Lehren aus dem Amoklauf von Winnenden

Landtagsabgeordneter Lehmann fordert Schulsozialarbeiter für berufliche Schulen

Konstanz/Singen/Radolfzell (wak) „Um Amokläufe unwahrscheinlicher werden zu lassen, bedarf es mehr als Türknäufe und eines der strengsten Waffengesetze der Welt“, sagte der Vorsitzende des Sonderausschusses „Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden“, Christoph Palm. Derselben Meinung ist auch Siegfried Lehmann, Landtagsabgeordneter aus dem Kreis Konstanz und für die Grünen zehn Monate lang Mitglied des Sonderausschusses. Ausgerechnet an den Beruflichen Schulen im Landkreis aber fehlen Schulsozialarbeiter, bemängelte Siegfried Lehmann. Er appelliert an Landrat Frank Hämmerle, sich des Problems anzunehmen. Der Sonderausschuss des Landtags hatte am Donnerstag, am Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden am 11. März, seinen 881 dicken Abschlussbericht vorgelegt und der Landtag stimmte über Verbesserungsvorschläge ab.

100 Schulpsychologen zusätzlich

Zwölf Sitzungen hatte es gegeben. 16 Experten wurden gehört. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen, bei dem der damals 17-jährige Schüler Tim K. an der Albertville Realschule in Winnenden und später auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst tötete, hat der Sonderausschuss seinen Abschlussbericht vorgelegt und darin politische Konsequenzen verlangt. Künftig sollen an den Schulen in Baden-Württemberg doppelt so viele Schulspychologen wie bisher arbeiten. In diesem Jahr sollen 30 zusätzliche Schulpsychologen eingestellt werden – 70 weitere sollen folgen. Es soll mehr Beratungslehrer und mehr Gewaltpräventionsberater geben. Geplant ist außerdem ein Anti-Gewalt-Programm für Kinder und Jugendliche an den Schulen – nach dem Konzept des Norwegers Dan Olweus – sowie vereinheitlichte Alarmsignale an Schulen.

Mehr Aufmerksamkeit für stille Schüler

Teilzeitparlamentarier Siegfried Lehmann, der seit fast 30 Jahren selbst an einer Berufsschule unterrichtet, sagte, vor dem Amoklauf von Winnenden seien Amokläufe für ihn „sehr weit weg“ gewesen. Nach dem Besuch in Winnenden, einer kleinen Stadt mit rund 28.000 Einwohnern, änderte sich die Sichtweise Lehmanns dramatisch. Es seien die stillen, unauffälligen introvertierten Schüler, auf die Lehrer mehr achten müssten, sagte Lehmann. Er erzählte von einem seiner Schüler, der mit rot unterlaufene Augen in die Klasse kam, vermutlich weil er die halbe Nacht vorm Bildschirm gesessen hatte. In der virtuellen Welt gehe die Fähigkeit zur Empathie verloren, sagte der Abgeordnete. Lehmann, der selbst ein bisschen Experte geworden ist, ertappte sich dabei, wie er den auffälligen Schüler beobachtete. „Nicht jeder, der schwarz gekleidet in die Schule kommt, ist ein potentieller Amokläufer“, stellt Lehmann klar. Einfache Antworten gibt es nicht.

Lange Wartezeiten beim Psychologen

30 Millionen Euro wolle das Land nun in die Hand nehmen, um Vorschläge des Ausschusses umzusetzen, berichtete Lehmann. Drei bis fünf Jahre werde es dauern, bis alle Verbesserungen verwirklicht sind. Nur 100 Schulpsychologen gebe es bisher in Baden-Württemberg. Bei 1,5 Millionen Schüler kommen auf jeden Schulpsychologen so 16.500 Schüler. Nicht jeder brauche einen Psychologen, die Wartelisten und Wartezeiten sind aber trotzdem lang.

Städte müssen Türknäufe selbst bezahlen

„Türknäufe sind Krücken“, sagt Lehmann. Und nicht nur das: Bezahlen müssten die Türknäufe und Alarmanlagen die Kommunen und nicht das Land. „Schließeinrichtungen würden mehrere Millionen Euro kosten“, so Lehmann. Allein die Stadt Radolfzell habe für Alarm- und Gegensprechanlagen bereits weit über 100.000 Euro ausgegeben. Auch Schulsozialarbeiter, die von den Trägern der Schulen, also von den Städten und Kreisen bezahlt werden, kosten viel Geld. „Berufliche Schulen sind ein weißer Fleck“, so Lehmann. Ausgerechnet jene Schulen, an denen 16- und 18-Jährige oder auch 22-Jährige – und manche ohne gute berufliche Perspektive – lernen, müssen ohne Schulsozialarbeiter auskommen. Manfred Hensler, Leiter der Robert-Gerwig-Schule in Singen und Geschäftsführender Leiter der Beruflichen Schulen im Kreis Konstanz, hatte beim Konstanzer Landrat bereits einen Vorstoss gemacht. Im Haushalt 2010 seien aber keine zusätzlichen Schulsozialarbeiterstellen vorgesehen, so Lehmann.

Prävention durch Ganztagsschule

Grundsätzlich plädiert Lehmann für längeres gemeinsames Lernen von Schülern und für Ganztagsschulen. Diese sind mittlerweile Konsens, auch wenn CDU und FDP freiwillige und keine verbindlichen Ganztagsschulen vorziehen. Nicht ganz einig sind sich die Parteien auch, was das Waffenrecht angeht. Lehmann findet, großkalibrige Waffen, deren Geschosse Türen durchschlagen können und durch Menschen hindurch gehen, gehören nicht in Privathaushalte. Tim K. tötete mit einer großkalibrigen Waffe und hatte jede Menge Munition dabei, als er am 11. März 2009 das Massaker an seiner ehemaligen Schule in Winnenden anrichtete. Amokläufer ließen sich so nicht verhindern, vielleicht aber die Zahl derer, die bei einer solchen Wahnsinnstat getötet werden, hofft Lehmann. Mehr psychosoziale Beratung, eine bessere Vernetzung zwischen Beratungsstellen, Jugendhilfe und Schulen will Lehmann. Und er will die verpflichtende Ganztagsschule, damit Jugendliche am Mittag nicht alleine zu Hause sitzen und Killerspiele spielen.

Fotos: wak/Dieter Schütz PIXELIO www.pixelio.de

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