Konstanzer Zeitungsredakteure streiken – Leser ahnungslos

Dumping-Bezahlung und Dumping-Qualität – Journalisten fast im freien Fall

Konstanz. Südkurier-Mitarbeiter streikten vor dem Verlagsgebäude im Oberlohn und keiner merkte es. So ist es in dieser Woche gewesen.  Und so ist es auch am heutigen Donnerstag noch. Sie folgten einem Aufruf des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) und der Gewerkschaft ver.di.

Es geht Arbeitsbedingungen von Journalisten

Die Beschäftigten auch in Redaktionen verweigerten die Arbeit, um zu verhindern, dass sich ihre Arbeitsbedingungen noch weiter verschlechtern und immer weniger für journalistische Arbeit, nicht nur online, sondern auch im Print, bezahlt wird. Am Mittwoch nahmen Mitarbeiter des Südkurier und des Schwarzwälder Boten an einer Kundgebung in Villingen-Schwennigen teil.

Über ihren eigenen Kampf berichten sie nicht

Normalerweise berichten Journalisten über die Kämpfe anderer. Über ihren eigenen berichten sie nicht. Längst herrscht in Zeitungsredaktionen ein gewaltiger Sparzwang. Redakteur Erich Gropper hat die streikenden Kollegen des Medienhauses Südkurier in dieser Woche besucht.

Noch weniger Geld für Berufsanfänger

Die Lage ist dramatisch und das nicht nur beim Südkurier. Festangestellten Journalisten drohen neben weniger Geld  längere Arbeitszeiten und eine schlechtere Altersversorgung. Besonders schlecht sind die Aussichten für Berufsanfänger: Alles zusammengerechnet würde der Journalistennachwuchs bis zu einem Viertel weniger bekommen als die Kollegen, die bereits im Beruf sind. Konkret: Redakteure verdienen im ersten Berufsjahr nur noch 2650 Euro, statt 2987 Euro wie bisher – und im siebten Jahr nur noch 3100 Euro; das wären satte  900 weniger als heute. So war es schon Anfang Mai in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen. Hinzu kommt: Redakteurstellen gibt es praktisch nicht – sie werden in vielen Verlagen  zusammengestrichen. Redakteure sind aus Sicht der Medienunternehmen Kostenfaktoren.

Politik solidarisiert sich mit Journalismus

„Guter Journalismus hat seinen Preis, ihn kann es nicht zu Dumping-Konditionen geben“, sagte auch der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann. Die SPD im Kreis Konstanz appelliert an die Geschäftsleitung des Südkurier-Medienhauses, Gespräche mit den Gewerkschaften über einen Haustarifvertrag aufzunehmen. „Nur wer Mitarbeiter fair behandelt, hat einen Anspruch auf hohe Leistung und Motivation“, erklärte der SPD-Kreisvorsitzende und rote Landesminister Peter Friedrich.

Wenn der letzte Baum…

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“ Es ist paradox: Einige arbeiteten trotz des Streiks. Der Mantelteil und auch die Lokalausgaben des Südkurier erschienen deswegen trotz des Ausstands, die Online-Redaktion informierte und die Leser sind ahnungslos. Vielleicht werden sie ganz zum Schluss feststellen, dass nicht nur die Dead Wood Medien, sondern auch der unabhängige Journalismus tot ist, wenn mit Journalismus kein Geld mehr zu verdienen ist.

Hier geht es zu dem Beitrag von Erich Gropper auf dornröschen.nu.

Ein Kommentar to “Konstanzer Zeitungsredakteure streiken – Leser ahnungslos”

  1. dk
    9. Juni 2011 at 20:27 #

    Bei der weitläufigen Meinung „das Internet ist am Niedergang des Journalismus schuld“ kommen starke Zweifel auf. Auch die Bedeutung von Gewerkschaften und Verbänden dürfte dramatisch überschätzt werden.

    Wesentlichen Anteil an der Meinungsbildung in KN dürfte hingegen die Frisöre haben.

    Ein Bekannter hatte mitgeteilt, dass das Gerücht sich verbreitet hätte, er wolle sein Haus verkaufen und sein Geschäft (PC-Laden) aufgeben. Tatsache ist eher, dass er seinen Firmensitz von einem Stadtteil in einen anderen wegen besserer Parkplätze verlegt; eine Apotheke schliesst dort (wegen dem Internet-Versandhandel?). Die Wende-Möglichkeiten sind in der Sackgasse sogar bei einem Kleinwagen sehr mühsam.
    Heute wollte sogar jemand telefonisch eine Offerte für sein Häuschen abgeben.

    Komischerweise nimmt er als gebürtiger KNer diese Gerüchte ernst und rätselt „was soll ich dagegen tun?“. Vermutlich werde ich ihm raten, die nächsten 2-3 Wochen täglich sich die Haare in KNer Friseur-Läden schneiden zu lassen … und dabei sehr redselig zu sein. Wahrscheinlich werden zukünftig dort nicht nur Zeitschriften, sondern auch Anzeigen-Beilagen für Gesprächspausen liegen.

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