Leben in Konstanz: „Stadt am Seerhein“ unterm Brennglas

Studenten untersuchten „Melting Space – Herosé“ aus stadt- und raumwissenschaftlicher Perspektive

Konstanz. Die Konfliktlinie verläuft mitten durch die „Stadt am Seerhein“ zwischen Hofgärten und öffentlichem Park, der Petershausen ans Wasser bringen sollte. 14 Studierende der Master-Studiengänge „Soziologie“ und „Kulturelle Grundlagen Europas“ haben die Gestaltung und Wahrnehmung der Stadt untersucht. Außer um die Stadt am Seerhein ging es auch um das Berchengebiet und die räumliche Sicherheitswahrnehmung in der Stadt. Anna Lipphardt und Eva-Christina Edinger, Doktorandin und Juniorprofessorin, haben die Ergebnisse präsentiert. Sie sagten, zum Konflikt beigetragen habe ein Missverständnis. Die Wohnungskäufer seien nicht ausreichend oder falsch die öffentliche Nutzung des Parks informiert gewesen. Dem widersprachen allerdings Roland Jerusalem und Martin Wichmann, die in Konstanz für Stadt- und Umweltplanung zuständig sind.

183 Fragebögen an Privathaushalte

Am Seerhein treffen öffentlicher und privater Raum aufeinander. Während die Tageszeitung in ihrer Rubrik „Blaulicht“ berichtet, sobald es zu Eskalationen kommt, haben die Studenten untersucht, was im Sommer am Seerhein tatsächlich passiert und zu Spannungen führt. Dass das Nebeneinander von öffentlichem Park und angrenzenden Eigentumsanlagen problematisch ist, überrascht nicht. Die Studierenden haben 183 Fragebögen an Privathaushalte in der „Stadt am Seerhein“ verteilt. Die Hälfte kam zurück, was eine hohe Quote ist. Außerdem befragten sie 150 Besucher des Geländes. Ein Ergebnis: Nur eine Minderheit von etwa 20 bis 30 Jugendlichen falle durch abweichendes Verhalten auf. Es gebe weder „die lärmende Jugend“ noch „die sich massiv gestört fühlenden Anwohner“.

Prospekte versprachen schöneres, ruhiges Wohnen

Offenbar kauften die Wohnungseigentümer „Wohnen in außergewöhnlicher, ruhiger und zentraler Lage“ – so habe es in Prospekten gestanden und so würden auch die Wohnungen beworben, die sich aktuell noch im Bau befinden. Städtische „Dichte“ sei aber ein Merkmal urbanen Lebensstils, so Architekt Klaus Theo Brenner. Ein Problem ist auch, dass in die unteren Stockwerke der Hofgärten nicht wie geplant Gewerbe, also Büros und Praxen, eingezogen sind, und die Flächen die „gefühlt“ besonders nah am Park sind Privatwohnungen genutzt werden.

Drei Typen im Park

Die Bewohner der Eigentumswohnungen sind wohlhabend und im Schnitt 51 Jahre alt. Die Hälfte ist über 53 Jahre alt. 35 Prozent sind im Ruhestand. 50 Prozent haben einen Hochschulabschluss. Die Nutzer sind nur etwa halb so alt. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 24 Jahren. 36 Prozent haben Abitur und 30 Prozent einen Hochschulabschluss. Sie kommen um zu lesen, zum Entspannen, Rumhängen, zum Lernen, zum Schwimmen und auch um miteinander Alkohol zu konsumieren. Die Studie unterscheidet zwischen der Gruppe der „Relaxten“ (Typ Sonnenbader über 30 Jahre) , den „Geselligen“ (Typ Steinstufen-Hocker, Lachende, sich Bewegende zwischen 20 und 30 Jahren) und den „Partymachern“ (Typ „raumgreifend“ und laut zwischen 15 und 20 Jahre alt).

Scherben und Freiheitsrechte

42 Prozent der Anwohner empfinden aufgrund alkoholisierter Jugendlicher ein „Unsicherheitsgefühl“ – dagegen gaben nur 3 Prozent der Nutzer an, dass sie sich unsicher fühlen. Glas- und Alkoholverbote sowie der private Sicherheitsdienst und die Nachtwanderer hätten die Situation entschärft. Doch Glas- und Alkoholverbote greifen stark in die Freiheitsrechte der überwiegenden Mehrheit der Parkbesucher ein, die sich „verantwortungsvoll“ verhalte. So steht es in einer Broschüre, in der das angewandte Lehr-Forschungs-Projekt die Ergebnisse zusammenfasst, die die Studenten im Sommersemester 2010 erarbeitet haben. Die Uni sei zunächst von großen öffentlichen Interesse an der Arbeit überrascht gewesen.

