Konstanzer Theater Talk: Henning Mankell trifft Frank-Walter Steinmeier

Ex-Außenminister Steinmeier plädiert jenseits von Politik-Sprech für Marshall-Plan für Nordafrika

Konstanz. Afrika in weiter Ferne so fremd. Der Schwedische Bestseller-Autor Henning Mankell und der deutsche Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier trafen sich ausgerechnet auf der Bühne des kleinen Konstanzer Stadttheaters. Wieso Afrika? Warum sollten sie auf dem Theater über Kultur und Außenpolitik sprechen? Was hat beides miteinander zu tun – und wieso redet das Konstanzer Theater so oft von Afrika?

Jenseits von Sprechblasen

Wegen des großen Andrangs sperrte das Theater die Türen im großen Haus zum Start in die Spielzeit sehr weit auf. Die Zuhörer erlebten knapp 90 Minuten einen Austausch jenseits von Politiker-Sprechblasen und oberflächlichem Talk. „Information ist not knowledge“, sagte Henning Mankell. Frank-Walter Steinmeier warb für einen Marshall-Plan für die nordafrikanischen Staaten nach der arabischen Revolution. Beide erhielten lang anhaltenden Beifall. Was aber hat Konstanz mit Afrika zu schaffen?

Heart of the City

Die glutrote Sonne Afrikas leuchtete hinter der Bühne. Der Konstanzer Politik- und Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel moderierte. Das Theater hatte den Auftritt der beiden Diskutanten inszeniert. Das große Haus mit seinen 400 Sitzplätzen war restlos ausverkauft. Vor der Theaterkasse bildete sich eine lange Schlange. Einigen gewährte das Theater noch Einlass. Links und rechst neben den Sitzreihen standen viele Dutzend Zuhörer. Das Theater war am Samstagnachmittag bis zum Bersten voll und Heart of the City.

Afrika! Kultur! Außenpolitik!

Nach dem Diskurs, der ein bisschen schwerfällig begann und aufgrund der mühsamen englisch-deutschen Übersetzung der Beiträge Mankells auch immer wieder ins Stocken geriet, hatten die Gäste endlich verstanden, weshalb Chrsitoph Nix in dieser Spielzeit monothematisch auf Afrika setzt. „Afrika! Kultur! Außenpolitik!“ – so hieß das Thema der Frage-Antwort-Runde. Mankell und Steinmeier führten eindrücklich vor Augen, wieso Außenpolitik nicht ohne kulturellen Austausch, Operndörfern in Afrika und Theaterpartnerschaften funktioniert.

Frage nach den Nobelpreisen

Seibel eröffnete den Diskurs mit einer ein bisschen sperrig formulierten Frage an Henning Mankell nach dem Literaturnobelpreis, den Friedensnobelnobelpreisträgerinnen und danach, ob Frauen der Schlüssel zur Lösung der Probleme Afrikas sind.

Frauen als Schlüssel zu Veränderungen in Afrika

Es gebe viele gute Autoren, aber der schwedische Lyrikers Tomas Tranströmer sei ein „wundervoller Poet“, sagte der Autor der Wallander und Afrikaromane. Auch, dass Liberias Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, die liberianische Menschenrechtlerin Leymah Gbowee und die Journalistin Tawakkul Karman aus dem Jemen den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz gegen Krieg, Gewaltherrschaft und Unterdrückung des eigenen Geschlechts erhalten haben, hält Mankell für eine sehr gute Entscheidung. „Es ist ein guter Preis“, urteilte Henning Mankell. Er sagte, wer die Verhältnisse in Afrika verändern wolle, müsse die Rolle der Frauen verändern. Sie kümmerten sich um die Familie und die Ernährung, eine politische Rolle spielten Frauen noch nicht.

Außenpolitik ist nicht gleich Gipfeltreffen

Dann spielte Seibel den Ball dem deutschen Ex-Außenminister zu. Der Politikprofessor fragte im Wissenschafts-Sprech, wo denn „Softpower“ materiell etwas ändern könnte. Frank-Walter Steinmeier mochte den Begriff nicht so sehr und erzählte einfach da weiter, wo er am Abend zuvor in Konstanz aufgehört hatte. Seine Idee und Überzeugung: Außenpolitik ist mehr als Gipfeltreffen und Konferenzen. Außenpolitik funktioniere nur, wenn die „Instrumente erweitert“ würden. Steinmeier warb für eine andere Politik, die aufnimmt, was Menschen an „anderen Orten der Welt“ denken.

Außenpolitik trifft Kultur

Das Internet sei unzureichend, wenn es darum gehe zu verstehen. „Wir müssen uns einfühlen, lernen zuzuhören“, appellierte Steinmeier. „Dazu brauchen wir die Kultur und den kulturellen Austausch“, sagte der SPD-Politiker. Ein Schlüsselbegriff Steinmeiers heißt: „Selbstaufklärung der Politik“. Afrika sei so anders. Analphabeten könnten sich nicht im Internet informieren, deshalb schwärmte Steinmeier von der Radio-Idee „Learning by Ear“. Ohne Kultur gebe es keine Identität, sagte Mankell.

