanke von der Linken und Ute Hauth von den Piraten habe er sich vor der Show unterhalten und spielte auch noch ein Video mit Ute Hauth ein, in dem sie sich wie die anderen vier vorstellen konnte. Manchmal sind weniger mehr – bei der Bückleinkunsttalkshow waren vier Kandidaten in jedem Fall genug.

Sponsor gesucht

Eine weitere Bückleinkunsttalkshow ist vorerst nicht geplant, sagte Tobias Bücklein. Er ist bis auf weiteres auf Sponsorensuche. Hoffentlich findet er einen Freigiebigen – und hoffentlich spätestens noch rechtzeitig vor der nächsten Bundestagswahl.

Foto: Showmanufaktur

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