Konstanzer Schauspieler auf den Spuren eines Sexualverbrechers: „Keine Freunde, keine Liebe“

Johannes Merz und Yannick Zürcher erzählen Geschichte eines pädophilen Serienmörders

Premiere in der Tiefgarage: Yannick Zürcher und Johannes MerzKonstanz. „Tiefer gehen“ ist ein Stück, das von sexuellem Missbrauch handelt und davon, was einen Sexualstraftäter antreibt. Johannes Merz und Yannick Zürcher haben sich einen schweren Stoff ausgesucht und ihn in einer Konstanzer Tiefgarage zum ersten Mal aufgeführt. Die Konstanzer Schauspieler erzählen aus Sicht des Sexualverbrechers die bedrückende Geschichte von zu wenig Liebe und Morden. Am Ende sind vier Knaben tot. Die Texte stammen aus Briefen des pädophilen Serienmörders Jürgen Bartsch. Regie führte Pia Donkel.

Innenwelten eines Sexualverbrechers

„Ich habe Euch das genommen, was Euch auf Erden am liebsten war. Das ist bestimmt von mir nicht zu verantworten, wenn ich Euch bitte: Bitte verzeiht!” Das Konstanzer Theater gewährt in dem Stück Einblicke in das Fühlen und Denken eines Sexualverbrechers – es erzählt aus der Perspektive des Täters. Die Fragen des Abends heißen: Woher kommt der innewohnende, nicht zu besiegende Drang nach Gewalttaten? Woher kommt die Erregung, wenn dem Opfer Angst und Hilflosigkeit in den Augen steht?

Eiseskälte in der Tiefgarage

Erster Aufzug: Seelenlose Tiefgaragenatmosphäre, niedrige Decke, grauer Betonboden, geparkte Autos, Neonröhren verströmen kaltes Licht und es gibt keine Bühne. Freddy Quinns Schnulze „Heimatlos“ dudelt aus einem Autoradio. „Keine Freunde, keine Liebe“. Türen und Heckklappe eines Autos sind geöffnet. Johannes Merz und Yannick Zürcher gehen ruhelos hin und her. Einer schaltet ein Licht aus. Dann geht es wieder an. Im Hintergrund ist lautes Hämmern zu hören. „Keine Freunde, keine Liebe“ – das geht fast zehn Minuten so. Das Publikum sitzt auf harten Holzstühlen.

Selten berührt und zu wenig geliebt

Die Geschichte des Sexualstraftäters beginnt mit dessen Kindheit. Collagenartig reihen sich Sätze und Szenen aneinander. „Keine Freunde, keine Liebe“. Die leibliche Mutter hat den Jungen nach der Geburt verlassen. Die Adoptiveltern haben ihm dicke Suppe gegeben aber zu wenig Zärtlichkeit. Nie hört der Junge den Satz: „Ich habe Dich lieb.“ In der Familie herrscht Eiseskälte. „Meine Mutter muss putzen.“ All das wirkt wie ein einziges Klischee, ein eingefahrenes Erklärschema eben.

Der Erste war der „kleinen Alex“

Zwei Schauspieler geben den Täter. Es gibt keinen, der gut ist, und keinen, der den Bösen spielt, kein Es und kein Über-Ich. In ihren Rollkragenpullis sehen die Männer aus wie rechte Biedermänner. Das erste sexuelle Erlebnis hat der Sexualverbrecher, als er 14 Jahre alt ist, mit dem „kleinen Alex“. Wie konnte es passieren? „Tiefer gehen“ lässt den Verbrecher zur Wort kommen, will die Taten beleuchten, nicht entschuldigen. Das Licht in der Tiefgarage geht plötzlich aus. Es ist stockdunkel, als die Schauspieler die Tat aus dem Off naturalistisch schildern. Rasierklingen, Messer und ein Hammer. Der Sexualverbrecher hat seine Opfer ausgezogen, gefesselt und ihnen mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen. Er sagt, sie hatten Pech.

