Konstanzer Stromkunden haben keinen Cent für Energiewende

Freie Grüne Liste fragt Stadtwerke nach Ausstieg – Bürger fragt grüne Kommunalpolitiker nach persönlichem Umstieg

Konstanz. Angeblich sind nur 28 Prozent der Bevölkerung bereit, mehr für Strom aus regenerativen Energien zu zahlen. Das hat eine Allensbach-Befragung im Auftrag des Deutschen Atomforums ergeben. Einen ähnlichen Trend stellen auch die Konstanzer Stadtwerke fest. Die Nachfrage nach den Ökostrom-Angeboten „SeeEnergie Mini“ und „SEEenergie Maxi“ sind keine Bestseller, sagte Sprecherin Silke Rockenstein.

Drei grüne Räte outen sich

Nur wenige Kunden wechselten. Geoutet haben sich bisher auch nur drei Mitglieder der Gemeinderatsfraktion der Freien Grünen Liste (FGL) in Konstanz: Christiane Kreitmeier, Charlotte Biskup und Günther Beyer-Köhler haben einem engagierten, hartnäckig nachfragenden Bürger gegenüber erklärt, sich für „SEEenergie Maxi“ entschieden zu haben und so mit einem Aufpreis von vier Cent pro Kilowattstunde (KWh)ein regionales Ökostromprojekt zu fördern.

Mehr als die Hälfte will nicht mehr zahlen

Die schwarz-gelbe Regierungskoalition hat aktuell beschlossen, bis 2022 aus der Atomenergie aussteigen zu wollen. Laut einer Allensbach Studie sollen sich 53 Prozent der Deutschen aber gegen den geplanten Ausstieg aus der Atomenergie ausgesprochen haben. Das zumindest ist das Ergebnis einer Allensbach-Befragung, die im Auftrag des Deutschen Atomforums gemacht worden ist. 52 Prozent der Bevölkerung seien demnach auch nicht bereit, höhere Preise für regenerative Energien zu zahlen. Das berichtete die faz.net.

Grüner Minister hätte es gern konkreter

Der Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat die Entscheidung der Regierungskoalition bis 2022 aus der Atomenergie auszusteigen Medienberichten zu Folge bereits kritisiert. Ihm fehlt offenbar ein genauer Zeitplan, bis wann welches AKW vom Netz gehen soll.

FGL meldete sich bei Stadtwerken

Aussteigen können aber nicht nur die Politiker, sondern auch Stadtwerke oder einzelne Verbraucher. Anfang April hatte Stadtrat Peter Müller-Neff von der FGL-Fraktion kritisch bei den Konstanzer Stadtwerken nachgefragt. Er wollte wissen, ob die Geschäftsführung beabsichtige, die Einkaufspolitik Atomstrom betreffend zu ändern. Er fragte nach dem aktuellen Strommix und wie sich ein „Ausstieg“ auf die Strompreise auswirken würde.

Dreiviertel der Haushalte beziehen Ökostrom ohne Aufpreis

Die beiden Stadtwerke-Geschäftsführer Kuno Werner und Konrad Frommer antworteten. Seit 2008 hätten die Stadtwerke ihre Einkaufspolitik so geändert, dass der Anteil von erneuerbaren Energien wesentlich erhöht worden sei. Privathaushalte, die einen Best-Vertrag mit den Stadtwerken geschlossen haben – das sind drei Viertel aller privaten Stromkunden- , beziehen seit 2011 durchweg Strom aus Wasserkraft aus der Schweiz. Für diesen Kreis werde kein Atomstrom eingekauft, so die Stadtwerke.

Ausreißer Gewerbekunden

Anders sieht es hingegen bei Großkunden, also Unternehmen, aus. Für viele Unternehmen zähle vor allem der Preis. In ihrem Mix ist neben Strom aus erneuerbaren Energien und fossiler Energie auch Strom aus Kernenergie, weil Atomstrom günstiger zu haben ist. Allerdings sei auch bei Gewerbekunden ein Umdenken zu beobachten. Einige, darunter OBI, beziehen neuerdings Ökostrom. Solche Großkunden nutzen ihren Ausstieg zur Imageverbesserung.

Reines, grünes Gewissen ohne Zusatzkosten

Dafür, dass sich nicht mehr Privathaushalte  für „SeeEnergie Mini“ und „SEEenergie Maxi“, die Tarife mit dem Aufpreis, entscheiden, mit denen sie finanziell und ganz konkret den Ausbau erneuerbarer Energien in der Region fördern könnten, könnte auch daran liegen dass sich schon 75 Prozent der privaten Haushalte für den Best-Strom aus Wasserkraft ohne Aufpreis entschieden haben und kein schlechtes Gewissen haben müssen. Das wenigstens ist die Erklärung der Stadtwerke.

