Konstanzer Schüler: Finanzen dürfen nicht über G8 oder G9 entscheiden

Nach einer Bildungsveranstaltung des CDU-Stadtverbands – Nachgefragt bei Franz Sauerstein, Sprecher des KSP, und Debattenteilnehmer

Konstanz. Der CDU Stadtverband hatte in dieser Woche zu einer Debatte über die „Entwicklung der Schullandschaft in Konstanz“ in den Wolkensteinsaal eingeladen. Diskutiert haben die Beteiligten, unter ihnen der Sprecher des Konstanzer Schülerparlaments (KSP) Franz Sauerstein, Lehrer und Eltern plus Schüler. Die Entscheidungen, die die grün-rote Landesregierung in den vergangenen Monaten getroffen hat, verändert auch die Bildungslandschaft in Konstanz. Eine verbindliche Grundschulempfehlung gibt es nicht mehr. Immer weniger Schüler möchten zum Beispiel eine Werkrealschule besuchen. Die Gebhardschule ist künftig Gemeinschaftsschule und bei Eltern anscheinend beliebt. Wir fragten bei Franz Sauerstein nach.

Interview

See-Online: Guten Morgen Herr Sauerstein. Sie machen gerade ihr Abitur. Haben Sie den Stoff in acht oder neun Jahren bewältigt? Was ist besser G8 oder G9?

Franz Sauerstein: Guten Morgen! Ich habe das Abitur in neun Jahren gemacht – bin aber Ende der siebten Klasse von Bayern hier an den See gezogen. Dadurch habe ich das erste Testjahr G8 und das letzte Jahr G9 miterlebt. Der Vorteil an G8 wäre, dass ich schon mit 18 Jahren fertig mit der Schule gewesen wäre – wobei ich aber auch spät eingeschult wurde. Manche G8-Schüler finden es gut, dass sie pünktlich an der Schwelle zur Volljährigkeit mit dem Abitur fertig werden – andere hätten gerne mehr Zeit gehabt. Beide Systeme haben also Vor- und Nachteile. Müsste ich aber noch einmal wählen, würde ich mich für G9 entscheiden – auch wenn dieses die Regierung deutlich mehr kostet. Finanzielle Argumente dürfen in der Bildung nicht die mit dem größtem Gewicht sein.

See-Online: Kritiker, wie der frühere Schulleiter des Internats in Salem, Bernhard Bueb, bemängeln, dass es im G8 und beim Ganztagsunterricht nur auf das Lernen ankommt, es aber vollkommen egal ist, welche anderen Fähigkeiten ein Schüler sonst noch hat. Ob er sozial engagiert, kreativ und schauspielerisch begabt, politisch interessiert oder sportlich erfolgreich sei, spiele keine Rolle. Für die Persönlichkeitsbildung sei das schlecht. Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt? Ist Ihnen ausreichend viel Zeit für Aktivitäten neben dem Unterricht geblieben?

Franz Sauerstein: Meiner Erfahrung nach hatte ich sehr viel mehr Freizeit, nachdem ich ins G9 rutschte – dadurch konnte ich eben auch außerschulische Aktivitäten wie zum Beispiel die Arbeit im KSP ausführen, viel dabei lernen, neue Freunde finden und Spaß haben. Aber auch im Testjahr G8 konnte ich an der Schule Theater spielen – war dann aber auch nur einen Nachmittag in der Woche zu Hause. Viel Zeit, um Freunde auch außerhalb der Schule zu treffen, blieb da nicht. Ganz klar ist aber wohl zu sagen, dass Zeit sein muss, um nicht nur in der Schule zu sein. Es gibt so viele Angebote, auch hier in Konstanz, wo man seine Zeit verbringen kann – wenn man sie hat. Hobbys, Abenteuer, Freunde, Familie und Entspannung dürfen nicht zu kurz kommen.

See-Online: Viele Schüler wollen auf ein Gymnasium. Eine verbindliche Grundschulempfehlung gibt es nicht. Glauben Sie, dass Eltern ihren Kindern einen Gefallen tun, wenn sie sie in einem Gymnasium anmelden, unabhängig davon, ob die Kinder eher bessere oder schwächere Schüler sind? Wie hoch ist das Tempo?

Franz Sauerstein: Aussagen zum Tempo kann ich nicht machen – ich habe ja nur eine Schulausbildung erlebt.

