Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler über Forschungen zum Nationalsozialismus in der Konstanzer Stadtverwaltung

Jürgen Klöckler arbeitet verdrängte Vergangenheit auf – Über den Umgang mit der NS-Zeit in der Konstanzer Stadtverwaltung

Stadtarchivar Jürgen Klöckler

Konstanz. Stadtarchivar Jürgen Klöckler hat sich erneut mit Konstanz in der Nazi-Zeit beschäftigt und hat seine noch neuen Forschungen zum Nationalsozialismus vorgestellt. Erstmals hatte er über da Thema bereits bei seiner Antrittsvorlesung an der Uni referiert -später sprach er auf Einladung des Konstanzer Rosgartenmuseums vor zeitgeschichtlich Interessierten. Der Titel seines Vortrags lautete: „Verdrängte Vergangenheit. Über den Umgang mit der NS-Zeit in der Konstanzer Stadtverwaltung“. Eine Forschungsarbeit Klöcklers hatte den früheren Konstanzer OB Bruno Helmle eher zufällig in den Fokus gerückt. Dessen Verstrickungen in der Nazizeit wurden danach aufgedeckt und bewertet. Die Stadt erkannte Helmle darauf hin die Ehrenbürgerwürde ab.

Interesse an Forschungen

Die Forschungen von Dr. Jürgen Klöckler zum Nationalsozialismus stoßen offenbar in Konstanz auf großes Interesse. Als 43. Band der vom Stadtarchiv herausgegebenen Reihe der „Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen“ hat im Rosgartenmuseum eine rund 500-Seiten starke Untersuchung zur Rolle der Konstanzer Verwaltung im Nationalsozialismus der Öffentlichkeit übergeben. Sie enthält viele Quellenangaben.

„Ein wichtiger Meilenstein“

Museumsdirektor Dr. Tobias Engelsing wies in seiner Begrüßung darauf hin, wie wichtig angesichts der zunehmenden Boulevardisierung von Geschichte im Fernsehen die genaue Analyse der Strukturen sei. Oberbürgermeister Uli Burchardt betonte die Bedeutung der Arbeit Dr. Klöcklers angesichts der nach wie vor noch nicht abgeschlossenen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit: „Ich halte es für eine sehr bedeutende Leistung, dass wir heute mit der Vorstellung der Habilitationsschrift des Stadtarchivars Dr. Jürgen Klöckler einen weiteren wichtigen Meilenstein in der Erforschung der NS-Zeit der Öffentlichkeit vorstellen können. Ich habe das Wort Meilenstein ganz bewusst gewählt, denn ich bin der Überzeugung, dass Dr. Klöckler mit seiner Schrift eine ganz maßgebliche Lücke in der Forschung zum Nationalsozialismus geschlossen hat.“ Unter dem Titel „Selbstbehauptung durch Gleichschaltung: Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus“ habe er nicht nur untersucht, wie die Konstanzer Stadtverwaltung zu einem zuverlässigen Apparat im lokalen NS-Herrschaftssystem werden konnte, sondern darüber hinaus allgemeine Erkenntnisse zum Verhalten und zur Rolle von Verwaltungen im Nationalsozialismus gewonnen, die sehr erhellend sind und uns vieles erklärbarer machen.

Aktiver Teil der NS-Machtausübung

Das zentrale Ergebnis der Studie Dr. Klöcklers besteht in dem Nachweis, dass die Verwaltungen unmittelbar ab 1933 mit den neuen Machthabern in vielfältigster Weise zusammengearbeitet haben. „Kommunalverwaltungen im `Dritten Reich‘ waren aktiver Teil nationalsozialistischer Machtausübung und nicht nur – wie bislang vermutet – widerspruchlose Vollstrecker des übergeordneten Willens der großen und kleinen ‚Führer‘ im Reich und in der Provinz“, erklärt der Stadtarchivar. Doch wie konnte es dazu kommen, dass im Grunde genommen unbescholtene Bürger, Familienväter, in Vereinen engagierte Menschen sich in einem schleichenden Prozess einem Unrechtsregime nicht nur andienten, sondern es auch durch ihre Arbeit stabilisierten? Große Teile der Verwaltung, so Klöckler, hätten durch eine Antizipation des Führerwillens dazu beigetragen, ihre Position innerhalb der Bürokratie zu sichern, quasi durch eine „ideologische Selbstgleichschaltung“ ihre Stellung und ihr Verbleiben im Amt zu erhalten. Im „Dritten Reich“ haben die Kommunalverwaltungen weitgehend geschlossen „dem Führer entgegengearbeitet“ und das NS-System von unten stabilisiert und zugleich radikalisiert. So ist eine offensichtliche Symbiose aus Herrschaftsbeziehungen zwischen den lokalen NSDAP-Machthabern und den Trägern der öffentlichen Ämtern entstanden.

Sozialisation geprägt durch Kaiserreich

Begünstigt hat das Verhalten der Beamten auch ein Charakterstruktur, die ihre Vorgeschichte hat. Ihre Sozialisation sei durch das Kaiserreich und die Weimarer Republik geprägt gewesen, Loyalität und Dienstwilligkeit gegenüber der Obrigkeit galten ihnen als höchste Prinzipien. So habe Oberbürgermeister Albert Herrmann Stadtrechtsrat Franz Knapp im Jahr 1936 angewiesen, „immer darauf zu achten, dass keine Maßnahme oder Entscheidung in Widerspruch zu maßgeblichen Auffassungen der Partei“ stehe. Weitere Beispiele zeigen sich in der Radikalisierung der Kommunalpolitik gegenüber jüdischen Bürgern: So veranlasste Bürgermeister Mager bereits 1933 ein Messeverbot für jüdische Händler und Oberbürgermeister Herrmann 1937 ein Badeverbot für Juden am Hörnle, im Jakobsbad sowie im Kur- und Hallenbad. Besonders eklatant war das Verhalten der Verwaltung bei der Zerstörung der Synagoge während der Reichspogromnacht 1938. Die städtische Feuerwehr verletzte ihre Dienstpflichten, indem sie nicht löschte, ja sogar zum Helfer der SS wurde. Nach der Zerstörung sollte die Israelitische Gemeinde die Kosten des Abbruchs zahlen. Hier war es Rechtsrat Knapp, der offensichtliches Unrecht durchzusetzen hatte und der durch eine Erhöhung des Drucks wesentlich zur Verschärfung der ohnehin schwierigen Situation der Israelitischen Gemeinde beigetragen hatte.

