Konstanzer Richter: Affen-Praktikantin nicht unschuldig

Praktikantin lief auf eigene Faust in Urwald und muss für Rettung zahlen

Konstanz (wak) Die dritte Zivilkammer des Konstanzer Landgerichts sollte am Freitag darüber entscheiden, ob eine Studentin, die sich im kongolesischen Dschungel verlaufen hatte, für ihre Rettung mit bezahlen muss. Die Konstanzer Richter fanden, dass es schwierig sei, darüber zu urteilen, wer schuld an der mehr als einwöchigen Odyssee durch den Urwald hatte. Klar sei aber, dass die Studentin ein hohes Risiko einging, als sie sich von ihrem Führer trennte. Das Gericht schlug deshalb einen Vergleich vor. Nur die Friedrichshafener Rechtsanwältin Rechtsanwältin Nuria Schaub war darüber irritiert. Sie erwartete offenbar, dass die Max-Planck-Gesellschaft zahlen müsste.

Blasse junge Frau im Blitzlichtgewitter

Die Szene im Gerichtssaal war bizzar. Im Blitzlichtgewitter saß eine blasse schmale junge Frau mit blonden Haaren und Brille. Ihre Familie hatte sich hinter ihr an die Pressebank gesetzt. An der gegenüberliegenden Seite saßen der Rechtsanwalt des Leipziger Max-Planck-Instituts sowie ein Mitarbeiter der Max-Planck-Gesellschaft.

Wilderer retten weiße Frau

Noch einmal erzählte der Richter im Schnelldurchlauf die dramatische Geschichte der Studentin, die als Praktikantin der Max-Planck-Gesellschaft in den kongolesischen Dschungel gekommen war. Die Studentin wollte Material über Bonobo Affen sammeln, weil sie über die Zwergschimpansenart ihre Diplomarbeit im Fach Biologie schreiben wollte. Doch dann ereignete sich im Dschungel des Kongo schier Unerklärliches. Die Studentin bewegte sich mehrfach auf eigene Faust durch den Urwald. Beim ersten Mal verlief sie sich nur beinahe – beim zweiten Mal verirrte sie sich im Dschungel und wurde erst nach mehr als einer Woche zufällig von Wilderern aufgegriffen. Das Max-Planck-Institut hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine aufwändige Suchaktion gestartet. Sogar eine Hundestaffel der Johanniter wurde eingeflogen. Noch bevor die Hunde mit der Suche nach der Praktikatin beginnen konnten, erreichte aber bereits die Nachricht, dass eine „Weiße Frau“ gesichtet worden sei, das Camp. Ein Forscher des Max-Planck-Instituts, der als Zeuge geladen war, und die Studentin schilderten beide, was sich im Lager und im Urwald abspielte.

Rettungsaktion kostete 64.000 Euro

Nicht urteilen wollte das Gericht im Zivilprozess über Schuld oder Unschuld. Eigentlich ging es den Parteien ja auch nur um Kosten in Höhe von 64.000 Euro für die Rettung, darunter 30.000 Euro für die Hundestaffel, sowie eine Schmerzensgeldforderung in Höhe von 100.000 Euro, die das Gericht aber für dramatisch überhöht fand. Angemessen seien vielleicht 10.000 Euro. Thema waren Schutz- und Fürsorgepflichten und inwieweit jeder Mensch für sich und sein Verhalten selbst verantwortlich ist. Wurde die Studentin richtig im Camp instruiert? Dufte eine Praktikantin allein in den Dschungel laufen? Hätte es eine bessere Ausrüstung gebraucht?

Praktikantin entschied aufzubrechen

Begonnen hatte das Drama in einer Kletterhalle in Leipzig. Dort kam die Praktikantin in Kontakt mit dem Forscher des Max-Planck-Instituts, mit dem dann auch in den Kongo reiste. Schon am ersten Tag folgte die Praktikantin vom Camp aus – was sie niemand sagte – Affen und hätte sich in unmittelbarer Nähe des Lagers fast verlaufen. Zwei Tage später sollte sie dann mit einem Assistenten in den Urwald aufbrechen – der Mann sollte ihr Wege im Dschungel und Affennester zeigen. Die Praktikantin erlebte die Tour durch den Urwald offenbar als extrem anstrengend. Sie wollte zurück ins Camp. Das Zweierteam war zu diesem Zeitpunkt nur etwa 50 Meter von einem Hauptweg entfernt. Die Praktikantin ging alleine los, verfehlte den Weg und verirrte sich im Dschungel. Dass sie sich alleine auf den Rückweg gemacht hatte, war ihre Entscheidung. Sie hatte, wie sie in Konstanz im Gerichtssaal sagte, den Assistenten nicht gebeten, sie zu begleiten.