Täter zuerst Opfer sexueller Gewalt

Die Kälte kriecht hoch. Die Zuschauer ziehen die Köpfe zwischen die Schultern. Das nächste Opfer: Klaus war erst acht Jahre, der Täter 15 Jahre. Die Befriedigung hält eine Woche. Am Ende sind vier Knaben tot. Woher aber kommt dieser Drang? Woher kommt die Erregung, wenn dem Opfer Angst und Hilflosigkeit in den Augen steht? Das Autoradio dudelt. „Keine Freunde, keine Liebe“. Missbrauchserfahrungen, die der Täter machte, werden geschildert. Männer haben sich an Kindern vergangen. Es passierte in einem Knabeninternat und in den Ferien in einem Zeltlager. Der Verbrecher hat zuerst Gewalt und sexuelle Gewalt erfahren, bevor er selbst zum Täter wurde.

250 Briefe eines Mörders

Bartsch gilt als sadistischer, zu Gewalttaten neigender Täter, der auf Knaben fixiert war. Festzustehen scheint: Schon im Jugendalter zeigte sich seine pädophile Neigung im katholischen Internat in Marienhausen. Die Texte, die in der Konstanzer Tiefgarage zu hören waren, stammten offenbar aus Briefen des Mörders. In der Zeit bis April 1976 schrieb Bartsch insgesamt 250 Briefe an einen Journalisten. Der Sexualverbrecher erzählte darin sehr ausführlich aus seinem Leben. Aus den Briefen machte der Journalist ein Buch mit dem Titel „Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch“, das 1972 erschienen und inzwischen vergriffenen ist. Bartschs Briefe waren auch Grundlage für ein Ein-Personen-Stück „Bartsch, Kindermörder“, das 1992 am Ulmer Theater uraufgeführt worden ist.

Prädikat sehenswert

Das Konstanzer Stück „Tiefer gehen“ hat das Publikum frösteln lassen. Das Stück hat nichts gerechtfertigt und nichts entschuldigt. Es hat nur versucht, zu schildern wie aus einem sich ungeliebt fühlenden Jungen eine kranke Täterpersönlichkeit, ein Sexualverbrecher geworden ist, der unfähig war wahre Liebe zu empfinden, auch weil er als Kind selbst zu wenig Liebe bekam. „Keine Freunde, keine Liebe“. Ein Teufelskreis. Vielleicht ist es nicht die ganze Wahrheit. Verhalten und die Fähigkeit zu Empathie sind nicht nur sozial determiniert. Einige Sätze erreichten die Zuchauer gar nicht. Die Akustik in der Tiefgarage war nicht sehr gut und manche Passagen waren kaum zu verstehen. Am Ende gab es sehr viel Beifall für Johannes Merz und Yannick Zürcher. „Keine Freunde, keine Liebe“. Prädikat sehenswert.

Geplant sind noch vier weitere Aufführung, allerdings nicht in der Tiefgarage, sondern in der Spiegelhalle. Termine sind am 13. und 23. Februar sowie am 5. und 25. März jeweils um 20 Uhr.

Foto:  Stadttheater Konstanz

Ein Kommentar to “Konstanzer Schauspieler auf den Spuren eines Sexualverbrechers: „Keine Freunde, keine Liebe“”

  1. dk
    17. Januar 2011 at 13:18 #

    Beim „Tagesanzeiger Zürich“ wurde folgendes Buch besprochen, was nicht so kriminalistisch, aber auch aufrüttelnd klingt: die Suche nach der Taschenlampe hat begonnen.

    Unter deutschen Betten: Eine polnische Putzfrau packt aus
    http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Die-Deutschen-sind-Ferkel/story/23205575

    Produktdetails, Kurzbeschreibung und KD-Rezensionen:
    http://www.amazon.de/Unter-deutschen-Betten-polnische-Putzfrau/dp/3426783975/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1295266190&sr=8-1

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