Massenmedien-Schelte von Mankell

Seibel machte einen Schlenker zu den Menschenrechten. Robert Mugabe, dem Präsidenten und Staatsoberhaupt von Simbabwe, wirft die Weltöffentlichkeit die Verletzung von Menschenrechten vor. Dem Autor der Afrikaromane ist es zu einfach, wie westliche Massenmedien berichten. So sagte er es. Sie verbreiteten „vereinfachte Nachrichten“. Mankell sprach davon wie Mugabe 1990 versucht habe, mit den weißen Farmern zu sprechen. „Er wollte eine Lösung“, sagte Mankell. Die Weißen seien Mugabe nur mit Arroganz begegnet. Ja, Mugabe sei ein Despot. Zu dieser Aussage nötigte Seibel den unbequemen Bestseller-Autor dann doch noch, der im vergangenen Jahr auch einer der prominenten Unterstützer der Gaza-Hilfsflotte war. Der schwedische Autor befand sich damals auf einem der von Israel angegriffenen Schiffe.

Jüdische Gemeinde protestierte

Wegen dieser Unterstützung der Palästinenser hatte die jüdische Gemeinde in Konstanz sogar gegen den Auftritt Mankells auf der Theaterbühne protestiert.

Steinmeiers Marshall-Plan

Afrika der schwarze Kontinent in weiter Ferne so nah. Frank-Walter Steinmeier sagte, die Demokratie in Nordafrika könne nur funktionieren, wenn auf die arabische Revolution ein Marshall-Plan  folge. Akteur müsse die momentan ausschließlich mit sich selbst beschäftigte EU sein, an deren südlicher Grenze sich in diesem Frühjahr die Welt veränderte. Wenn sich die Lebensbedingungen in Ägypten und Tunesien verschlechterten, scheitere die Demokratie.

Manchmal redet er mit seiner Frau

Eine Stunde lang habe er Fragen beantwortet, sagte Mankell. Normalerweise spreche ein Autor nicht darüber, woran er arbeite. Ja sagte, Mankell aber doch, er schreibe an einem Roman, einem Theaterstück, dem Skript für einen Film und Essays und manchmal rede er auch mit seiner Frau.

Selbstverständlichkeiten sind flüchtig

Nein, Seibel fragte Steinmeier nicht, ob er vielleicht der nächste Kanzlerkandidat der SPD sein wolle. Der Politiker sollte sagen, was er jenseits von Afrika in der Politik ändern würde. Erstens, sagte Steinmeier darauf, täte es gut, wenn die „Verantwortung des Regierens“ wieder ernst genommen würde. Und zweitens müssten „wir“ uns um das Gemeinwesen wieder stärker kümmern. Alle Selbstverständlichkeiten, mit denen wir aufgewachsen seien, gebe es so nicht mehr.

Ärger über ewige Talk-Shows

Dass Menschen nicht mehr zu Wahl gehen, Parteien wählten, die gar nicht regieren wollten, und so täten als seien Politiker die Feinde des Volkes, beunruhigt Steinmeier. Hinterher geschoben hat er auch gleich noch eine Rüge des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Fünf Talkshows in der Woche mit den immer wieder selben drei Politikern, die meistens als Idioten vorgeführt und mit zwei „Experten“ konfrontiert würden, ärgern Steinmeier. Im Fernsehen entstehe fälschlicherweise der Eindruck, in der Politik bewegten sich „nur Idioten“. Die Menschen müssten sich wieder informieren.

Begeisterter Applaus zum Schluss

Ein Idiot ist der ehemalige Außenminister sicher nicht. Diesen Eindruck, ein unwissender, oberflächlicher Politiker zu sein, hat Frank-Walter Steinmeier an einem ungemütlichen Samstag im Oktober jenseits von Wahlkampf und Politik-Sprech in Konstanz nicht hinterlassen. Oder warum hätte ihn das Auditorium sonst mit so lang anhaltendem Beifall verabschiedet?

Hier geht es zur Website des Theaters Konstanz.

Fotos: wak

Warum Afrika – Christoph Nix erklärt es gern.

httpv://www.youtube.com/watch?v=ugxUXzo038w

Ein Kommentar to “Konstanzer Theater Talk: Henning Mankell trifft Frank-Walter Steinmeier”

  1. rully
    9. Oktober 2011 at 21:09 #

    einspruch:

    — nicht nur die „ewig nörgelnden juden“, auch ich habe probleme damit, wenn sich mankell einerseits für eine besondere rolle der frauen in afrika stark macht (absolut d´accord), sich andererseits mit dschihadisten ins gemeinsame boot setzt, die von der rolle der frau als fast rechtloser gebärmaschine eine so ganz andere vorstellung haben.
    trotzdem hat sich eine mit-aktivistin aus dieser stadt dabei „kultur-gerecht“ das frauendeck zuweisen lassen, nicht wahr, frau groth?

    — ausserdem war die fahrt gen gaza keine „unterstützung der palästinenser“, sondern ein propaganda-coup für hamas.
    dass „die“ palästinenser mit solchen gestalten zunehmend weniger am hut haben, sollte man doch im „arabischen frühling“ gemerkt haben.

    — hat eigentlich jemand danach gefragt, wie es ein kann, dass man sich so eifrig mit „afrika“ beschäftigt, gleichzeitig aber jede und jeden, der schwarz und arm ist, im mittelmeeer ertrinken lässt?
    bislang hatte uns ja gaddafi den job abgenommen — gegen gutes geld, oder, herr steinmeier?

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