Berchen „ausgeblendet“

Überraschend waren zum Teil aber auch die Ergebnisse, zu denen die Studenten beim Thema Berchengebiet und Öhmdwiesen sowie Sicherheitswahrnehmung kamen. Das Berchengebiet tauche in der Wahrnehmung der Stadt eher nicht auf. Entweder werde die Stadt mit dem hohen Migrantenanteil ausgeblendet oder von außen negativ wahrgenommen – ähnlich wie Neukölln in Berlin, so die jungen Forscherinnen bei der Präsentation der wissenschaftlichen Arbeit am Dienstagabend im Wolkensteinsaal des Kulturzentrums. Auch im Bereich Berchen sprachen die Studenten mit Anwohnern. Ein Ergebnis ist, dass die Altersgruppen ihr Quartier unterschiedlich wahrnehmen. Es komme zum Beispiel auf dem Spielplatz zu Konflikten zwischen Kindern und Jugendlichen. Jugendliche wiederum würden von Erwachsenen vertrieben und aufgefordert, den öffentlichen Raum zu verlassen. Jugendliche hätten keinen Rückzugsraum. Deswegen würden sie sich temporäre Treffpunkte schaffen, die sie zum Beispiel mit Hilfe von Graffiti untereinander kommunizierten.

Unsicher ist es anderswo

Auf der Suche nach dem unsichersten Stadtteil ließen sich die Studenten von einem Quartier zum nächsten schicken. Sie begannen ihre Suche im Musikerviertel, in Petershausen Ost. Antworten geben sollten Bürger und die Polizei anhand der Kriminalstatistik. Dort sind aber Lärm- oder Müllproblematiken gar nicht aufgeführt. Nach dem Brand der Kindertagesstätte in der Steinstraße, nach sexuellen Übergriffen im Hockgraben und wegen des Taximordes hatte die Polizei nur wenig Zeit für Expertengespräche. Antworten gaben aber 40 Bürger. Die Studenten kamen zu dem Schluss: „Unsicher ist es anderswo“. Die Konstanzer erleben den ihnen vertrauten Raum nicht als gefährlich. Die Bedrohung von Leib und Leben fürchtet niemand. Unsicher fühlen sich Menschen, wo die Ordnung gestört ist – in der Dunkelheit, wo sie auf Glasscherben oder Graffiti treffen. Als gefährlich werden offenbar auch Jugendgruppen wahrgenommen.

Wacklige These von Hotspot Wechseln

Jugendliche, die keinen eigenen Platz und Freiräume hätten, würden von Hotspot zu Hotspot – von der Seestraße in den Herosépark und weiter zum Schänzle ziehen, so eine These des Wissenschaftlerinnen. Bei einer Diskussionsrunde wandte eine Mutter ein, dass es nicht „den Platz“ für Jugendliche gebe. Hofgarten-Bewohner Günther Lange kritisierte, dass zu viele Scherben am Ufer zurück bleiben – Anwohner hätten vor wenigen Woche  erst Scherben aus dem Flachwasserbereich aufgesammelt und damit drei 50-Liter Tonnen gefüllt. Jetzt lägen schon wieder gefährliche Scherben am Ufer. Von „ruhiger Wohnlage“ sei in den Verkaufsprospekten, die ihm beim Wohnungskauf vorlagen, allerdings nie die Rede gewesen. Gabi Weiner von den Nachtwanderern sagte, die Nachtwanderer kämen „hervorragend“ ins Gespräch mit Jugendlichen. Martin Wichmann vom Stadtplanungs- und Umweltamt sagte, die Jugendlichen seien keine homogene Gruppe. Jürgen Treude, Leiter des Jugendamts, berichtete von einer Umfrage unter Jugendlichen durch Streetworker. Er sagte der öffentliche Raum in Konstanz sei im Sommer so attraktiv, dass dagegen kein Juze ankomme. Die Wissenschaftlerinnen hatten zuvor kritisiert, dass das Juze am Abend zu früh schließe.

Foto: wak

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