Niemals alleine im Urwald

Der Forscher, mit dem sie aus Deutschland angereist war, sagte, die Praktikantin habe sehr gute Vorinformationen gehabt. Grundsätzlich gehe niemand allein in den Dschungel. Wenn sich Wissenschaftler nach drei oder vier Monaten im Wegenetz auskennen, seien Ausnahmen möglich. „Die Regel gilt niemals für Neulinge“, sagte der Biologe. Auch ein Professor dürfe nicht alleine in den Wald. Die Praktikantin aus Deutschland entfernte sich trotzdem – wie sie auch dem Gericht erzählte – schon am ersten Tag alleine vom Lager. Sie sei zurückgekommen und habe berichtet, dass sie sich fast verlaufen hätte, so der Wissenschaftler. „Jetzt habe ich mich zum ersten Mal verlaufen“, soll sie gesagt haben. Offenbar war der Forscher überrascht. Er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sich die Frau nicht mehr im Zelt oder im Waldbüro befand. Er stellte gegenüber der Studentin klar, dass niemand das Lager verlässt ohne Bescheid zu sagen und dass auch niemand alleine durch den Dschungel geht.

Assistent hätte Studentin stoppen sollen

Zwei Tage später trennte sich die Praktikantin nach sieben Stunden im Dschungel von ihrem Begleiter, weil der Mann weiter Bonobos beobachten wollte, während die Frau zurück zum Lager wollte. Das Konstanzer Gericht kam trotzdem zu dem Schluss, dass nicht nur die eigenwillige Studentin schuld sei, weil sie ein hohes Risiko einging, als sie auf eigene Faust zum Lager zurück wollte. Auch der Assistent, der ein eher stiller schüchterner Typ sein soll, handelte nach Meinung des Gerichts nicht verantwortlich. Er hätte die nach ihren eigenen Angaben erschöpfte Praktikantin nicht alleine gehen lassen dürfen, meinte das Gericht. Deshalb müsse auch das Max-Planck-Institut einen Teil der Rettungskosten bezahlen.

Praktikantin muss Anteil bezahlen

Das Konstanzer Gericht schlug vor, dass sich die junge Frau nur mit 15.000 bis 20.000 Euro an den Rettungskosten beteiligen soll. Der Anwalt des Max-Planck-Instituts war einverstanden. Das Max-Planck-Institut wollte offenbar verhindern, dass der Vorfall im Dschungel zu einer endlosen Geschichte wird. Nuria Schaub zögerte. Die ehemalige Praktikantin und ihre Anwältin haben jetzt noch bis zum 6. August Zeit, dem Vergleich zuzustimmen. Fest steht bereits jetzt: Falls sie sich weigern und das Konstanzer Gericht ein Urteil fällen muss, wird sich die ehemalige Affenforscherin trotzdem an den Kosten beteiligen müssen. Mit null Euro, wie ihre Anwältin wohl etwas blauäugig gehofft hatte, wird die junge Frau den Gerichtssaal keinesfalls verlassen.

Foto: wak

Ein Kommentar to “Konstanzer Richter: Affen-Praktikantin nicht unschuldig”

  1. dk
    31. Juli 2010 at 10:49 #

    Personalchefs könnten die Studentin je nach Sichtweise entweder negativ oder auch positiv bewerten, so dass diese Google-Einträge auch karriere-fördernd sein könnten.

    Der Begriff „eigenwillig“ ist stark individuell abhängig:
    in den Wäldern des Bodanrücks gibt es Wege mit alle 50-100 m Abzweige und Kreuzungen, so dass Wanderer relativ schnell die Himmelsrichtung verlieren und dankbar sind falls Sie einen Menschen, eine Asphaltstrasse oder einen Blick auf den Bodensee erhalten.
    Inzwischen kann man sich sogar am Feldberg (Schwarzwald) verirren und an exklusiven Stellen sogar abstürzen.

    In einem grossen nördlichen Mittelgebirge gibt es einen historisch begründeten „Dschungel“, aber mit langen Waldwegen. Die Tücken sind hier eher: sehr wenige Fahrstrassen, Menschenleere abseits der Touristenströme, ein riesiges Gebiet und ein Wetter, das mind. genauso launisch und heftig wie am Bodensee ist.
    Im Winter (inkl. Übergangszeiten) können sich sehr rasch (ant)arktische Verhältnisse ergeben; mit Problemen, die sich nicht erst in 1 Woche gelöst werden sollten.
    Ein weiteres Praktikum in eisigen Zonen würde sich anbieten und die Bewerbungsmappe aufwerten.

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