Tabuisierung der Vergangenheit

Zwar waren stellenweise auch Konflikte zwischen der Verwaltung und dem NS-Apparat zu verzeichnen, doch bei diesen Konflikten ging es nie um inhaltliche Fragen, sondern um Prestige und Ressourcen. Nach dem Krieg sei die Schuld dann abgewälzt worden auf die NS-Funktionäre. Es fand, so Klöckler, „eine massive Umdeutung der Vorkommnisse statt“. Keiner von ihnen hätte sich an die eigene Mitwirkung und Mitverantwortung im Nationalsozialismus erinnern wollen. Stattdessen fand ein Verdrängen, Vergessen, Nicht-wahrhaben-wollen, Abstreiten, Tatsachen verdrehen und Vertuschen der eigenen Vergangenheit statt. Den Werdegang von Verwaltungsmitarbeitern schilderte Klöckler exemplarisch an den Biografien von Leopold Mager, Franz Knapp, Albert Herrmann und Bruno Helmle. Ihre Namen stehen ebenso für die aktive Mitwirkung im und Mitverantwortung am NS-Unrechtssystem wie für die spätere Tabuisierung des Verwaltungshandelns nach dem Krieg.

Auf den Punkt gebracht

Als Quintessenz aus seinen Forschungen hielt Dr. Jürgen Klöckler drei Punkte fest:

1. Die traditionelle Verwaltung trug Mitverantwortung am NS-Unrechtssystem durch sachkompetente Mitwirkung, durch Initiative von unten oder aber auch in Einzelfällen durch Unterlassung.

2. Politischer Extremismus kann jederzeit von einem Extrem ins andere umschlagen: Die Hälfte der Konstanzer „Alten Kämpfer“ hatte eine „rote“ Vergangenheit; sie waren aktive Teilnehmer an der Revolution von 1918/19 gewesen und wandten sich aber schon Anfang der 1920er Jahre dem rechtsextrem-völkischen Lager zu.

3. Es gab keine apolitische, rein vollziehende Verwaltung. Verwaltungen beschleunigen oder bremsen, sie entwickeln Initiative und sind eben keine bloßen Vollzugsorgane. Um sich selbst zu behaupten, um nicht vom Geschäftsgang der Macht ausgeschlossen zu werden, passten sich diese Verwaltungen nach 1933 an.

Nicht nur vollziehende Verwaltung

Resümierend schloss Dr. Klöckler: „Die Vorstellung einer bloß vollziehenden, vollkommen apolitischen Verwaltung ist eine Illusion, die wie eine Seifenblase in unseren Köpfen zerplatzen sollte.“

2 Kommentare to “Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler über Forschungen zum Nationalsozialismus in der Konstanzer Stadtverwaltung”

  1. Biograf
    15. November 2012 at 16:15 #

    Na ja, für Konstanz mag das ja neu sein. Tatsächlich gibt es seit Mitte der 1980er Jahre viele lokale und regionale Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass die Kommunen oftmals weit über die Vorgaben der zentralen Stellen hinaus aktiv wurden. Das gilt auch und vor allem für die Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Mitbürger. Eine sehr gute Zusammenfassung des Forschungsstandes liefert ein Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2007:
    http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39567/kommunen-und-verfolgung?p=all
    Nichtsdestotrotz ist es natürlich wichtig, dass die Rolle der Konstanzer Verwaltung aufgearbeitet wird.
    Ein Punkt in diesem Beitrag irritiert mich allerdings. Wer waren denn die unter Punkt 2 des Resümees genannten „Alten Kämpen“ mit roter Vergangenheit. Die leitenden Mitarbeiter der Verwaltung ja wohl kaum, heißt es weiter oben doch, sie seien vom Obrigkeitsdenken des Kaiserreichs geprägt.

  2. Fafnir
    18. November 2012 at 13:11 #

    Wie ist es denn eigentlich – nur mal so ein Gedankenspiel – , wenn in drei Generationen die Geschichtsforscher sich dran machen und aufdecken, überall weggeschaut hat und wer alles in was verstrickt war? Und zwar als Wegbereiter in einen islamischen Gottesstaat. Als Wegbereiter in eine linke Diktatur. Als Wegbereiter direkt in die Staatspleite, als Wegbereiter der Deindustrialisierung, als Wegbereiter zum schlechtesten Bildungssystem der Welt, als Wegbereiter weltweiter Kriegseinsätze der deutschen Armee?

    Will damit sagen, daß es zwar schön und interessant ist, die Geschichte niederzuschreiben und in die vergangenheit zu schauen. Aber wenn daraus keine Lehren gezogen werden, ist das ziemlich sinnlos. Man kann ja nicht einerseits ganz toll einen auf Geschichtsbewusst und Mahner machen, wenn man andererseits genau die Umtriebe nicht erkennt, die man anmahnt. Außerdem ist es sehr schwierig heutige Maßstäbe auf die Vergangenheit anzuwenden.

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