Geld wäre für Solarpark

Ein geplantes Projekt, in das der Aufpreis der Ökostrom-Tarife fließen soll, ist beispielsweise ein Solarpark bei Bodman, an dem sich die Stadtwerke Konstanz beteiligen. Auf knapp 16 Hektar würden dort Photovoltaik-Module installiert, die pro Jahr etwa 5,5 Millionen KWh Strom produzieren sollen – dies entspricht einer CO2-Einsparung von umgerechnet 3.300 Tonnen im Jahr. Wer bereit ist, etwas mehr für seinen Ökostrom zu bezahlen, trägt somit doppelt dazu bei, die Umwelt zu schonen.

Keine Polemik gegen grün

Dass sich drei von zehn Mitgliedern der FGL-Fraktion outeten, lag an der kritischen Nachfrage eines Bürgers, der sich für die private Energiewende der grünen Konstanzer Kommunlapolitiker interessiert. Gegenüber See-Online erklärte er: „Es geht mir mitnichten um Polemik gegen Grün.“

Mangelnde Konsequenz angemahnt

Er verfolge die Debatte um den Atomausstieg „einigermaßen aufmerksam“ und sei auch in reger Diskussion mit Freunden, die bei der letzten Landtagswahl aus diesem Grund (oft zum ersten Mal) grün gewählt hätten. „Man kann dazu stehen wie man möchte. Ich muss aber immer wieder feststellen, dass die Wünsche zwar groß sind, jedoch keiner bisher bereit war, auch tatsächlich etwas dafür zu tun. Aktuelles Beispiel nun das neue Ökoprodukt der Stadtwerke Konstanz, bei der je nach Tarif ein oder vier zusätzliche Cents pro Kilotwattstunde in erneuerbare Investitionen gehen. Hier ärgere ich mich einfach über die fehlende Konsquenz bei soviel angeblicher grüner Überzeugung. Etwas aus eigener Tasche beitragen möchte niemand.“ Ihm sei bewusst, dass dies eigentlich die Privatangelegenheit der Kommunalpolitiker sei und sie sich demzufolge auch nicht dazu äußern müssten. Der Bürger hatte sich anscheinend mehr Rückmeldungen erhofft. Die FGL war – mit Ausnahme von Christiane Kreitmeier, Charlotte Biskup und Günther Beyer-Köhler – aber nicht bereit, Auskunft zu geben.

Foto: Hartmut910 PIXELIO www.pixelio.de

8 Kommentare to “Konstanzer Stromkunden haben keinen Cent für Energiewende”

  1. wak
    30. Mai 2011 at 13:52 #

    Bevor jemand direkt ;-) nachfragt: Ich beziehe Best-Strom aus Wasserrkaft ohne Aufpreis.

  2. TB
    30. Mai 2011 at 14:22 #

    Der Ökostrom, der aus der Steckdose kommt, ist in Wirklichkeit Atomstrom aus Prag, der mit den Steuergeldern der Stromkunden eingekauft wird.

    Schade, daß keine wirkliche Debatte über die Sicherstellung unserer künftigen Energieversorgung geführt wird. Aber was will man in unserem Land anderes erwarten, wo Sozialwissenschaftler und Therapeuten den Ton angeben und Ingenieure aus dem Land getrieben werden.

    Jahrelang wurden die Bürger von den Medien systematisch einseitig und sachlich falsch über das Energieproblem desinformiert, was zu irrealen Vorstellungen über Chancen, Kosten, Gefährdungen und Auswirkungen von Energietechniken geführt hat. Profiteure dieser Entwicklung sind politische Parteien, die diese Entwicklung nach Kräften gefördert haben, wobei die Verbreitung von Angst als Mittel der Politik mit beängstigendem Erfolg eingesetzt wurde.

    Zum grünen Wahn, daß die Welt auf deutsche „Öko-Technologien“ wartet: Deutschland exportierte 2010 Solarstromanlagen für 138 Millionen Euro nach China. China lieferte im gleichen Jahr derartige Anlagen für 5,9 Milliarden Euro nach Deutschland.

  3. db
    30. Mai 2011 at 14:48 #

    @TB

    Schon wieder falsche Tatsachenbehauptungen von Ihnen. Es ist mitnichten so, dass „[d]er Ökostrom, der aus der Steckdose kommt, […] in Wirklichkeit Atomstrom aus Prag [ist], der mit den Steuergeldern der Stromkunden eingekauft wird“. Informieren Sie sich doch mal, bevor Sie hier irgendwas verzapfen, was jeglicher Grundlage entbehrt.

