Konstanzer SPD-Stadtrat schreibt „offenen“ Brief an seinen Hausarzt

Aufarbeitungen von Vorkommnissen wegen der Kündigung eines Chefarztes am Klinikum Konstanz

Konstanz. Die SPD-Fraktion im Konstanzer Gemeinderat stimmte in der letzten Aprilwoche für die Entlassung von Chefarzt Gert Müller-Esch. Seither ist viel passiert und Kommunalpolitiker und Mediziner haben sich öffentlich geäußert. Der gesamte Personalrat des Klinikums trat zurück. Jetzt hat der Franktionsvorsitzende der SPD im Konstanzer Gemeinderat, Jürgen Leipold, einen Brief an seinen Hausarzt geschickt. Der Mediziner gehörte zu denen, die die Entlassung kritisiert haben. Leipold möchte, dass sich sein Hausarzt in die Rolle der Klinikleitung versetzt.

 

Kunstgriff des Kommunalpolitikers

Wer der Adressat des Briefes von Jürgen Leipold ist, bleibt unklar. Den Namen des Hausarztes, an den sein Brief ging, nannte der Kommunalpolitiker nicht. Wörtlich hat er geschrieben:

„Lieber Herr Dr. ,

Sie haben wie andere Ihrer Kollegen gegen die Entlassung von Prof. Müller-Esch öffentlich protestiert. Ich will versuchen, Ihnen die Entscheidungssituation, vor der der Gemeinderat stand, zu verdeutlichen:

Stellen Sie sich, Sie kommen morgens in Ihre Praxis, finden dort einen Brief Ihrer Angestellten vor und lesen darin:

Gerade in unruhigen Zeiten seien Transparenz, Verbindlichkeit, Integrationskraft und nicht zuletzt Glaubwürdigkeit gefragt. Bedauerlicherweise würden Sie eben diese Qualitäten vermissen lassen.

Man sehe sich mit Maßnahmen konfrontiert, die weder medizinisch noch betriebswirtschaftlich nachvollziehbar seien.

Trotz hohem Einsatz dürfte es Jahre dauern, bis die in den alten Organisationsformen garantierte Versorgungsqualität wiederhergestellt sei.

Medizinisch wie auch betriebswirtschaftlich sinnlose Massnahmen würden weiter betrieben.

Sie setzten die bisherige medizinische Versorgung als auch die betriebswirtschaftlichen Erlöse aufs Spiel.

-Sie betrieben widersinnige Strukturmaßnahmen.

Nun betrifft Sie dieser Brief zwar sehr stark – er ist aber keineswegs an Sie gerichtet, sondern an Ihr Team. Er ist und soll als „Offener Brief“ sowohl Ihre Patienten als auch eine größere Öffentlichkeit erreichen – und das tut er der schweren Vorwürfe wegen auch.

Ich gehe davon aus, dass Sie von Ihrem Team eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zum Wohle der Praxis und nicht einen solchen „Offenen Brief“ erwarten. Muss das nicht für einen Leitenden Angestellten, der früher ärztlicher Direktor und zeitweilig Geschäftsführer des Klinikums war, in noch viel höherem Maße gelten?

Seien Sie versichert, dass mir die getroffene Entscheidung nicht leicht gefallen ist – so wenig wie den Kolleginnen und Kollegen. Wir haben darüber fast sechs Stunden im Gemeinderat diskutiert und selbstverständlich auch schon im Vorfeld der Sitzung.

Es geht um die Zukunft unseres Klinikums, das wir als kommunale Einrichtung erhalten wollen. Dazu muss man in der kritischen Situation, in der sich das Klinikum derzeit befindet, auch notwendige unbequeme und unpopuläre Entscheidungen treffen.