Aus Statistiken geht hervor, dass viele Eltern zum Glück sehr genau darüber nachdenken, wo sie ihr Kind anmelden – Gespräche mit den Lehrern helfen den Eltern auf dem Weg zu ihrer Entscheidungsfindung. Extremfälle, wie die beschriebenen Eltern, tun ihren Kindern keinen Gefallen – ist das Lerntempo zu hoch, bleiben Erfolgserlebnisse aus. Das deprimiert und trifft hart. Dann muss gefördert werden – auch von Seiten der Eltern her. Wenn das Kind zum Beispiel auf der Realschule besser aufgehoben ist, kann es von dort aus den Sprung aufs Gymnasium machen. Oft wird aber gesagt, dass dieser Sprung sehr schwierig ist. Die Gemeinschaftsschule soll da Abhilfe schaffen.

See-Online: Die Anmeldezahlen in den Werkrealschulen sind dramatisch gesunken. Welche Erklärung haben Sie dafür? Welche Chancen haben Werkrealschüler, wenn sie zum Beispiel an ein berufliches Gymnasium wechseln wollen, was glauben Sie?

Franz Sauerstein: Zu dieser Frage kann ich ganz offen und ehrlich wenig sagen – ich kenne mich zu wenig bei diesem Thema aus. Eine Erklärung könnte sein, dass sich potentielle Werkrealschüler gleich für die Gemeinschaftsschule eingeschrieben haben – dort können sie nicht nur einen Hauptschulabschluss und eine Mittlere Reife erlangen, sondern auch das Abitur. Diese Möglichkeit dürfte viele überzeugt und zur Gemeinschaftsschule gezogen haben.

See-Online: Die Gemeinschaftsschule, in der Kinder nicht nach der vierten Klasse getrennt werden, hat viel Zulauf. Ist die neue Schulform besser als das dreigliedrige Schulsystem?

Franz Sauerstein: Die neue Schulform ergänzt das dreigliedrige Schulsystem. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile. Der direkte Vergleich ist schwierig, da ganz andere Konzepte den Systemen zu Grunde liegen: Wird im dreigliedrigen System ein Bildungsplan für eine ganze Klasse gelehrt, wird in der Gemeinschaftsschule jedem Schüler ein Bildungsplan für sein Niveau angeboten – hier müssen Schüler sich verstärkt Stoff selbst beibringen oder in Gruppen arbeiten. Dies ist im dreigliedrigem Schulsystem nicht zwingend. Was besser ist, hängt wohl von den Präferenzen des Einzelnen ab. Festzuhalten ist aber, dass die Gemeinschaftsschule damit wirbt, dass die Schüler durch die große Heterogenität der Klassen Gemeinschaftssinn und Toleranz erlernen – dies passiert aber auch im dreigliedrigen System: Am Humboldt-Gymnasium treffe ich und habe Freunde aus allen Bildungs- und Bevölkerungsschichten.

See-Online: Hat es bei der CDU-Veranstaltung Aussagen gegeben, die sie überrascht haben?

Franz Sauerstein: Sehr überrascht und fast geschockt hat mich eine zitierte Aussage: Das Land führt wohl das Argument für G8 in die Diskussion, dass es einfach günstiger sei. Ökonomisch gesehen ist Kostensenkung natürlich anzustreben – aber in der Regel nicht auf Kosten der Qualität. Bildungspolitisch gesehen darf Geld gern effektiver investiert – Bildungschancen aber nicht mit den Geldmitteln weggekürzt werden.

See-Online: Was haben Sie mitgenommen? Wie muss sich die Konstanzer Schullandschaft verändern oder kann alles bleiben, wie es ist?

Franz Sauerstein: Es finden Veränderungen statt in Konstanz, so viel steht fest. Claus Boldt sagte, dass man sich in vier bis fünf Jahren Gedanken um den Fortbestand der Werkrealschule machen müsste – wenn diese durch die Gemeinschaftsschule ersetzt werden kann, sehe ich hier kein Problem. Am letzten SMV-Gipfel im März sprachen die Schülervertreter der Konstanzer Schulen an, dass die Gymnasien keine akuten Notstände, wie zum Beispiel Raumknappheit, mehr leiden. Die Realschulvertreter beklagten aber, dass es an Ausstattung fehlt – sei es in den naturwissenschaftlichen Fachräumen der Theodor-Heuss-Schule oder an einem Raum für die SMV in der Zoffingen-Mädchenrealschule. Die allgemeine Meinung war klar: Schüler müssen lernen und sich auch für die eigene Schule einsetzen können.

See-Online: Vielen Dank fürs Gespräch.

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