    Hier bekommen Sie Informationen, die eigentlich gar nicht so schwer zu finden sind, wenn man denn danach sucht: http://www.atomausstieg-selber-machen.de/stromwechsel/oekostrom-anbieter.html

    Tschechien deckt übrigens nur 15 Prozent des eigenen Energiebedarfs aus der Atomkraft, da stellt sich schon die Frage, wie viel dann noch exportiert wird.

  4. Hiob
    30. Mai 2011 at 19:39 #

    Hallo

    Es gelten, auch für die Weltverbesserer und Grünstromer die Kirchhoffschen Regeln, d.h. der Strom kommt aller wahrscheinlichkeit aus Leibstadt, welches zu 5% der EnBW gehört…

  5. TB
    31. Mai 2011 at 09:31 #

    db ist ganz auf den Zeitgeistzug aufgesprungen. Tatsachen werden ignoriert, der eigene rosarote Glaube wird als unumstößlich und wahr hingestellt. Neben dem Papst sind die deutschen Grünen die einzigen auf der Welt, die unfehlbar sind. Haben sie schon mal was von der europäischen Strombörse gehört? Wissen sie wirklich, wie dort mit Strom gehandelt wird? Wahrscheinlich nicht. Aber das ist in Zeiten grüner Hysterie auch völlig egal.

    Seit in Deutschland sieben Atomkraftwerke vom Netz genommen wurden, haben freie Stromhändler auf dem europäischen Markt in großen Mengen Elektrizität an deutsche Energiekonzerne vermakelt, vor allem aus Frankreich und Tschechien. In Tschechien wird die Nutzung der Atomenergie von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, und bisher hat sich daran auch durch den Reaktorunfall in Japan nichts Wesentliches geändert.

    Die deutsche Panik um die Sicherheit deutscher Atomanlagen nimmt man in der Tschehei kopfschüttelnd zur Kenntnis. Ministerpräsident Petr Necas erklärte gleich nach dem GAU von Fukushima: „Wir sehen keinen Grund, warum wir irgendeiner Medienhysterie erliegen sollten.“

    Einem Volk, dessen Präsident so aufschlussreiche und vernünftige Bücher wie „Blauer Planet in grünen Fesseln“ schreibt, kann man nur gratulieren.

  6. db
    31. Mai 2011 at 14:41 #

    Es geht doch darum, dass man mit dem Bezug von Ökostrom die Einspeisung von Ökostrom bezahlt, und bei gewissen Stromtarifen zusätzlich den Ausbau der Erneuerbaren Energien unterstützt. D.h. es ist jedenfalls sicher, dass für dieses Geld Strom klimaschonend und ohne Atomkraft erzeugt wurde. Dass der Strom, der dann hier am Bodensee aus der Steckdose kommt, wohl eher aus Leibstadt stammt (- aber gewiss nicht aus Prag -), ist den Gesetzen der Physik geschuldet. Andernorts stammt er dafür dann aus den Ökostrom-Anlagen, die der Kunde hier mit seinem Geld bezahlt hat, um zur Energiewende in Deutschland beizutragen.

  7. SMK
    31. Mai 2011 at 16:55 #

    Die Stadtmarketing Konstanz GmbH bezieht schon seit Anfang 2010 den Ökostrom der Stadtwerke Konstanz. Nicht weil wir müssen, sondern weil es schlicht richtig ist. Auch auf den vergangenen GEWAs und weiteren Veranstaltungen wurde ausschliesslich dieser Strom des regionalen Anbieters verwandt. Die wenigen Euros Unterschied im Jahresschnitt bekommen wir als Unternehmen erwirtschaftet. Auch im privaten Rahmen ist meine Familie bereit mehr zu bezahlen und vertraue darauf, dass die SWK sich maximal einsetzen, nachhaltige, ressourcenschonende Stromerzeugung zu verwirklichen.
    Hilmar Wörnle, Stadtmarketing Konstanz GmbH

  8. TB
    31. Mai 2011 at 20:11 #

    Jetzt erzählt uns sogar schon das SMK das Märchen vom Ökostrom. Der ja so „richtig“ ist. Äh … zu sein hat. Wahrscheinlich wird sogar bald die Klofrau bei Hertie mit feuchten Augen ihren Senf zu den Fragen unserer künftigen Energieversorgung absondern. Demnächst wird übrigens Band drei der Gebrüder Grimm erscheinen: „Phantastische Geschichten von der Ökoenergie“. Natürlich auch als Hörbuch, damit die Ökoritter nicht zu sehr überfordert werden.

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