Beste Grüße

Ihr

Jürgen Leipold“

Hier geht es zu Jürgen Leipolds Brief an seinen Hausarzt

 

7 Kommentare to “Konstanzer SPD-Stadtrat schreibt „offenen“ Brief an seinen Hausarzt”

  1. dk
    12. Mai 2011 at 22:22 #

    Als ehem. Patient im ZIM würde man nicht die Angestellten eines Hausarztes (Sprechstunden-Gehilfen, Azubis, u.a. / evtl. auch Teilzeit) mit den 25 gescholtenen Ärzten vergleichen wollen.

    Wegen einer schweren Erklältung, die man per Apotheken-Medikamente behandeln wollte, wurde ein Hausarzt bestellt, der schnell das Rote Kreuz zur Klinikums-Einlieferung anforderte; die Atmung wurde als Hecheln wahrgenommen.
    Später wurde in Klinikum eine bedrohliche Situation (Lungenentzündung) angedeutet, der Hausarzt drückte es nach 2 Wochen dramatischer aus. Nach über 4 Wochen ist die normale Verfassung wieder hergestellt; die miserable Fitness hat andere Gründe. Man beneidet rüstige ältere Personen, deren Hausarzt alle Probleme ohne Klinikum heilen kann.

    Jedenfalls hatte man sehr umgängliches Personal kennengelernt, die eher vermittelten, dass auch in extremen Situationen eher Ruhe, Sachlichkeit und verantwortungsvolles Handeln bewahrt werden.
    Als Leser hatte man den Eindruck, dass der Satz über „fehlende Qualitäten“ eher als emotionale Einleitung zu der nachfolgenden langen Problem-Liste anzusehen ist, um die Diskussion zu vertiefen.
    Scheinbar haben auch bedeutende Personen einige Probleme mit eher südländischen Streitkultur: runde Tische wird man eher in den neuen BL finden (Streitkosten sparen bzw. als Ostalgie der Wendezeit).

    Muss jeder „offene“ Brief immer auch „öffentlich“ sein? Eine Verwirrung mehr für „Integrations-Behinderte“.

  2. Hinterwäldler
    12. Mai 2011 at 22:29 #

    Jürgen Leipold: Es geht ein Brief nach nirgendwo…

    Ich warne jeden kranken Menschen vor einer Klinik, die allein nach betriebswirtschaftlichen Richtlinien geführt wird. Das würde in der Endkonsequenz bedeuten, das noch vor der Notaufnahme nach dem Versicherungsverhältnis gefragt und dann die Behandlung festgelegt wird. Wie so etwas funktioniert kann am amerikanischen Gesundheitswesen nachvollzogen werden.

    Wollen sie das Herr Leipold?

    Bei wak können sie meinen Realnahmen erfahren.

  3. dk
    13. Mai 2011 at 10:11 #

    Auch in einer Notaufnahme einer kommunalen Kliniken wird nach Personalien, dem derzeitigen Zustand, Vorerkrankungen, benutzte Arzneimittel, Allergien usw. gefragt, sofern man ansprechbar ist.

    Bei hellwachem Verstand hatte man sich gewundert, dass Fragen sich teilweise wiederholten; später konnte man erfahren, dass man für „ziemlich daneben“ gehalten wurde.

    Was für Eindrucke sich ergeben, wenn man eher lächelnd gleichgültig wiederholende Fragen beantwortet und sich gleichzeitig über die Wirkungen einer Erkältung wundert? Die Sätze folgen nur nicht ganz so logisch aufeinander wie bei professionellen Werbetextern. Vielleicht wurde auch für stark alkoholisiert gehalten, weil die Stimmung in Erwartung einer schnellen Verbesserung doch beschwingt gewesen war. Ein nachträgliches Danke für die grosse Geduld in späten Nachtstunden: nur der Körper war geschwächt.

    Ob man private Kliniken in positiver Erinnerungen behalten wird, wenn dem Management Begriffe wie „Just-inTime“ und „Akkord“ im Sinne schweben? Man wartet gespannt auf Werbefilme des Klinikums: vertonte Bilder sollen intensiver wirken als „offene“ Briefe.

  4. Bolle Knallquist
    13. Mai 2011 at 11:38 #

    Von den ca. 2.000 Krankenhäusern in Deutschland werden derzeit 30% privat betrieben. Tendenz steigend. Es ist schon eine seltsame Vorstellung, daß man vor Kliniken, die „rein nach betriebswirtschaftlichen Richtlinien geführt werden“ (Zitat von Nummer 2), warnen müsse. Es geht in erster Linine um das Wohl der Patienten. Bei den aktuellen Diskussionen geht es anscheinend nur um die Mitarbeiter, um persönliche Befindnisse, Prüfnde und um Standesdünkel. Natürlich krakeelt auch die Politik eifrig mit. Da geht es dann um Selbstdarstellung, Besserwisserei und um Wählergunst. Alles Quatsch. Ein Krankenhaus ist für den Patienten da. Und auch Krankenhäuser sollten nach betriebswirtschaftlich vernünftigen Gesichtspunkten geführt werden. Die Privaten machen es, weil sie Geld verdienen wollen (ja, ich weiß: ganz böse! Aber nur wer Geld verdient, kann investieren, entwickeln, einstellen und Steuern zahlen) und die Öffentlichen sollten es tun, denn sie hantieren mit Steuergeldern herum.

  5. dk
    13. Mai 2011 at 15:29 #

    Bei einer Privatisierung würde die Spitalstiftung nur noch aus einem Weinkeller bestehen: ein gutes Bild für KNer Traditionspflege und dem Umgang mit historischem Erbe über viele Jahrhunderte.
    Vielleicht erhalten Bürger dann je eine Flasche Billigwein aus dem Verkaufserlös, damit die Begeisterung entsprechend lautstark geäussert wird. Und der max. Privatanteil wird 100% in ? Jahren erreichen.

  6. an "dk"
    13. Mai 2011 at 20:33 #

    Die Spitalstiftung gibt es seit fast 800 Jahren. Seit fast 800 Jahren werden ihr Grundstücke und Immobilien vermacht. Die Spitalstiftung ist die größte soziale Institution in Konstanz und gehört mit Sicherheit zu den etwas reicheren Stiftungen in Deutschland. Bei einer Privatisierung würde die Spitalstiftung einen Haufen Pacht einnehmen und sich weiterhin mit ihren 250 Mitarbeitern um die Fürsorge und Betreuung alter und kranker Bürger kümmern. Es gibt keinen Grund für Ihren verächtlichen Billigwein-Kommentar.

  7. dk
    14. Mai 2011 at 08:46 #

    @ Es gibt keinen Grund für Ihren verächtlichen Billigwein-Kommentar.

    Der Spitalwein war nicht gemeint, sondern eher jener aus dem Supermarkt, den sich Jugendliche für ihr Taschengeld leisten können.

    Gestern wurde im SWR-Nachtcafe über die „dt. Pillensucht“ diskutiert, wonach Bluthochdruck in Dt. weit verbreitet sein soll. Nebenbei haben Klinikums-Ärzte nach Jahrzehnten mir die „richtigen“ Tabletten verabreicht, die auch vom Hausarzt übernommen wurden. Folge: optimale Werte.
    Dank Klinikum bin ich von „medium“ Mineralwasser auf „stilles“ Wasser umgestiegen (ohne Kohlensäure), dem ich mich auch verbal anpassen möchte.

    Einer Rentnerin wurden neue Medikamente gegen Zucker verabreicht; auch diese wurden von derem Hausarzt weiter verwendet. Im Verlaufe der Betreuung durch den „ambulanten Dienst der Spitalstiftung“ haben sich die Werte deutlich verbessert (mit „Ausreissern“).

    Die Beispiele lassen eine wohlwohlende Einstellung erkennen; die Spitalstiftung (Klinikum) wurde eher „als Perle für KN“ empfunden. Ihre Bewertung bzw. Aussage gibt lediglich Ihre eigene Stimmungslage wieder, wobei mein Text missverständlich war; ich bin unemotionaler.

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